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Aus: Ausgabe vom 06.07.2022, Seite 5 / Inland
Gigafactory

Produktionsstopp bei Tesla

Grünheide: US-Elektroautobauer kündigt Betriebsferien an – für eine »Umbaupause«
Von Oliver Rast
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Der Motor von Elon Musks Elektromobilen stockt, zeitweilig zumindest (Grünheide, 15.6.2022)

Das ging flott: Nach nur dreieinhalb Monaten stehen die Bänder still. Nein, nicht dank Arbeitermacht, eher wegen Desorganisation. Der US-Elektroautobauer Tesla von Firmenboss Elon Musk stoppt die Produktion in seiner Gigafactory im ostbrandenburgischen Grünheide, berichtete am Montag der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) – und rief Betriebsferien aus. Vom 11. Juli an für zwei Wochen, hieß es am Montag abend auf dem unternehmensnahen Portal »Teslamag«. Der Grund sei eine Umbaupause.

Demnach sollen die Abläufe der erst Ende März begonnenen Fertigung tonnenschwerer Elektromobile »optimiert und nachjustiert« werden, so der RBB. Das sei bereits lange vorher geplant gewesen. Dennoch, übersetzt heißt das: Musk geht die Fabrikation viel zu langsam. Mehr noch, erst kürzlich hatte der Exzentriker gemotzt, die Werke in Grünheide und in Austin (Texas) seien »gigantische Geldverbrennungsöfen«. Das einzige, was sie einfahren: Milliardenverluste.

Eine Zwischenbilanz, die das Tesla-Projekt in Brandenburg gefährdet? Zu Unternehmensentscheidungen könne er sich nicht äußern, sagte Landeswirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) am Dienstag gegenüber jW. Freilich sei die Hochlaufphase der Gigafactory eine besondere Zeit, die stellenweise Nachjustierungen verlange, so der Minister weiter. »Ich gehe indes davon aus, dass Tesla die richtigen Entscheidungen trifft, um die Fabrik gut aufzustellen.«

Richtig sei aber auch, »Musk ist für seine Ungeduld bekannt«, sagte Heiner Klemp (Bündnis 90/Die Grünen) gleichentags zu jW. Trotz allem traute der Sprecher für Wirtschaft, Europa und Kommunales seiner Landtagsfraktion Tesla »pragmatische Lösungen« zu, um den Standort zu sichern.

Wie sieht es aktuell aus? Derweil laufen in Grünheide rund 1.000 Fahrzeuge vom Model Y wöchentlich vom Band. Um die angepeilte Jahreskapazität von 500.000 Pkw zu erreichen, müssten es mehr als 9.000 sein. Dafür müsste ferner das Arbeitstempo je Produktionsschritt erhöht werden, deutlich sogar. Von gegenwärtig 90 Sekunden auf 45, will »Teslamag« vom Unternehmensmanagement erfahren haben. Nach den beiden Umbauwochen soll alles neu getaktet sein.

Probleme dürften bleiben: fehlende Fachkräfte etwa. Momentan sollen in der Gigafactory zirka 5.000 Teslaner beschäftigt sein, und 12.000 dann bei Vollast. Bloß, die Stimmung scheint unter den Kollegen zu kippen. »Uns erreichen vermehrt Berichte über einen großen Unmut in der Belegschaft wegen ungleicher Löhne«, sagte Markus Sievers, Pressesprecher IG-Metall-Bezirksleitung Berlin, Brandenburg, Sachsen, am Dienstag zu jW. Demnach zahle Tesla bei mittleren Einkommen rund 20 Prozent weniger als bei Branchenbeschäftigten mit Flächentarifvertrag üblich. Das hat Folgen. Teilweise kehrten Kollegen zu ihren früheren Unternehmen zurück. Zudem wirke sich der Fachkräftemangel in der Region aus, es werde stets schwieriger, Personal zu rekrutieren, weiß Sievers. Die Firmenspitze hat sich nun bewegt, etwas zumindest. »Teslamag« zufolge »bekommen neue und alte Beschäftigte in Grünheide ab August sechs Prozent mehr Lohn«. Aber weiter gilt: »Tesla möchte Gewerkschaften und Tarifverträge am liebsten draußen halten«, so Grünen-Politiker Klemp.

Imagaschädigend für Tesla ist zudem die Rückrufaktion des Kraftfahrtbundesamtes (KBA). Die Behörde hatte am vergangenen Wochenende Softwarefehler bei Fahrzeugen der Modellreihe Y gemeldet, die in Grünheide produziert werden.

Nicht zuletzt geht der umweltpolitische Clinch weiter. Diesmal um eine zweite »Gigapresse«. Für das weitere Presswerk will Tesla dem Tagesspiegel vom Dienstag zufolge 1.300 Gründungspfähle aus Beton in den Boden rammen – inmitten eines Trinkwasserschutzgebietes. Der regionale Wasserverband Strausberg-Erkner (WSE) hatte dagegen geklagt und war in der zurückliegenden Woche vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt an der Oder gegen Tesla unterlegen. Fatal, wie Thomas Löb, Brandenburger Vorsitzender der Umweltpartei ÖDP, am Dienstag gegenüber jW befand. Es räche sich längst, dass »keine ausreichende Bodenbegutachtung und keine fundierten hydrologischen Untersuchungen des Baugeländes« seitens des zuständigen Landesamts für Umwelt unternommen worden waren.

Klein beigeben wollen die Ökoaktivisten nicht. Auch der Wasserverband nicht, der nach jW-Informationen in die nächste Instanz gehen wird. Aber, ganz ohne Prophetie: Tesla wird nach vierzehn Tagen seine Bänder wieder anschmeißen.

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