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Aus: Ausgabe vom 29.06.2022, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Friedenspolitik

»Es geht um die Zukunft unseres Handwerks«

Obermeister aus Sachsen-Anhalt fordern Beendigung von Waffenlieferungen an Ukraine und Stopp von Sanktionen gegen Russland. Ein Gespräch mit Karl Krökel
Interview: Jan Greve
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Die westliche Sanktionspolitik trifft die Lohnabhängigen hierzulande hart

An diesem Donnerstag trifft sich die Vollversammlung der Handwerkskammer Halle an der Saale. Die Kreishandwerkerschaft Anhalt Dessau-Roßlau hat vorab in einem Brief dazu aufgefordert, »Krieg als Mittel der Politik« abzulehnen und sich gegen Waffenlieferungen in die Ukraine auszusprechen. Was hat eine Handwerkskammer mit Friedenspolitik zu tun?

Das Handwerk denkt in Generationen und erwartet das auch von der Politik. Es schafft Werte und Wachstum, es gibt ökologische, ökonomische und soziale Impulse, und es sichert Arbeitsplätze und Wohlstand. Für das Handwerk, aber auch für die Gesellschaft insgesamt ist Frieden die wichtigste Rahmenbedingung.

Was genau wollen Sie mit Ihrem Brief erreichen?

Die Obermeister der Kreishandwerkerschaft Anhalt lehnen den Krieg als Mittel der Politik ab. Wir fordern die Beendigung der Sanktionen gegen Russland und den Stopp der Waffenlieferungen an die Ukraine. Unsere Handwerksbetriebe kommen ins Straucheln. Die Inflation ist besorgniserregend hoch. Das merken unsere Mitarbeiter direkt. Wir können aber nicht einfach mal so die Löhne um 20 Prozent erhöhen, um das auszugleichen. Die Sanktionen erhöhen die Energiepreise auf mehr als das Doppelte. Wir wollen verhindern, dass man Deutschland und Europa gegen die Wand fährt.

Unsere Politiker sind offenbar völlig überfordert. Die aktuellen Sanktionen treffen Europa härter als Putin. Wenn die Politik keine Lösungen findet, müssen wir sie dazu auffordern. Es sollte unserer Meinung nach zu rechtsstaatlichen Prinzipien gehören, dass die Verantwortlichen für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden können. Es sind durch gravierende Unfähigkeit erhebliche materielle Schäden bei der Bevölkerung und der Wirtschaft entstanden, und das ist erst der Anfang.

Welche Reaktionen haben Sie seit Veröffentlichung des Briefes erhalten?

Wir erfahren einen enormen Zuspruch, der noch immer anhält. Dafür möchten wir uns recht herzlich bedanken! In den allermeisten Wortmeldungen kam zum Ausdruck, dass das Handeln unserer Regierung eine Zumutung für unsere Bevölkerung und die Wirtschaft ist und den vorläufigen Tiefpunkt im aktuellen Regierungschaos darstellt. Handwerker aus Weimar und Mecklenburg-Vorpommern haben uns geschrieben, dass sie insgeheim schon lange auf so einen Brief gewartet und ihn weitergeleitet haben. Sie baten darum, unseren Text übernehmen zu können und setzten das Thema auf ihre Tagesordnungen. Es gab nur einen Belehrungsversuch eines CDU-Landtagsabgeordneten.

Sie sind Obermeister der Metallinnung In Dessau-Roßlau. Welche Rolle spielt der Ukraine-Krieg in Ihrem Alltag?

Ich bin seit 33 Jahren selbständig, seit 20 Jahren Obermeister der Metallinnung und seit 15 Jahren Kreishandwerksmeister und damit Sprachrohr aller sieben Innungen. Die Kostenlawine erdrückt uns. Für das Bäckerhandwerk sind die steigenden Stromkosten existenzbedrohend. Immer weniger wollen sich selbständig machen. Was wir jetzt erleben, wird die Gründungstätigkeit weiter bremsen. Es geht um die Zukunft unseres Handwerks.

Wer genau ist Adressat Ihrer Forderungen: Ihre Branche oder politische Entscheidungsträger?

Wir haben uns zunächst hauptsächlich an die Bundespolitik gewandt. Ein Bundestagsabgeordneter hat angekündigt, mich noch in dieser Woche zu besuchen. Mit Landtagsabgeordneten sind wir im Gespräch. Wir werden unseren Widerstand zum Thema Ukraine und Sanktionen noch entschlossener fortsetzen. Dadurch wollen wir ermöglichen, dass die im Obermeisterbrief formulierten Kernthemen durch viele Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreter der Wirtschaft aufgegriffen werden. Unser Plan ist, eine Onlinepetition an den Bundestag zu starten. Auch lokale Protestaktionen schließen wir nicht aus.

Warum sollten sich Handwerker, aber auch andere Arbeiter mit dem Thema Waffenlieferungen und Sanktionen befassen?

Uns fehlen in dieser Frage direktdemokratische Elemente. Die Bürgerinnen und Bürger müssen in dieser Frage viel stärker einbezogen werden. Hier entstehen Verwerfungen, die Generationen betreffen werden. Daher gibt es bei diesen Themen keine Politikverdrossenheit, im Gegenteil. Die Empörung wächst zunehmend.

Karl Krökel ist Obermeister der Metallinnung in Dessau-Roßlau. Der Diplomingenieur studierte Finanzwirtschaft und Maschinenbau in Halle und Magdeburg und ist seit 33 Jahren selbständig

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg Altona (29. Juni 2022 um 20:35 Uhr)
    Man kann die Löhne erhöhen, indem man die Lohnsteuer abschafft und damit gleichzeitig den Politikern die Waffe der Kapitaleinnahmen aus ihren Händen entreißt. Ohne Lohnsteuereinnahmen und Abschaffung der verstecken Steuer können Politiker und Kapitalelite den Staat nicht mehr beherrschen und ihre volksfeindliche Politik fortsetzen. Heute werden die Steuereinnahmen nicht für soziale und wirtschaftliche Lebensverbesserung der arbeitenden Menschen eingesetzt, sie werden für parasitäre Politiker, Kapitaleliten und deren Apologeten missbraucht – Steuerblockade ist ein erster konkreter Schritt. Damit kann man ein Fundament, als Ausgangspunkt für Gerechtigkeit und Freiheit, herstellen. Aber man muss es wollen und ganz konkret dafür kämpfen.
  • Leserbrief von Hans Wiepert aus Berlin (29. Juni 2022 um 13:59 Uhr)
    Starke Aktion! Es ist bezeichnend, dass selbst realistische, bodenständige Arbeitgeber des Handwerks mittlerweile die NATO-kompatible Linkspartei in Sachen Friedenspolitik links überholen.
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (29. Juni 2022 um 10:51 Uhr)
    Leider gibt es nicht genügend Handwerker im Deutschen Bundestag, die die Wirtschaftssabotage und die Zerstörung der gesamten Gesellschaft durch die derzeitige Kamikaze-Regierung stoppen könnten!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gabriel T. aus Berlin (28. Juni 2022 um 20:30 Uhr)
    Das ist das allgemeine Stimmungsbild nicht nur im Handwerk, das von der »öffentlichen Meinung«, ebenso von Politikern selbst der Linkspartei geflissentlich ignoriert wird.

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