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Aus: Ausgabe vom 30.06.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Afghanistan

Blockierter Wiederaufbau

Nach Erdbeben in Afghanistan: Westen verweigert Kabul Zugriff auf Auslandsguthaben. Kaum Aussicht auf Unterstützung
Von Knut Mellenthin
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Nach Erdbeben in Afghanistan: Die Gelder für den Wiederaufbau sind im Ausland eingefroren (Wor Kali, 25.6.2022)

Nach dem schweren Erdbeben am Mittwoch vergangener Woche hat die afghanische Regierung erneut gefordert, ihre beschlagnahmten Auslandsguthaben freizugeben. Es handelt sich um insgesamt neun Milliarden Dollar, von denen sieben in den USA festgehalten werden. Hinzu kommen für Afghanistan bestimmte Hilfsgelder und Kredite in Höhe von Hunderten Millionen Dollar, die beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und bei der Weltbank auf Eis liegen. Die afghanische Regierung hat keinen Zugang zu ihren Finanzmitteln mehr, seit im August vorigen Jahres die Macht in Kabul an die Taliban überging. Viele westliche Staaten, darunter auch Deutschland, haben ihre »Entwicklungshilfe« eingestellt oder reduziert.

Das Erdbeben ereignete sich am 22. Juni gegen 1.30 Uhr nachts in den ostafghanischen Provinzen Paktika und Khost sowie mit weit geringeren Verlusten und Sachschäden auf der pakistanischen Seite der Grenze. Laut der unterschiedlichen Schätzungen starben in Afghanistan zwischen 1.000 und 1.150 Menschen. Mindestens 1.600 weitere wurden verletzt.

Unter den Sachschäden wiegt die Zerstörung von etwa 10.000 Häusern am schwersten. Nach den dortigen Familienverhältnissen lässt das auf eine Zahl von mehr als 100.000, vielleicht sogar von 200.000 Menschen schließen, die ihre Unterkunft und ihren gesamten Besitz verloren haben. Erfahrungen aus früheren Beben oder anderen Naturkatastrophen in Afghanistan zeigen, dass die Mehrheit der Menschen, denen ein solches Unglück zustößt, monatelang obdachlos bleibt. Zelte, Laken, Kochmöglichkeiten und sanitäre Einrichtungen gehören deshalb neben Lebensmittelpaketen und Behältern mit Trinkwasser zu den wichtigsten Hilfsgütern der ersten Tage. Der Iran schickte neben Zelten auch Teppiche zum Bedecken der Böden ins Nachbarland.

In den Medien wird vom schwersten Erdbeben in Afghanistan seit zwei Jahrzehnten gesprochen. Das bezieht sich auf das Beben vom 30. Mai 1998, durch das in der nordafghanischen Provinz Takhar zwischen 4.000 und 4.500 Menschen getötet wurden. Afghanistan ist, ebenso wie der benachbarte Iran, ein besonders durch solche Naturkatastrophen gefährdetes Land. Statistisch sind dort rund 200.000 Menschen jährlich von Bebenfolgen betroffen, im Jahresdurchschnitt sterben dabei etwa 500 Menschen.

Das jetzt betroffene Gebiet gehört zu den ärmsten und unzugänglichsten des Landes. Die meisten Menschen leben weit verstreut in kleinen Bergdörfern. Straßen sind – soweit überhaupt welche existieren – in einem äußerst schlechten Zustand. Die meisten Häuser werden nach traditioneller Art aus Schlamm, Steinen oder anderem Material gebaut, das Naturkatastrophen schlecht stand hält. Im aktuellen Fall kam hinzu, dass die Schlammhäuser durch tagelange Monsunregen aufgeweicht waren, die auch die Rettungs- und Bergungsarbeiten zusätzlich erschwerten. Starke Niederschläge und heftiger Wind schränkten ebenfalls den Einsatz von Hubschraubern zum Ausfliegen von Verletzten und zur Versorgung der betroffenen Bevölkerung mit dringend Benötigtem ein. Ohnehin gibt es in Afghanistan nach dem Abzug der ausländischen Truppen im vorigen Jahr nur noch eine geringe Anzahl an Hubschraubern. Nur sieben eigene Maschinen waren nach dem jüngsten Erdbeben verfügbar.

Solche und andere ­Naturkatastrophen können sich in der Region jederzeit wiederholen, und das sogar in weit größerem Ausmaß. Beim Erdbeben in der iranischen Provinz Gilan starben am 20. Juni 1990 zwischen 35.000 und 50.000 Menschen. Zu den Lehren der letzten Ereignisse gehört, dass Afghanistan sehr viel besser darauf vorbereitet sein muss, mit Katastrophen hauptsächlich aus eigener Kraft fertigzuwerden. Das ist ohne Investitionen in großem Umfang nicht möglich. Gleiches gilt für präventive Maßnahmen und für den Wiederaufbau.

Doch die Regierung in Kabul kann nicht auf ihre eigenen Finanzmittel zugreifen, die vor der militärischen Wende im vorigen Jahr fast vollständig außer Landes geschafft wurden. Die Gelder, die die USA und ihre Verbündeten in kleinen Teilen freigeben, sind einerseits unzureichend und andererseits an die Bedingung geknüpft, dass alles, was damit geschieht, der Aufsicht und Mitwirkung der Taliban und damit auch der afghanischen Behörden und Strukturen entzogen bleiben muss. An die Stelle der ausländischen Militärherrschaft sind nicht weniger wirksame und lähmende Abhängigkeiten getreten.

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