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Aus: Ausgabe vom 02.07.2022, Seite 13 / Geschichte
Rassistische Justiz

Ein Fall von Lynchjustiz

Vor 40 Jahren wurde Mumia Abu-Jamal zum Tode verurteilt
Von Jürgen Heiser
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Noch immer in Haft. Mumia-Wandbild in Weimar (3.10.2009)

In den 40 Jahren seit dem Todesurteil, das über den Ex-Black-Panther und US-Bürgerrechtler Mumia Abu-Jamal am 3. Juli 1982 in Philadelphia verhängt wurde, sind die Fakten ausgiebig analysiert worden. Sie füllen neben Gerichtsakten zahlreiche Bücher.

In der von Abu-Jamal autorisierten Biographie »On a Move« schrieb US-Autor Terry Bisson im Jahr 2000 unter der Kapitelüberschrift »Der Prozess«: »Wir können uns kurz fassen. Die Zeugen der Anklage (selbst die, die ihre Aussagen änderten) wurden nie einer echten Überprüfung unterzogen. Mumia durfte sich nicht selbst verteidigen, und als er auf diesem Recht bestand, wurde er von seinem eigenen Verfahren ausgeschlossen. Das Urteil: schuldig.« Eine Seite weiter fasste Bisson unter der Überschrift »Die Strafe« das Urteil zusammen: »Wir können uns noch kürzer fassen. Die Geschichte Mumias als Black Panther wurde vor der Jury geschwenkt wie ein blutiges Hemd. Die Strafe: Tod.«

Bisson hob damit das Asservat des blutgetränkten Hemdes hervor, das vom erschossenen Polizisten Daniel Faulkner stammte und von Staatsanwalt Joseph McGill wie eine Kriegsfahne vor den Augen der Geschworenen aufgezogen wurde, um sie auf das Todesurteil einzustimmen. Einen Beweis für Abu-Jamals Täterschaft stellte es nicht dar.

Was geschah wirklich?

Der damals 27jährige Journalist Mumia Abu-Jamal war in den frühen Morgenstunden des 9. Dezember 1981 mehr tot als lebendig verhaftet worden. Kurz zuvor hatten ihn seine Kollegen in Philadelphia wegen seiner engagierten Arbeit zum Vorsitzenden der Vereinigung schwarzer Journalisten gewählt. Doch Abu-Jamal hatte mächtige Feinde, weil er die Korruption des rassistischen Bürgermeisters Frank Rizzo – Wahlslogan: »Wählen Sie weiß!« – und die Polizeigewalt in der Stadt aufdeckte. Abu-Jamal bekam Probleme, seinen Lebensunterhalt als Radio- und Zeitungsjournalist zu verdienen. Er hatte eine Familie zu ernähren, weshalb er einige Nächte pro Woche als Taxifahrer jobbte.

An jenem Dezember 1981 hatte er gerade gegen 4 Uhr morgens einen Fahrgast im Rotlichtviertel an der Ecke 13. und Locust Street abgesetzt, als er sah, wie ein junger Schwarzer von einem weißen Polizisten verprügelt wurde. Der Misshandelte war sein jüngerer Bruder William »Billy« Cook. Abu-Jamal verließ sein Taxi und sprintete über die Straße auf seinen Bruder zu. Dann waren mehrere Schüsse zu hören, von denen später einige Einschusslöcher am Tatort festgestellt wurden. Die Frage, wer sie abgefeuert hatte, wurde im Prozess durch Behauptungen und nicht durch Sachbeweise beantwortet. Im Ergebnis des Zwischenfalls stand nur fest: Billy war verletzt, sein Begleiter geflüchtet, der Polizist Daniel Faulkner erlag seinen Schussverletzungen, und Mumia Abu-Jamal hatte einen Lungendurchschuss; er überlebte nur knapp.

Alle objektiven Analysen des Sachverhalts kamen später zu dem Schluss, dass Abu-Jamal, als er seinen jüngeren Bruder vor dem Angriff eines weißen Polizisten verteidigen wollte, selbst zum Opfer rassistischer Polizeigewalt wurde. Der Schütze, der den Polizisten erschoss, nachdem dieser Abu-Jamal niedergestreckt hatte, konnte nur der entkommene Begleiter seines Bruders gewesen sein.

Was an jenem 9. Dezember wirklich geschah, wurde niemals aufgeklärt. Die Wahrheit interessierte weder Polizei noch Justiz. In trauter Kumpanei stellten sie die Tatsachen auf den Kopf und klagten den ehemaligen Black Panther wegen Polizistenmordes an. Den Hintergrund bildete eine 700 Seiten umfassende FBI-Akte, die über Abu-Jamal angelegt worden war, seit er mit 15 Jahren Mitglied der Black Panther Party und schon bald Pressesprecher von deren Ortsgruppe in Philadelphia geworden war.

Rassistischer Richter

Als der Prozess ein halbes Jahr später begann, war vor allem durch den Vorsitzenden des Schwurgerichts, Albert Sabo, der Weg des Verfahrens vorgezeichnet. Sabo war wegen der Vielzahl von Todesurteilen, die er vorwiegend gegen Schwarze gefällt hatte, als »Henker in Richterrobe« berüchtigt. Vor seiner Wahl zum Richter war er lange Zeit Deputy Sheriff und verdientes Mitglied der rechten Polizeibruderschaft Fraternal Order of Police. Als Richter war er »der schlimmste Alptraum eines Angeklagten«, so die Tageszeitung Philadelphia Inquirer. Wie voreingenommen er gegen Abu-Jamal war, zeigte die Aussage der Gerichtsstenographin Terri Maurer-Carter, die erst nach dem Prozess bekannt wurde. Sie war zufällig Zeugin geworden, wie sich Richter Sabo mit einer weitere Person über den Fall unterhielt. Sabo habe gesagt, er werde der Anklage »dabei helfen, den Nigger zu grillen«, womit er auf die damals in Pennsylvania noch übliche Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl anspielte.

Nach einem dreiwöchigen Schnellverfahren begannen die zehn weißen und zwei schwarzen Geschworenen an einem Freitag mit ihren Beratungen. Am Sonntag standen die Feiern zum Unabhängigkeitstag des 4. Juli an. Richter Sabo riet ihnen, »schnell« zu entscheiden, dann könnten sie am Sonntag bei ihren Familien sein. Auch den Pflichtverteidiger und die Staatsanwaltschaft trieb Sabo zur Eile an, ihre Plädoyers zum Strafmaß vorzubereiten. In einem Verfahren, dessen »Beweise« lediglich von gekauften oder erpressen Belastungszeugen kamen und in dem jeder Tatsachenbeweis fehlte, konnten sich die Juristen kurz fassen. Herausragendes Argument des Staatsanwalts war sein Rekurs auf Abu-Jamals politische Vergangenheit. Der habe zwölf Jahre zuvor in einem Zeitungsartikel des Black Panther den Satz von Mao Zedong zitiert, wonach die »politische Macht aus den Gewehrläufen kommt«. Das zeige, der Angeklagte habe »wie alle Panthers immer schon Polizisten erschießen wollen«.

Am Freitag abend erklärten die Geschworenen Abu-Jamal des Mordes ersten Grades für schuldig, obwohl ein Vorsatz nicht nachweisbar war. Was blieb, war die Entscheidung über das Strafmaß. Am Sonnabend morgen, dem 3. Juli, wurde der Angeklagte zum Tode verurteilt. Für Autor Bisson handelte es sich »eher um Lynchjustiz als um ein Gerichtsverfahren.« Und Mumia Abu-Jamal sagte, die Polizei habe es am 9. Dezember nicht geschafft, ihn auf der Straße hinzurichten, das habe der Prozess wettmachen sollen.

Zur Hinrichtung kam es nicht, weil Wahlverteidigung und Solidaritätsbewegung die beiden Hinrichtungsbefehle von 1995 und 1999 gerichtlich stoppten und das Todesurteil 2011 nach zähem Kampf in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Bis heute kämpft Mumia Abu-Jamal jedoch immer noch um seine Berufungsrechte, damit längst vorhandene Unschuldsbeweise endlich vor Gericht verhandelt werden.

»Ich bin unschuldig«

Ich habe den Polizeibeamten Daniel Faulkner nicht erschossen. Ich bin unschuldig.

Mir wurde das Recht verweigert, mich selbst zu verteidigen. Ich hatte kein Vertrauen zu meinem vom Gericht bestellten Pflichtverteidiger, der mich nicht fragte, was in der Nacht tatsächlich geschehen ist. Die Hälfte der Zeit war ich vom Verfahren ausgeschlossen. Da mir alle meine Rechte verweigert wurden, habe ich nicht ausgesagt, um das Ganze nicht wie ein faires Verfahren erscheinen zu lassen.

Jetzt habe ich zum ersten Mal Gelegenheit zu erzählen, was am 9. Dezember (1981) geschehen ist: Als Taxifahrer war ich dabei, das Fahrtenbuch auszufüllen, als ich Schreie hörte. Ich erkannte meinen Bruder, der benommen auf der Straße stand. Ich rannte zu ihm. Ein uniformierter Polizist drehte sich mit der Waffe in der Hand zu mir um. Ich sah einen Lichtblitz und ging in die Knie. Als nächstes spürte ich Tritte und Schläge, als ich aus einer Bewusstlosigkeit erwachte. Ich sah überall um mich herum Polizisten, die fluchten und an mir herumzerrten. Ich fühlte mich sehr schwach und nicht fähig, etwas zu sagen. Ich sah meinen Bruder, dem das Blut den Hals hinunterlief, und einen Polizisten, der rücklings auf dem Gehweg lag.

Auszüge aus Mumia Abu-Jamals eidesstattlicher Versicherung im Berufungsverfahren. In: Archiv 1992 (Hg.): Free Mumia. Dokumente, Analysen, Hintergrundberichte, Bremen 2002, S. 54–56

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