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Aus: Ausgabe vom 01.07.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitskämpfe

Streiks im Herzland

Australien, New South Wales und Canberra: Zehntausende Krankenhausbeschäftigte und Lehrkräfte im Ausstand. Bummelstreiks von Lokführern
Von Thomas Berger
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Wie alles begann: Krankenhausbeschäftigte am 15. Februar in Sydney

Es ist eine Woche der Arbeitskämpfe, wie sie Australien in der jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hat. Gewerkschaften von drei Berufsgruppen haben im bevölkerungsreichsten Bundesstaat New South Wales (NSW) und in der Bundeshauptstadt Canberra zu Protestaktionen aufgerufen. Am Dienstag traten erneut rund 50.000 Pflegekräfte in den Ausstand, in 80 Krankenhäusern gab es vorübergehend nur einen Notbetrieb. Manche Protestaktionen dauerten nur wenige Stunden, viele den ganzen Tag.

Am letzten Schultag

Ins Rollen gekommen war die Streikwelle im Februar. Krankenschwestern und Hebammen traten in 150 Kliniken in NSW in einen eintägigen Ausstand, forderten Entlastung im Arbeitsalltag und höhere Löhne. Es war der landesweit erste große Streik seit mehr als einem Jahrzehnt. Bisher ist die konservative Regionalregierung den Beschäftigten kaum entgegengekommen. Am Dienstag machten sie sich deshalb erneut für spürbare Gehaltserhöhungen, einen verbesserten Personalschlüssel und Neueinstellungen stark. Solidaritätsbekundungen gab es insbesondere aus dem südlich benachbarten Victoria, wo die Lage in den Kliniken ähnlich ist.

Auch Lehrkräfte und Lokführer klagen schon länger über Überlastung und geringe Löhne, sie haben sich den Streiks angeschlossen. Eine Premiere war der eintägige Streik von etwa 85.000 Lehrkräften in New South Wales und dem Hauptstadtterritorium (ACT) am gestrigen Donnerstag. Erstmals betraf dieser sowohl staatliche als auch katholische Schulen. Die Gewerkschaftsverbände NSW Teachers Federation (TF) und Independent Education Union of Australia hatten gemeinsam zu dem Ausstand aufgerufen. Weder die Regionalregierung noch die Betreiber der katholischen Lehranstalten hätten effektiv etwas gegen die akute Personalnot unternommen, erklärte Angelos Gavrielatos, Präsident der TF, im öffentlich-rechtlichen Sender ABC. Der Sender 9 News schätzte die Zahl der betroffenen Schüler auf etwa eine Million. Am letzten Schultag vor den zweiwöchigen Winterferien gab es in den Schulen nur vereinzelt eine Notbetreuung.

Ein Teufelskreis

Im Stadtzentrum von Sydney zogen Tausende Lehrkräfte vor das regionale Parlament, um ihre Forderungen zu unterstreichen. Laut TF-Chef Gavrielatos hat eine verfehlte Bildungspolitik einen Teufelskreis entstehen lassen: Die im Vergleich zu anderen Berufsgruppen geringe Entlohnung bringe in Kombination mit zunehmendem Stress immer mehr Lehrkräfte dazu, den Beruf aufzugeben. Spätestens in fünf Jahren werde die angespannte Situation völlig untragbar sein.

Mit 30 oder 40 km/h

Dass staatliche Stellen und katholische Schulträger nicht ad hoc in großem Stil für mehr Personal sorgen können, ist auch den Protestierenden klar. Sie wollen eine finanzielle Entschädigung für die Mehrarbeit, die sie vielfach seit Jahren leisten. Bessere Gehälter seien auch ein Argument bei der angestrebten Neugewinnung von Kolleginnen und Kollegen. Die drei Prozent Gehaltssteigerung, die die Regierung bisher angeboten hat – plus 3,5 Prozent im folgenden Jahr –, wurden als unangemessen zurückgewiesen, genauso eine von der Regierungskoalition des Bundesstaates vorgeschlagene »leistungsbezogene« Entlohnung. Fünf bis 7,5 Prozent Lohnerhöhung sind für die Gewerkschaften das Mindeste.

Mindestens bis zu diesem Freitag werden die am Dienstag begonnenen Bummelstreiks der Lokführer in NSW weitergehen. Sie haben die Arbeit nicht gänzlich niedergelegt, lassen die Züge aber mit verminderter Geschwindigkeit fahren, was die Fahrpläne über den Großraum Sydney hinaus durcheinanderbringt. Waren die Bahnen am Dienstag und Mittwoch immerhin noch mit im Schnitt 60 Kilometern pro Stunde unterwegs, werden die meisten Züge am Freitag nur noch mit 30 oder 40 Kilometern pro Stunde rollen, viele Verbindungen wohl sogar ganz ausfallen. Betroffen sind nicht nur innerstädtische Pendler, sondern auch Anbindungen ins weitere Umland. Die Lokführer machen neben Personalnot auch Sicherheitsbedenken bezüglich der neuen Fahrzeugflotte geltend, die zu 70 Prozent aus südkoreanischer Produktion stammt.

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