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Aus: Ausgabe vom 05.07.2022, Seite 1 / Titel
Tod durch Polizei

Von Kugeln durchsiebt

USA: Erneut Afroamerikaner Opfer von Polizeieinsatz. 25jähriger von mehr als 60 Schüssen zerfetzt. Familie fordert Aufklärung
Von Ina Sembdner
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Trauer in Akron, nachdem am Sonntag die Videoaufnahmen der Polizei vom Tod Jayland Walkers veröffentlicht wurden

Knapp 19 Minuten, die verstören – sie zeigen verschiedene Blickwinkel einer polizeilichen Verfolgungsjagd in Akron im US-Bundesstaat Ohio, die für den jungen Afroamerikaner Jayland Walker in einem tödlichen Kugelhagel endete. Am Sonntag (Ortszeit) veröffentlichte das Akron Police Department (APD) bei einer Pressekonferenz die Aufnahmen von 13 Bodycams von Beamten, die am vergangenen Montag bei dem Einsatz anwesend waren. Die Aufnahmen der Körperkameras jener acht Polizisten, die kurz nach Mitternacht innerhalb von nicht einmal acht Sekunden dem 25jährigen mehr als 60 Schusswunden zufügten, wurden bislang ebensowenig veröffentlicht wie die Aufnahmen danach: Ein Anwalt der Familie, Robert »Bobby« DiCello, erklärte, die Beamten hätten Walker noch mit Handschellen versehen, bevor sie versucht hätten, ihm zu helfen.

Die Polizisten – sieben Weiße und ein Schwarzer – wurden zunächst bezahlt vom Dienst freigestellt. Generalstaatsanwalt David Yost versprach eine »vollständige, faire und fachkundige Untersuchung« und fügte relativierend hinzu, dass »die Aufnahmen der am Körper getragenen Kameras nur ein Teil des Gesamtbildes sind«. Das APD will intern klären, ob die Beamten gegen die Vorschriften oder Richtlinien der Abteilung verstoßen haben, wie die US-Agentur AP berichtete.

Die Trauer der Angehörigen und die Wut in der afroamerikanischen Gemeinschaft Akrons ist unterdessen groß. Nachdem verschiedene Medien vergangene Woche davon berichtet hatten, dass Dutzende Schüsse von acht Beamten abgegeben worden seien, organisierten verschiedene Gruppen, wie »Black Lives Matter« Cleveland oder die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), Proteste in der mittelgroßen US-Stadt, um die Freigabe der Bodycam-Aufnahmen der Polizisten zu fordern. Auch nach der Pressekonferenz am Sonntag versammelten sich Hunderte Menschen in Akron – meist friedlich, wie es zuvor auch von Walkers Familie erbeten wurde. Andere wurden mit Tränengas vor dem Justizgebäude auseinandergetrieben.

Auf den veröffentlichten Videos stellt sich der Hergang wie folgt dar: Wegen eines Verkehrsdelikts wird Walker von der Polizei aufgefordert, sein Auto anzuhalten. Er widersetzt sich, und eine mehrminütige Verfolgungsjagd beginnt, während der ein Schuss gefallen sein soll. Das Fahrzeug wird in einer Wohngegend langsamer, Walker verlässt unbewaffnet – jedoch mit einer Skimaske über dem Kopf – das noch rollende Auto und wird von zahlreichen Polizisten verfolgt, die ihn auffordern, seine Hände zu zeigen. Ein mutmaßlicher Griff an die Hüfte löst das Kugelinferno auf Walker aus, das weder durch sein sofortiges Zusammenbrechen noch durch mehrmalige Rufe eines Beamten, das Feuer einzustellen, beendet wird.

Veröffentlicht wurde auch ein Foto, das den Beifahrersitz mit Pistole, vollem Magazin daneben und einem goldenen Ring zeigt. Walker hatte vor kurzem seine Verlobte durch einen Autounfall verloren. Laut Polizei sei im Gebiet, in dem der mutmaßliche Schuss gefallen sei, eine passende Hülse gefunden worden. Das APD beruft sich auf eine potentielle tödliche Bedrohung, die lokale Polizeigewerkschaft erklärte, dass sie davon ausgeht, dass die »Handlungen und die Anzahl der Schüsse entsprechend ihrer Ausbildung und den Protokollen gerechtfertigt« gewesen seien. Für die NAACP ist derweil klar, dass Walkers Tod keine Selbstverteidigung gewesen sei, sondern »Mord. Ohne jeden Zweifel.«

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  • Leserbrief von Richard ( 5. Juli 2022 um 03:26 Uhr)
    Man sollte keine psychisch labilen Menschen (die sich womöglich noch von einem kaputten System der Gewaltverherrlichung und einfachem Schwarz-weiß-/Feindbilddenken - hab ich Hollywood gesagt? Auch nur als Teil dieses Systems - haben gehirnwaschen lassen) in eine Polizeiuniform lassen bzw. stecken. Offenbar hat das Methode und ist genau so gewollt, zieht sich diese Politik doch wie ein roter Faden durch die gesamte Politik (der USA und des Westens), die nicht in Optionen zu denken in der Lage scheint, sondern nur in Feindkategorien. 60 Kugeln … woanders las ich, das 90mal auf ihn gefeuert wurde, was kein Widerspruch sein muss. Nennt man das Blutrausch, wenn jemand so durchdreht? Vielleicht würde sich an der Polizeigewalt ja etwas ändern, wenn man nicht nur das Fußvolk zur Rechenschaft zieht (was auch schon selten genug passiert), sondern mal die ein oder andere Stufe höher ansetzt, inkl. des gesamten (Un)Sicherheitsindustriellen Komplexes. Aber gut. Dafür ist man vielelicht auch zu sehr geblendet von seiner nationalistischen Einzigartigkeit.

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