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Aus: Ausgabe vom 30.06.2022, Seite 16 / Sport
Radsport

Unter Verdacht

Doping, Covid, Favoriten: Am Freitag beginnt die Tour de France 2022
Von Holger Römers
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Tadej Pogacar und seine Kollegen vom UAE Team Emirates beim Straßentraining in Dänemark

Rechtzeitig zum wichtigsten Radsportereignis der Saison ist das Thema Doping wieder da: Dass am Sonntag die slowenische Straßenmeisterschaft von Kristijan Koren gewonnen wurde, der bei der sogenannten Operation Aderlass des Blutdopings überführt und bis 2021 gesperrt worden war, sorgt bereits für Stirnrunzeln. Von anderem Kaliber ist freilich die am Montag hereingeplatzte Meldung, dass in mehreren Ländern Hausdurchsuchungen bei Fahrern und Mitarbeitern von Korens ehemaligem Team Bahrain Victorious stattfanden. Betroffen ist offenbar auch der slowenische Teammanager Milan Erzen, der einst ebenfalls im Visier der deutschen Ermittler von »Operation Aderlass« stand. Die aktuellen Untersuchungen knüpfen angeblich an die Razzien an, die die Marseiller Staatsanwaltschaft während der letzten Frankreichrundfahrt in Hotelzimmern der Mannschaft veranlasst hatte. Gefunden wurden damals wohl Gebrauchsspuren eines die Muskelentspannung fördernden Medikaments, das zwar nicht auf der Dopingliste steht, für dessen Anwendung aber eine medizinische Indikation fehlte.

Wenn am Freitag in Kopenhagen die 109. Tour de France beginnt, wird das Spektakel also wieder unter einem diffusen Verdacht stehen. Der berührt zwar vor allem die acht Starter von Bahrain Victorious, von denen der 28jährige Australier Jack Haig und der 34jährige Italiener Damiano Caruso, als Vuelta-Dritter beziehungsweise Giro-Zweiter des letzten Jahres, um einen Podiumsplatz im Gesamtklassement kämpfen. Unter Verdacht werden aber wohl auch die Topfavoriten, Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) als Toursieger der letzten beiden Jahre sowie Primoz Roglic (Jumbo-Visma) als Zweiter von 2020 stehen. Schließlich stammen beide aus Slowenien, dessen kleine Radsportszene in den Akten der Operation »Aderlass« großen Raum einnimmt.

Für zusätzliche Nervosität dürften die Covidinfektionen sorgen, die seit zwei Wochen vermehrt im Fahrerfeld auftreten und bei der Tour de Suisse etwa den 32jährigen slowakischen Dreifachweltmeister Peter Sagan (Total Energies) und den 26jährigen Russen Alexander Wlassow erwischten (mit dem Bora-Hansgrohe bei der Tour dennoch unbeirrt die Top drei anpeilt). Sollte er bis zum Auftaktzeitfahren unbeschadet bleiben, hat wohl der Weltmeister in der Spezialdisziplin, der 25jährige Italiener Filippo Ganna (Ineos Grenadiers), beste Chancen aufs erste gelbe Trikot. Bei den frühen Sprintetappen dürfte der Erfolgsdruck wiederum auf dem 25jährigen Niederländer Fabio Jakobsen lasten, da das Quick-Step Alpha Vinyl Team zu seinen Gunsten den ebenfalls formstarken Mark Cavendish zu Hause ließ – obwohl der Brite 34maliger Tour-Etappensieger ist und mit einem weiteren Erfolg alleiniger Rekordhalter (vor Eddy Merckx!) hätte werden können.

Spätestens auf der fünften Etappe, die über Kopfsteinpflasterpassagen des Frühjahrsklassikers Paris-Roubaix führt, dürfte unter anderem Mathieu van der Poel in den Fokus rücken, der 2022 – zusätzlich zu einer Giro-Etappe – zum zweiten Mal die Flandernrundfahrt gewann. Im Gegensatz zum 27jährigen Niederländer will dessen gleichaltriger Dauerrivale Wout van Aert (Jumbo-Visma) zudem ums grüne Trikot des Punktbesten kämpfen. Der Belgier hätte unlängst beim Critérium du Dauphiné gewiss mehr als zwei Etappenerfolge erzielt, wenn er nicht einmal zu früh gejubelt und sein Team nicht ein anderes Mal das Einholen von Ausreißern verbummelt hätte.

Fast mühelos bestimmte Jumbo-Visma das Geschehen bei diesem klassischen Vorbereitungsrennen, dessen Gesamtwertung Roglic vor dem Edelhelfer Jonas Vingegaard gewann, der für seine Dienste mit einem Etappensieg beschenkt wurde. Aufhorchen ließ, dass der 25jährige Däne, der 2021 nach der sturzbedingten Aufgabe seines Kapitäns überraschend Tour-Zweiter geworden war, offen davon sprach, für den Toursieg selbst in Frage zu kommen. Dass Roglic gegenüber früheren Jahren an mentaler Stärke gewonnen hat, jedoch auf mannschaftlichen Rückhalt angewiesen bleibt, zeigte schon im März die letzte Etappe von Paris-Nizza: 2020 und 2021 hatte er sich am Schlusstag des einwöchigen Rennens jeweils von gegnerischen Attacken zu Stürzen verleiten lassen. Nun zeigte er wieder Schwächen, jedoch ohne die Nerven zu verlieren. Allerdings musste van Aert ihm den Gesamtsieg retten, indem er ein Tempo vorgab, das den Rückstand gegenüber dem angreifenden Simon Yates (Team Bike Exchange-Jayco) limitierte (der nach seiner verletzungsbedingten Giro-Aufgabe noch nicht fit ist).

Pogacar macht dagegen selten den Eindruck, sich auf sein Team zu verlassen, das nochmals prominent um den 32jährigen Neuseeländer George Bennett und den 28jährigen Spanier Marc Soler verstärkt worden ist. Doch womöglich liegt im siegesgewissen Individualismus die einzige Schwäche, die dieses Ausnahmetalent aufweist. Wie schon 2021 hat der 23jährige gewohnt souverän die frühen Einwochenrennen UAE Tour und Tirreno-Adriatico sowie zuletzt die kleine Slowenienrundfahrt gewonnen. Besonders typisch war indes sein Sieg bei den Strade Bianche Anfang März, wo er 50 Kilometer vorm Ziel kurzentschlossen ausriss. Bald darauf ließ er sich allerdings – bevor er respektabler Fünfter beziehungsweise Vierter wurde – im Finale von Mailand-Sanremo zu einem chancenlosen Angriff im Gegenwind verleiten und verbaute sich dann bei der Flandernrundfahrt den eigenen Schlusssprint. Auch dieser Mann lässt sich besiegen – wenn sein Handlungsspielraum sich im Eifer des Gefechts verengt.

Doch wie manövriert man bei einer dreiwöchigen Grand Tour den mutmaßlich besten Fahrer ausreichend oft in Zwickmühlen, die sich bei einem Frühjahrsklassiker mitunter von selbst ergeben? Das Kunststück ist ausgerechnet Ineos Grenadiers zuzutrauen. Das Team, das sich unter dem alten Sponsorennamen Sky bei sieben Toursiegen auf erstickende Übermacht verließ, hat in diesem Frühling jedenfalls mehrfach mit Gusto Rennchaos verursacht. Bei Paris-Roubaix versuchte man zum Beispiel schon 200 Kilometer vorm Ziel in einer Windkante die gesamte favorisierte Konkurrenz abzuhängen – bevor Dylan van Baarle nach dem knappen Scheitern des tollen Husarenstücks schließlich mit einer konventionellen Schlussattacke den Sieg errang.

Der 30jährige Niederländer steht nun auch im Tour-Aufgebot des Teams, dessen aussichtsreichster Kandidat für die Gesamtwertung nach seinem unerwarteten Tour-de-Suisse-Sieg wohl der Brite Geraint Thomas ist. Vom 36jährigen Toursieger des Jahres 2018 ist freilich keine wilde Fahrweise zu erwarten. Die könnten im Gebirge eher Daniel Felipe Martínez oder Adam Yates bieten, sofern dessen Formaufbau nicht durch die Covidinfektion bei der Tour de Suisse ruiniert wurde. Dass der 29jährige Brite und der 26jährige Kolumbianer für die Tour ursprünglich als Doppelspitze eingeplant waren, dürfte ihre Angriffslust jedenfalls befördern.

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