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Aus: Ausgabe vom 28.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literaturbetrieb

Vom ollen Verdrehungseffekt

Seinesgleichen geschah erschöpfend auch in Klagenfurt bei den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur
Von Peter Wawerzinek
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Die Schriftstellerin Mara Genschel versucht sich während der Verleihung des Bachmannpreises am Lächeln der Mona Lisa vor der Rasur

Es ist leichter für mich, über einen schweren Seegang zu berichten als über Klagenfurt und die Bachmanntage. Ich war im Musil-Haus. Ich hörte dort drei der neun vorgetragenen Abschlusstexte zukünftiger junger Autoren. Ich wohnte der Eröffnungsfeier der Bachmanntage bei. Ich fand die Jazzmusik einschläfernd. Ich verfolgte die Festlegung der Lesereihenfolge. Ich traf alte Bekannte, grüßte die festen Größen vom ORF-Team, sprach mit Freunden, Fans, Kollegen. Ich fand das Büfett überreichlich, konnte jedoch nur wenige Häppchen davon essen. Mein Magenkrebs und ich verließen Klagenfurt noch vor Mitternacht, um bei meinem Freund Alfred in Villach zu übernachten. Dort stand ich früh auf, um nach Klagenfurt zu fahren und bei den Lesungen im ORF-Garten live dabei zu sein. Ich meinte, dort schon den Siegertext gehört zu haben. Ich ging nach den fünf Beiträgen in die Stadt und landete wie stets bei der Vroni in ihrer Theaterklause. Der Besuch bei ihr ist sozusagen mein Antrittsbesuch in Klagenfurt seit der ersten Stunde. Ist die Vroni da, ist alles klar und gut und wohlbehalten eingerichtet in dieser Stadt. Der Vroni geht es wie mir den Umständen entsprechend gut. Wir tauschten uns in kurzen Sätzen über vier, fünf verstrichene Jahre aus.

Ich fuhr danach mit dem Zubringerbus zum Empfang des Bürgermeisters. Progressive Leute fahren da nicht hin, verbieten es sich, beim ehemaligen Tennistrainer von Haider als Bürgermeister anzutreten. Ich wollte richtig reinhauen, mich an allem pappsatt essen und konnte es nicht. Ein Bissen vom zartesten Kalbsfleischstück und mein Magen rebellierte. Mir ward sofort übel, ich musste verzichten. Smalltalk ging gerade noch so. Und auf der Rückfahrt nach Villach, wiederum kurz vor Mitternacht, wurde mir bewusst, dass mein Verleger anwesend, ich viele Stunden an seiner Seite war, und wir beide nicht ein Wörtchen über meine neuen Projekte geredet hatten. Dafür war es dann zu spät. Ich hatte mich vollkommen übernommen, war nach den vielen Chemos die Wochen zuvor, den Strapazen der Anreise und aneinandergereihten Veranstaltungen, rundum erschöpft. Ich blieb daheim in der vertrauten Fremde von Villach, trat deutlich ruhiger und verfolgte die Lesungen nur noch am Bildschirm.

Und erlebte sehr wohl den Bart in der Menge. Die Lesung, die keine Lesung war, eher Stammtischrunde in der Kinderpuppenstube à la »Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all« und schaut doch nur. Die Mara hält sich Petersilie unter die Nase und spielt strengen Literaturbetrieb.

Gutmütig gestimmt zitierte ich das V wie Verdrehungseffekt vom ollen Brecht herbei, aber es blieb dem Geschmack nach nur U wie nette Unterhaltung statt E wie ernsthafter Beitrag. Was je die Jurorin sich da heimlich ins Fäustchen hinein von der Aktion versprochen haben mochte, ich will es gar nicht wissen. Der Publikumspreis ist damit vorab an die bärtige Autorin übergeben, Klagenfurt könnte sich einen dollen Spaß mit der neuen Stadtschreiberin erwarten. Aber einen Nachhall wie damals, als sich ein Lesender mit der Rasierklinge die Stirn ritzte, und Blut auf seine Manuskriptseiten tropfte, wird die haarige Schau nicht auslösen. Mehr am A wie Anspruch gescheitert, weil mit zuwenig B wie Brillanz gemeistert. Mehr Klamauk und Holzhammer denn mit der luftigen Fliegenklatsche mal ordentlich dem Wettbewerb um die Ohren gehauen. Den aufgeblasenen Ballon nicht mit der Nadel zum Platzen gebracht, ihm nur ein Fürzlein an Luft entlockt, der als solches nicht lang im Raum stehen bleiben wird.

Ich weiß nicht, ob es am Bett lag, von dem aus ich die weiteren Lesungen bis zum letzten Recken verfolgte. Ich weiß nicht, ob es nur meinem Krebsgeschwür zu verdanken war, was mir dabei permanent auf den Magen schlug? So richtig konnte ich mich für keinen Text mehr begeistern, gar an einem Vortrag erfreuen. Und die Kritikerrunde wollte ich schon gar nicht mehr miterleben. Ich saß viel lieber auf dem großen Balkon beim Alfred. Ich genoss die Redepausen sehr. Die alltägliche Stille der Berge vor Augen, blickte ich auf drei Länder, die Wipfel der Gipfel von Slowenien, Italien, Österreich. Und genoss das sehr ferne Grummeln der Stadt und ihren Verkehr. Und die Wolken drüber aufgetürmt im Vorbeiflug. Und wie ich dort so heimelig wurde und mich im Einklang mit mir befand, kam mir eine wundersame Idee. Wie wäre es, wenn ich ein Jahr lang für je einen Monat bei Leuten als Nomade wohnen täte. Leute, die mich all die Jahre über zu sich eingeladen haben und nunmehr abwinkend von mir sagen: Der kommt nimmer. Mit Villach würde ich beginnen. Das Klagenfurter Wettlesen könnte ich dann fürwahr als Wahlvil(lacher) erleben. Danach ginge es nach Barcelona zu meiner Freundin, der großartigen Gitarristin Nora, zum Puppenspieler Jonas aufs Land, nach Island zur dort lebenden Übersetzerin deutscher Gegenwartsliteratur. Ich schriebe ein Buch drüber und drückte es ohne Ankündigung dem Verleger in die Hand. Und mittendrin reißt mich die Realität aus meinen Träumen. Der Bachmannpreis 2022 geht an …

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