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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Notas de Cuba

Das Stechen geht weiter Notas de Cuba. Von Ken Merten

Von Ken Merten
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Tattoostudios werden auf Kuba nicht registriert, gerazzt aber auch seit Jahren nicht mehr. Es lebt sich aneinander vorbei

»Abdala« ist ein Stück, das José Martí als 15jähriger schrieb. Ein »frühes Spiegelbild seiner eigenen Existenz«, wie Radio Rebelde am 23. Januar 2019 dazu vermerkte. Die Handlung: Das nordafrikanische Nubien wird von den Arabern besetzt. Abdala zieht gegen den Willen seiner Mutter in den Befreiungskampf. Nubien siegt, Abdala stirbt im Wissen darum glücklich.

Ich lasse mich mit Abdala, einem der kubanischen Coronaimpfstoffe, boostern. Der Pass (»Carné«), den man auch mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung erhält, macht die kostenlose Auffrischung möglich. Danach: ein schwerer linker Arm, keine Nebenwirkungen sonst.

Zwei Tage später geht das Stechen weiter. Etwas Joghurtbecherdeckelgroßes auf die linke Brust im Zenit-Tattoostudio, unter dem Dach eines Wohnhauses nahe dem Malecón. Man sieht ihn von der riesigen Terrasse aus, tritt dabei fast in Chihuahua-Kacke. Drinnen hängt eine Vulva in Blautönen, von einem Andreaskreuz durchgestrichen, auf dessen Balken die Milchstraße durchscheint. Neben einem angesprühten Singer-Nähmaschinentisch steht ein naturbelassener. An jeder Tür lehnt eine lackierte Waffe: neofarbene Macheten, ein nagelversehener Baseballschläger. Für die Behörden ist das nicht gedacht. Tattoostudios werden auf Kuba nicht registriert, gerazzt aber auch seit Jahren nicht mehr. Es lebt sich aneinander vorbei. Im Bücherregal steht neben »Marxismus und Anarchismus« der mehrsprachige Band »1.000 Tattoos« aus dem Kölner Bildbandverlag Taschen, herausgegeben von Henk Schiffmacher. »Als Kunstform ist die Tätowierung ebenso vergänglich wie das menschliche Leben«, heißt es darin. »Sie vergeht in der Regel mit ihrem Träger.« Der Stecher, ein Skatepunk mit zwei Spermien, die durch die Stoppelfrise durchscheinen, sticht mich. Alles sauber, Einwegnadel, Desinfektionsmittel, Frischhaltefolie auf der Bank. Durch die Blockade kostet alles das Dreifache, sagt er. Tätowiert wird dann zu einem Drittel des Preises in den USA. Wir schauen uns sein Schaffen an. Er hätte mehr als nur die Umrisse gemacht, meint er. Mich erinnern dagegen Zeichen mit dicken schwarzen Balken auf der linken Brust zu sehr an Edward Norton als Nachwuchsfaschist in »American History X«. Ich erkläre dem Stecher statt dessen mit Händen und Füßen, dass das von mir gewählte Motiv nicht nur vom Cover eines Hardcorealbums her ist, sondern gleichsam die fortwährende Existenz in notwendiger Opposition und die absolute Ablehnung der romantischen Schule meinen soll. Der Stecher zieht an seiner Kippe und sagt, er mag es nicht. Ich vergehe.

Ernest Hemingway schrieb am 28. Mai 1934 an F. Scott Fitzgerald: »Forget your personal tragedy. We are all bitched from the start and you especially have to hurt like hell before you can write seriously.« (Vergiss deine persönliche Tragödie. Wir sind alle von Anfang an angearscht, und du musst halt höllisch leiden, bevor du ernsthaft zu schreiben anfangen kannst.) Wir besuchen die Finca Vigía im Südosten von La Habana. Hemingways Edelresidenz. So abgelegen, dass sich dort sonst nur Busse mit meist frankokanadischen Reisegruppen einfinden. Ich kaufe vorab schon im Souvenirladen einen kitschigen Andenkenteller mit Hemingway im Rollkragenpulli drauf.

Touristinnen und Touristen gucken verwirrt, als wir Obst von der Einfahrt aufsammeln: Mamey Colorado, in Deutschland auch nicht bekannter als Große Sapote. Rar in Kuba. Wir machen spontan Merienda, erinnern uns an Hemingways Handwerkerpoetik, legen die Mamey auf den Andenkenteller und schneiden sie klein. Nicht so einfach, die Kernstruktur der Frucht ist seltsam, viele kleine, zwei große Kerne, alle ungenießbar, das bissfeste Fruchtfleisch dafür um so süßer.

In die Casa Hemingway im Stadtteil San Francisco de Paula kommt man nicht rein, man reicht einer Kollegin das Handy, wenn man eines der Bücherregale, die bis ins Bad rein stehen, von nahem fotografiert haben will. Wir wollen nicht. Die Aussicht vom Garten ist über die Goldkuppel des Capitolios bis zum Meer hin frei. Einer von uns beschwert sich an den vier Gräbern von Hemingways Katzen über dessen Einfallslosigkeit. Drei von vier wurden nach ihrer Fellfarbe benannt.

Zwei US-amerikanische Touristen kommen mir zwischen Swimmingpool und Hemingways daneben geparktem Fischerboot entgegen. Der eine sieht aus wie Edgar Allen Poe, der andere könnte Raymond Carver sein. Sie haben Rumfahnen und rempeln im Vorbeigehen, mir fällt der Souvenirteller ins leere Becken. Er landet scheppernd, bleibt aber heile. Metall. Ich weiß nicht, wie ich ihn da rausbekommen soll.

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