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Aus: Ausgabe vom 01.07.2022, Seite 16 / Sport
Boxen

Pioniere im Profistall

Olympische Athleten können jetzt »phasenweise« ins Lager der Berufsboxer
Von Oliver Rast
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Olympisches Boxfinale im Schwergewicht der Männer: Julio Cesar La Cruz (l.) aus Kuba haut Muslim Gadschimagomedow vom Russischen Olympischen Komitee eine rechte Gerade rein (Tokio, 6.8.2021)

Die Grenzen sind durchlässiger geworden. Zwischen olympischem und Profiboxen. Seit Olympia in Rio de Janeiro 2016 können professionelle Faustkämpferinnen und -kämpfer am weltgrößten Sportevent teilnehmen. Nur, wie sieht der umgekehrte Weg aus? Also, Ausflüge von olympischen Boxern ins Profilager? Das geht. Darauf verständigte sich nach jW-Informationen kürzlich der Deutsche Boxsportverband (DBV) mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem Bundesinnenministerium (BMI) und der Sportförderung der Bundeswehr (BW), bei der die besten als Sportsoldatinnen und Sportsoldaten angestellt sind.

Kleine Vorgeschichte: »Die Zukunft kann meiner Meinung nach nur so aussehen, dass wir unseren Aktiven auch die Chance auf Einsätze im Profiboxen bieten«, hatte DBV-Sportdirektor Michael Müller Ende Mai in einem Interview der FAZ gesagt. Dafür sei ein »gemeinsames Konzept« samt Leitlinien erarbeitet worden. DOSB, BMI und BW-Sportförderung willigten ein. Und, wichtig: Sofern olympische Boxende keinen Profivertrag unterschreiben, verbleiben sie in der Sportfördergruppe beim Bund, »da haben wir feste Zusagen«, so Müller. Kurzum: »Die Athleten können also phasenweise bei den Profis boxen und parallel versuchen, sich fürs olympische Turnier 2024 in Paris zu qualifizieren.«

Das ist mal eine Ansage. Dennoch, jW hakte nach, holte Stimmen ein, erfuhr Details. Unabhängig etwaiger Folgen für das klassische Amateurboxen nach der nun wiederholten Suspendierung des Weltverbands International Boxing Association (IBA) durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) Ende Juni. Die IOC-Spitze entzog der IBA – wie schon bei den Spielen in Tokio – die Zuständigkeit für die Qualifikation und den olympischen Wettbewerb in Paris. Hintergrund seien »anhaltende Turbulenzen« innerhalb der IBA.

Zurück zu besagten Leitlinien. Die seien eine seriöse Grundlage für die gleichberechtigte Ausübung von olympischem und Profiboxen, sagte Oberstabsfeldwebel Jens Schmidthaus vom Pressezentrum des Kommandos Streitkräftebasis auf jW-Nachfrage. Dies gelte indes einzig für Athletinnen und Athleten »mit Aussicht auf eine erfolgreiche Qualifikation und Teilnahme an Olympischen Spielen«. Ferner sei der »Lagerwechsel« nur episodisch. Denn: Voraussetzung ist, so wie es Müller im FAZ-Interview angemerkt hatte, dass Aktive der BW-Sportfördergruppe kein Arbeitsverhältnis neben der Bundeswehr eingehen. Andernfalls ziehe dies »die sofortige Herauslösung aus der Spitzensportförderung der BW nach sich«, betonte Schmidthaus. Und das dürfte keiner der aktuell 13 BW-geförderten Boxerinnen und Boxer riskieren wollen.

Geht das auch? Profis unter dem Dach des DBV? Durchaus. Eine Sprecherin des BMI gegenüber jW: »Sie können sich in das Trainingssystem des DBV einfügen und auf eine Olympiateilnahme vorbereiten.« Dafür stehe die Infra­struktur der Olympiastützpunkte zur Verfügung. Ein massenhaftes Hin- und Herwechseln zwischen dem Amateur- und Profibereich ist nicht zu erwarten, nur »besonders potenzialreiche Profis« kämen für einen Olympiastart in Frage, so das BMI.

Das sieht der DOSB ähnlich und teilt den »fachlichen Ansatz« der Leitlinien. Zuvor waren Boxende gezwungen, »sich zwischen einer Amateur- oder einer Profikarriere zu entscheiden«, sagte Michael Schirp, Pressesprecher des DOSB, zu jW. Nun sei es für Amateure möglich, zusätzlich »hochwertige Profiwettkämpfe zu bestreiten«. Mehr Durchlässigkeit sei im Sinne der Aktiven, »weil sie deren Lebenswirklichkeit besser berücksichtigt und ihnen erweiterte Handlungsspielräume gibt«. Was etwa auf Cruisergewichtler Ammar Abduljabbar zutrifft. Als eine Art Pionier hatte er im vergangenen Oktober bei SES Boxing in Magdeburg sein Profidebüt absolviert.

Fragen bleiben für DBV-Perspektivkader ohne Profivertrag. Konkret: In welchem Verhältnis stehen sie zu Promotern von Profiwettkämpfen? Welche Vermittlerrolle nimmt dabei der DBV ein? Und was ist, wenn Aktive vermittelte Fights ablehnen? Potentielle Probleme, die nach jW-Informationen diskutiert werden – bei der Interessenvertretung »Athleten Deutschland« zum Beispiel.

Zudem: Was passiert mit Kampfbörsen, Siegprämien? Fest steht wohl: Die verbleiben bei denen, die in der Ringschlacht den Kopf hinhalten. Viel mehr als eine Aufwandsentschädigung sei das nach Abzug aller Kosten aber nicht, sagte Müller vom DBV gegenüber jW. Die BMI-Sprecherin stimmt zu, schränkt zugleich ein: Falls die Erlöse aus Profifights eine nicht näher definierte Obergrenze überschritten, würde die Sportförderung wegfallen. Und die Unterstützung der Stiftung Deutsche Sporthilfe, wie deren Kommunikationsmanager Fabian Müller auf jW-Nachfrage bestätigte.

Nur, vieles beim Changieren zwischen olympischem und professionellem Boxsektor wirkt bislang modellhaft – mangels größerer Praxis. Unabhängig davon, die Sportpolitik aus dem Bundestag ist interessiert, äußert sich gegenüber jW. Die Öffnung der Sektoren sei positiv, sagte Philipp Hartewig (FDP). Für optimale Wettkampferfahrungen und Leistungsentwicklungen, so der sportpolitische Sprecher seiner Fraktion. Das findet auch Tina Winklmann, Sprecherin für Sportpolitik der Grünen, denn nur so könnten Athletinnen und Athleten »in der Spitze mithalten«. Und das gehöre in »angemessenem Maße« staatlich mitfinanziert. Skeptischer hingegen ist Ressortkollege André Hahn (Linke). Der Sportausschuss werde sich mit den DBV-Leitlinien beschäftigen, prüfen, ob Steuer- und Fördermittel »auch immer zielgerichtet eingesetzt werden«.

Davon ist der Spitzenverband überzeugt. Und nicht zuletzt blieben leistungsstarke Olympiakader dank der Wechseloption dem Nationalteam länger erhalten, erwartet DBV-Sportdirektor Müller. Fraglich nur, ob Boxen nach Paris 2024 noch olympisch sein wird.

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