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Aus: Ausgabe vom 28.06.2022, Seite 7 / Ausland
Norwegen

Trauer in Oslo

Norwegen: Pride-Parade nach Anschlag auf Schwulenbar abgesagt. Mutmaßlicher Täter lehnt Aussage bisher ab
Von Gabriel Kuhn
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Leid statt Pride: Menschen gedenken der bei dem Anschlag getöteten und verletzten Personen (Oslo, 25.6.2022)

In den frühen Morgenstunden am Sonnabend hat sich in einer Ausgehmeile der Osloer Innenstadt ein Attentat ereignet. Mit einer Maschinenpistole eröffnete ein Mann das Feuer in einem Restaurant und einer Bar. Er tötete zwei Menschen und verletzte 21 zum Teil schwer. Die Ausgehmeile ist vor allem bei Personen aus der LGBTI-Community beliebt. Das »London Pub«, eines der Ziele, ist eine bekannte Schwulenbar. Die Osloer Pride-Parade, die am Sonnabend hätte stattfinden sollen, wurde nach dem Anschlag abgesagt. In Norwegen gilt die höchste Terrorwarnstufe.

Der Täter wurde innerhalb weniger Minuten von Zivilisten überwältigt. Während er das Magazin seiner automatischen Schusswaffe wechselte, stieß ihn eine Person um, wodurch er die Waffe verlor. Als er danach eine kleinere Handfeuerwaffe zog, stürzten sich vier Personen auf ihn und hielten ihn fest, bis die Polizei eintraf.

Die norwegische Polizei stuft das Attentat als »islamistischen Terroranschlag« ein. Der Verdächtige ist amtsbekannt. Seit 2015 wird er vom norwegischen Inlandsgeheimdienst PST beobachtet. Er hat ein langes Vorstrafenregister und bewegt sich seit 2015 in Kreisen, die die Behörden dem »islamistischen Extremismus« zurechnen. Erst im Mai dieses Jahres hatte der Verdächtige mit PST-Beamten Kontakt – diese schrieben ihm kein Gewaltpotential zu.

Nun droht ihm ein Verfahren wegen Mordes, Mordversuchs und eines terroristischen Anschlags. Bisher verweigert er die Aussage. Die Bild- und Tonaufzeichnungen der Vernehmungen, die die Staatsanwaltschaft verlangt, lehnt er ab, außer das gesamte Material wird öffentlich zugänglich gemacht. Seinem Anwalt zufolge fürchtet der Verdächtigte ansonsten eine Manipulation seiner Aussagen. Bisher lehnt der Verdächtigte auch eine psychiatrische Untersuchung ab. Den Behörden zufolge war er in der Vergangenheit des öfteren in psychiatrischer Behandlung.

Trotz der Absage der Pride-Parade versammelten sich am Sonnabend nachmittag mehrere tausend Menschen in der Osloer Innenstadt, um die geplante Route entlangzumarschieren. Unter dem Hashtag »Walk With Pride« wurde in den sozialen Medien zur Teilnahme aufgefordert. Inge Alexander Gjestvang vom Verein für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt erklärte in einer Stellungnahme: »Wir können weiter stolz sein, und wir werden weiter sichtbar sein, dort, wo wir wohnen, und zusammen mit unseren Familien und Geliebten.« Für diese Woche sind mehrere Pride-Events in Oslo geplant. Diese sollen plangemäß stattfinden, allerdings unter erhöhtem Polizeischutz. Seit dem Anschlag tragen die norwegischen Polizeibeamten auch Schusswaffen, was gewöhnlich nicht der Fall ist.

Am Sonntag fand in der Osloer Domkirche eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags statt. Der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre richtete sich dort auch explizit an die muslimische Bevölkerung des Landes: »Ich weiß, dass viele von euch Angst haben, für eine Tat zur Verantwortung gezogen zu werden, die euren Werten fremd ist. Ihr müsst wissen, dass wir vereint sind. Wir sind eine Gemeinschaft.«

Terroranschläge wecken in Norwegen ein nationales Trauma. Am 22. Juli 2011 ermordete der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik acht Menschen bei einem Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel und 69 Menschen durch gezielte Schüsse auf dem Sommerlager des sozialdemokratischen Jugendverbandes AUF auf der Insel Utøya. Breivik sitzt derzeit eine 21jährige Haftstrafe ab; die höchstmögliche Strafe, die das norwegische Rechtssystem zulässt.

Der Anschlag vom Sonnabend führte zu vielen internationalen Reaktionen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schrieb auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: »Der Anschlag gegen die queere Community in Oslo erschüttert mich zutiefst. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer.« Ein symbolisches Zeichen setzte die Fußballikone Ada Hegerberg, die am Samstag abend mit der norwegischen Auswahl gegen Neuseeland antrat. Nach einem Torerfolg schnappte sie sich die regenbogenfarbene Kapitänsbinde von Maren Mjelde und hielt sie in den Osloer Abendhimmel.

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