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Aus: Ausgabe vom 29.06.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Gasversorgung

Streitfall Biomasse

Bauern- und Energieverbände fordern seitens der Bundesregierung Ausweitung der Biogasproduktion. Umweltorganisationen widersprechen
Von Oliver Rast
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Anlage zur energetischen Verarbeitung von Mais, Zuckerrüben und Getreide (Güstrow, 10.2.2022)

Sie haben ihre Kräfte gebündelt: für die Erhöhung der Biogasproduktion hierzulande. Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), der Fachverband Biogas (FvB) und der Deutsche Bauernverband (DBV) hatten am vergangenen Freitag eine Pressemitteilung veröffentlicht. Darin kritisierte die Verbändegemeinschaft das Bundeskabinett. Unverständlich sei, dass die Ampelkoalition »die Versorgungssicherheit im kommenden Winter ausschließlich über fossile Brennstoffe wie Kohle und importiertes Frackinggas sicherstellen will.« Ungenutzt bliebe »das kurzfristig mobilisierbare Potential von nachhaltiger heimischer Bioenergie«.

Aktuell hätten zahlreiche Biogasbauern ausreichend Substratvorräte aus der Ernte von 2021, wurde DBV-Präsident Joachim Rukwied in der Mitteilung zitiert. »Diese können aktiviert und für die Erzeugung von Strom, Wärme und Biomethan genutzt werden. Die Bundesregierung sollte dafür jetzt den Weg freimachen«, so Rukwied weiter. Und Simone Peter, Präsidentin des BEE, legte nach: Mittels Biomasse in den bestehenden Bioenergieanlagen würde der Erdgasverbrauch gesenkt und die Speicherkapazität geschont. Ferner müssten weniger Kohlekraftwerke reaktiviert werden. Kurzum: Biogas versus fossile Energieträger. Eine Entgegensetzung, die nicht alle überzeugt, einige gar nicht. Umweltverbände etwa.

Klare Worte dafür fand Florian Schöne: »Die Mengen an klima- und naturverträglich erzeugtem Biogas sind äußerst begrenzt und beschränken sich in Zeiten zunehmender Flächenkonkurrenz vor allem auf Gülle, Reststoffe oder Landschaftspflegematerial«, sagte der Geschäftsführer vom Deutschen Naturschutzring (DNR) am Dienstag zu jW. Eine Ausweitung der Biogaserzeugung auf Basis von Energiemais oder anderen Intensivkulturen sei nicht vertretbar: sowohl hinsichtlich der Ernährungssicherung als auch aus Umwelt- und Klimaschutzsicht. »Aktuell haben wir rund eine Million Hektar Energiemais, vielfach auf Moor- oder Auenböden, die enorme CO2-Emissionen verursachen«, erklärte Schöne. Auf den Punkt gebracht: Biogas aus Anbaubiomasse biete einen minimalen Nutzen bei maximalem ökologischen Schaden.

Ähnlich kritisch sieht das die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Für die hiesige Biogasproduktion werden rund 13 Prozent des bundesdeutschen Ackerlandes in Beschlag genommen, sagte David Fritsch, DUH-Referent Energie und Klimaschutz, am Dienstag gegenüber jW. Wertvolle Areale, »die dringend für effizientere erneuerbare Energien und für eine naturverträgliche Nahrungsmittelproduktion benötigt werden«. Und Kenneth Richter, Referent Bioenergie vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu), rechnete auf jW-Nachfrage vor: Energie aus Anbaubiomasse habe im Vergleich zu Windkraft- und Photovoltaikanlagen (PV) einen enormen Flächenbedarf, »der je erzeugter Kilowattstunde bis zu 50mal höher sein kann«. Eine weitere Zahl ist eindrücklich: PV-Module könnten 30mal mehr Strom pro Flächeneinheit erzeugen als Biogas, bemerkte Schöne vom DNR.

Sind die Anlagen für Biogas wenigstens klimafreundlich? Auch das nicht. Der Grund: Sie lecken, dabei werde hochwirksames Methan in die Atmosphäre entlassen, sagte Richter vom Nabu. Und sowieso, Biogasanlagen können Erdgasanlagen nicht ersetzen – mangels Kapazität. »Da nur zirka ein Prozent des aktuellen Erdgasverbrauchs durch eine Einspeisung von zu Biomethan aufbereitetem Biogas bereitgestellt wird«, weiß Fritsch von DUH. Bis 2030 könnte der Anteil maximal auf bis zu drei Prozent ausgeweitet werden, ermittelte kürzlich das Deutsche Biomasseforschungszentrum (DBFZ) aus Leipzig.

Übrigens, was meint das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz von Robert Habeck (Grüne) zum Appell der Verbändegemeinschaft? Der Einsatz von Biomasse bleibe »auf hochflexible Spitzenlastkraftwerke« bei Energieengpässen beschränkt, sagte eine Sprecherin am Dienstag auf jW-Anfrage. Zudem werde ressortübergreifend an der »im Koalitionsvertrag verankerten nationalen Biomassestrategie« gearbeitet. Übersetzt: Rasch im Sinne der Verbände BBE, FvB und DBV passiert nichts. Richtig so, befand Ronja Heise, Fachreferentin Energie bei Robin Wood, am Dienstag gegenüber jW. Denn: »Jetzt den Ausbau von Biogas zu fordern, hat mehr mit wirtschaftlichen Interessen als mit klima- und energiepolitischen Überlegungen zu tun.«

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