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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 6 / Ausland
Antikolonialismus

Alles aufgeboten

Algerien feiert 60. Jahrestag der Unabhängigkeit von Frankreich mit großer Militärparade. Marokko provoziert Nachbarland
Von Karim Mabruk, Algier
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Stolz und Freude: Zahlreiche Menschen feiern in Algier ihre Revolution (5.7.2022)

Es war ein ergreifender Moment, als am Dienstag um Punkt Mitternacht die in der wolkenverhangenen Bucht von Algier liegenden Schiffe ihre Sirenen erklingen ließen, darunter mehrere Kriegsschiffe. Mit einem Mal füllten sich auch die Straßen am Hafen mit hupenden und mit Fahnen geschmückten Autos, so dass schnell kein Durchkommen mehr war. Doch der Höhepunkt der Feier zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit Algeriens stand erst noch bevor: eine Militärparade, die größte in der Geschichte des Landes und die erste seit 33 Jahren. Anlässlich dieses Festtages war die Benutzung von Bussen und Bahnen umsonst. Schon vor acht Uhr versammelten sich vor den Rathäusern der Stadtbezirke zahlreiche, überwiegend junge und vielfach in den Nationalfarben kostümierte und mit Fahnen drapierte Algerier, um mit Sonderbussen zum Schauplatz des Spektakels zu gelangen: der seit dem Wochenende zur Verzweiflung der Autofahrer abgesperrten Nationalstraße vor der großen Moschee von Algier.

Noch bevor das eigentliche Defilee begann, zogen am Himmel im Formationsflug Kampfjets und Transportflugzeuge vorbei. Als dann um elf Uhr die ersten Panzer sich in Bewegung setzten und die Besatzungen der Menge salutierten, wurden sie mit Applaus und lauten Zurufen begrüßt. Alles wurde aufgeboten, was Algeriens Nationale Volksarmee zu bieten hat: Hinter den verschiedenen Arten von Hubschraubern und den zur Bekämpfung von Waldbränden dienenden Löschflugzeugen folgte eine der neuesten Errungenschaften der Militärtechnik, eine düsengetriebene Drohne, deren Spezialität es ist, andere Drohnen zu jagen und auszuschalten. Peinlich genau wurde die Dramaturgie der Parade eingehalten: Zum Abschluss um zwölf Uhr sprangen Fallschirmjäger vom Himmel.

Auf der großen Tribüne waren nach Auskunft der Presseagentur APS neben Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune und Generalstabschef Said Chanegriha unter anderem die Staatsoberhäupter Tunesiens, Äthiopiens, der Republik Kongo (Brazzaville, Nigers, Palästinas und der Westsahara versammelt. Aus Italien war die Senatspräsidentin angereist. Auch nach dem 5. Juli sind die Feierlichkeiten zum Gedenken an den so schwer und unter unermesslichen Opfern errungenen Sieg über die Kolonialmacht Frankreich vor 60 Jahren noch nicht vorbei. Sie sollen bis zum nächsten 5. Juli fortdauern. Schon seit Tagen war Algier festlich mit Wimpeln und Fahnen geschmückt. Ob in der Oper oder auf den öffentlichen Plätzen – überall wurde die Unabhängigkeit gefeiert. Die Medien waren voll mit historischen Beiträgen, Bücher zum Thema erschienen oder wurden neu aufgelegt, und in der Cinémathèque d’Alger läuft eine umfangreiche Filmreihe zur Revolution.

Am Rande der Militärparade erklärte ein Besucher gegenüber jW, welches Land gegenwärtig die hauptsächliche Bedrohung Algeriens darstelle: das benachbarte Königreich Marokko, das im vergangenen Jahr eine Militärallianz mit Israel eingegangen ist. Rabat konnte sich denn auch nicht enthalten, pünktlich zur Feier des Unabhängigkeitstages eine weitere Provokation in Richtung Algier folgen zu lassen: Indem es den UN-Sondergesandten zur Westsahara, den italienisch-schwedischen Diplomaten Staffan De Mistura, offensichtlich von einem Antrittsbesuch in der von Marokko besetzten Stadt Laâyoune abhielt, wie am Montag der Vertreter der sahrauischen Befreiungsfront Polisario bei den Vereinten Nationen, Sidi Omar, in einer Presseerklärung mitteilte. Algerien ist seit langem der bedeutendste Verbündete der Sahrauis und setzt sich auch in ihrem Fall konsequent für das Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit ein.

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