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Aus: Ausgabe vom 06.07.2022, Seite 5 / Inland
Altern und Sterben

Vom Heim in die Klinik

Großteil der Krankenhauseinweisungen von Pflegeheimbewohnern kurz vor Lebensende unnötig. Für bedürfnisorientierte Begleitkutur fehlt Personal
Von Susanne Knütter
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Konzepte für eine gute Planung der Versorgung am Lebensende gibt es. Aber schon für das Nötigste fehlt das Personal

Auch Krankenhauseinweisungen kurz vor dem Lebensende sind ein Indikator für die Versorgungsqualität von Pflegeeinrichtungen. Denn ein großer Teil von ihnen ist vermeidbar. Der AOK-Pflegereport 2022, der am Dienstag online vorgestellt wurde, zeigt, dass mehr als jeder dritte Klinikaufenthalt von Pflegeheimbewohnern innerhalb der letzten zwölf Lebenswochen vermeidbar wäre. So sind die Behandlungsanlässe etwa Herzinsuffizienz, Dehydration und Harnwegsinfekte. Für hochbetagte, mit verschiedenen Krankheiten gebeutelte Menschen bedeuten Krankenhausaufenthalte allerdings psychische Belastungen und kognitive Verschlechterungen ihres Gesundheitszustands, weiteren Verlust ihrer Selbständigkeit, Stürze oder in der Klinik erworbene Infektionen, erläuterte Antje Schwinger vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (Wido) im Pressegespräch.

Deutlich mehr als die Hälfte aller Pflegeheimbewohner und -bewohnerinnen wird laut Pflegereport innerhalb der letzten zwölf Lebenswochen in ein Krankenhaus verlegt. 2018 und 2019 betrug der Anteil 56 Prozent. Im internationalen Vergleich sind diese Verlegungsraten hoch, sagte Schwinger. Dass der Wert im Jahr 2020 auf 52 Prozent absank, erklärte die Wissenschaftlerin mit einer »Covid-19-bedingten Fallzahlreduktion«. In der letzten Lebenswoche befand sich mehr als jeder dritte Pflegeheimbewohner für mindestens einen Tag im Krankenhaus. Betrug dieser Anteil in den Jahren 2018 und 2019 etwa 33 Prozent, so lag er 2020 bei 31 Prozent.

Und noch etwas machte der Bericht deutlich: Die Klinikaufenthalte sind nicht immer im Interesse der Betroffenen. In Ergänzung zur Auswertung der AOK-Abrechnungsdaten befragte das Wido zwischen März und Mai dieses Jahres 550 Pflegefachkräfte und -assistenten. Die Befragten wiesen darauf hin, dass Bewohnende am Lebensende teilweise in ein Krankenhaus eingewiesen werden, obwohl dies nach ihrer Einschätzung »nicht im besten Interesse der Versterbenden ist«. Sieben Prozent geben an, dass sie dies »wöchentlich« und häufiger beobachten, jeder fünfte Befragte (21,1 Prozent) erlebt dies »monatlich« oder häufiger.

Ein hilfreiches Instrument könnte hier die Patientenverfügung sein, um potentiell vermeidbare Hospitalisierungen zu verhindern. Die Befragung habe Schwinger zufolge aber gezeigt, dass bei Aufnahme ins Pflegeheim im Regelfall auch die Patientenverfügung abgefragt wird. Nach Angabe von 44 Prozent der Befragten erfolgt eine regelmäßige Überprüfung der bestehenden Patientenverfügung aber nur »selten« oder »nie«. Gleiches befand auch jeder dritte Befragte in bezug auf »eine über die Patientenverfügung hinausgehende, vorausschauende Planung für die Versorgung am Lebensende«.

Die Ursachen dafür, und auch das ist nicht neu, liegen im Personalmangel. Zwei Drittel (67,8 Prozent) der Befragten sehen die Personalsituation als eher ungenügend an. Für 37 Prozent führt der betriebliche, zeitliche oder finanzielle Druck dazu, dass sie »wöchentlich« oder »häufiger« nicht die Pflege ausführen können, die ihren eigenen (ethischen) Ansprüchen entspricht, erklärte Schwinger.

Das ist besonders bitter, denn jeder dritte AOK-Versicherte, der laut Pflegereport innerhalb eines Jahres verstorben ist, lebte in einem Pflegeheim. Rund jeder vierte Pflegeheimbewohner – zwischen 25 bis 27,8 Prozent in den Jahren 2015 bis 2020 – verstirbt innerhalb eines Jahres. Eine Begleitkultur in stationären Pflegeeinrichtungen, die sich an den Bedürfnissen der betagten Menschen orientiert, wie sie die AOK fordert, könne aufgrund von Arbeitsverdichtung und Personalmangel allerdings nicht wachsen, erklärte Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands am Dienstag.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael S. aus Hamburg ( 6. Juli 2022 um 16:10 Uhr)
    Wer Angehörige in einem Pflegeheim hat, kann davon ein Lied singen. Ob Oberschenkelhalsbruch nach einem Sturz, Entzündungen nach Legen eines Blasenkatheters, – es gibt viele Gründe für eine Krankenhauseinweisung. Aber ein Krankenhaus ist eben kein Pflegeheim. Da kommt es zum Beispiel vor, dass die Zuständigen für das Catering das Essen auf eine Ablage stellen, ohne sich zu vergewissern, ob der Patient das Essen überhaupt erreicht und essen kann. Kommen dann Angehörige zu Besuch, wundern sie sich, dass ihre Oma/Opa so abgemagert ist. Ganz abgesehen davon, dass im Krankenhaus die Patienten fast immer auf andere, hauseigene Medikamente umgestellt werden, was auch regelmäßig zu Problemen führt.

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