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Aus: Ausgabe vom 04.07.2022, Seite 14 / Leserbriefe
Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Solidarität

Zu jW vom 30.6.: »Magd der Propaganda«

Einem – hier im Vorabdruck von Stefan Bollingers neuem Buch über Geschichtspolitik im Kalten Krieg – nur kurz angerissenen Gedanken wünsche ich besonders bei den westdeutschen Lesenden besondere Aufmerksamkeit: dem Hinweis auf die 40jährige Erfahrung deutsch-sowjetischer und deutsch-russischer Zusammenarbeit in Gestalt der DDR und hunderttausendfacher persönlicher Beziehungen. Es ist in diesem Zusammenhang auch nicht überflüssig, daran zu erinnern, dass die Menschen in der DDR Deutsche waren, die am eigenen Leibe erfahren haben, was es heißt, einem Embargo durch die NATO ausgesetzt zu sein.

Wolfram Adolphi, Potsdam

Der Fall Berija

Zu jW vom 27.6.: »Mein 17. Juni«

Die Autobiographie von Egon Krenz mag interessant sein, und er steht für einen klaren Klassenstandpunkt. Allerdings kolportiert er – so ist es wenigstens dem Auszug in der jungen Welt zu entnehmen – eine Mär von der Rolle Lawrenti Berijas, die den wahren Übeltäter und Spalter der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung Chruschtschow außen vor lässt. Unter dem KPdSU-Chef endeten schließlich auch die freimütigen Konferenzen der kommunistischen und Arbeiterparteien in ihrer Geschlossenheit. Kurt Gossweiler war nicht nur ein ausgezeichneter Forscher der deutschen Faschismusgeschichte, sondern wies sich gleichermaßen enthüllend als Kenner des Revisionismus in der kommunistischen Bewegung des 20. Jahrhunderts aus und hierbei speziell mit seiner zweibändigen »Taubenfuß-Chronik oder die Chruschtschowiade«. Dort heißt es: »Im Frühjahr 1953 – nach Stalins Tod – wurden in der DDR von Partei und Regierung einige Maßnahmen ergriffen, die mir unbegreiflich waren«. Und weiter: »Da – wie jedermann wusste – keine wirtschaftliche oder politische Maßnahme von ernsterer Bedeutung ohne Beratung mit den sowjetischen Genossen in Karlshorst […] und ohne deren Zustimmung getroffen wurde, lag auf der Hand, dass sie gegen diese Maßnahmen keine Einwände erhoben hatten, wenn sie nicht gar deren Initiatoren gewesen waren.« Bis hier stimmt die Darstellung auch von Krenz. Gossweiler führt dann aus: »Die Nachricht über die Entlarvung L.P. Berijas als ›Volksfeind‹ und ›Agent des Imperialismus‹, nachdem seit Stalins Tod der ganzen Welt das Gespann Malenkow-Molotow-Berija-Chruschtschow ständig als einmütige und geschlossene kollektive Führung präsentiert worden war, kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel […] Bald sollte sich zeigen, dass die Liquidierung Berijas nur ein erster Schritt auf dem Wege der Beseitigung der kollektiven Führung und der Herstellung der Ein-Mann-Führung Chruschtschows war.« (S.12–14) Gossweiler stellt heraus, dass Berija vorgeführt worden ist wegen seiner Bemühungen als Chef der sowjetischen Staatssicherheit und Innenminister, die Beziehungen zu Jugoslawien zu normalisieren. Es war aber auch jener Chruschtschow, der Titos »Reformkurs« u. a. mit einer Aussöhnungsreise nach Jugoslawien 1955 legitimierte. (…)

E. Rasmus, per E-Mail

Unmut

Zu jW vom 27.6.: »Mein 17. Juni«

Egon Krenz schildert die Ereignisse aus seiner Sicht. Ob es nun 300.000 waren, die auf die Straße gingen, oder 500.000 spielt keine Rolle, und das nicht nur in Ostberlin und Halle (Saale), sondern auch in Magdeburg, Leuna, Leipzig, Dresden und auf dem Land. Das konnten nicht alles ferngesteuerte Faschisten und Provokateure sein, wie teilweise in Berlin. Und der Grund: die erhöhten, dann zurückgenommenen (jedoch versprochenen) Normen und die Zwangskollektivierung, die Unzufriedenheit der Mittelschicht. Partei und Sowjetunion hatten eben nicht recht. Es wurden übrigens aus den gestürmten Gefängnissen auch Mitglieder der Jungen Gemeinde befreit. Krenz »vergaß« einen wichtigen Kommentar Brechts: »Nach dem Aufstand des 17. Juni ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands in der Stalinallee Flugblätter verteilen, auf denen zu lesen war, dass das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe und es nur durch verdoppelte Arbeit zurückerobern könne. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?« (…)

Leonhard Schaefer, Florenz

Gegen Lüge und Verzerrung

Zu jW vom 27.6.: »Mein 17. Juni«

Danke, Egon, für Deine Ehrlich- und Aufrichtigkeit. Nicht nur, dass ich viele Jahre die Möglichkeit hatte, im Jugendverband zu arbeiten, sondern vor allem von der Mehrzahl der hauptamtlichen Mitarbeiter überwiegend gute Erinnerungen habe. Es waren spannende, aber vor allem prägende Zeiten, die mir das Bewusstsein vermittelten, auf der richtigen Seite der Barrikade zu stehen. Die Lügen, Unwahrheiten, Verzerrungen, Verleumdungen der Vergangenheit, die über uns verfasst wurden, sind bei einer Masse der Menschen der Quell heutiger Unwissenheit, Subkultur oder Orientierungslosigkeit. Ob Juni 1953 oder Februar 2022 – letztlich geht es um die Verteidigung einer Ideologie und vor allem um die Sicherung des Friedens in der Welt. Ich wünsche Dir viel Gesundheit und weiterhin spannende Artikel.

Tommy Rudolf, Dresden

Doppelte Standards

Zu jW vom 29.6.: »NATO im Grabenkampf«

Schnelle Eingreiftruppe von 40.000 auf 300.000 vergrößern? Wer sollte jetzt noch daran zweifeln, was die Zukunft bringt? Nahezu alle mündlichen Absprachen oder schriftlichen Verträge zu Sicherheitsfragen, die der Westen mit Russland abschloss, wurden entweder gekündigt oder missachtet. (…) Sowohl Poroschenko als auch Selenskij sagten öffentlich, dass sie nie vorgehabt hätten, das von der Ukraine unterzeichnete Abkommen »Minsk II« einzuhalten. Auslandsvermögen von ganzen Staaten werden ohne rechtliche Grundlage konfisziert, Sportler und Künstler Russlands ohne rechtliche Grundlage diskriminiert. Wer Vertragstreue und Handeln nach Völkerrecht erwartet, darf es zuvor oder mit den jetzigen Sanktionen nicht selbst verletzen und damit die Büchse der Pandora öffnen. (…)

Fred Buttkewitz, Ulan-Ude/Russland

Wer Vertragstreue und Handeln nach Völkerrecht erwartet, darf es nicht selbst verletzen und damit die Büchse der Pandora öffnen.

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