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Aus: Ausgabe vom 27.06.2022, Seite 16 / Sport
Tennis

Die Sonntagsfrage

Wer gewinnt in diesem Jahr in Wimbledon? Bei Damen wie Herren scheint die Lage so unvorhersehbar wie selten zuvor
Von Gabriel Kuhn
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Gewann am Sonnabend das Finale in Eastbourne: Petra Kvitova

Am Montag beginnen die 135. Championships des All England Lawn Tennis and Croquet Club in Wimbledon. Auf dem »neuen« Centre Court an der Church Road wird zum 100. Mal gespielt – immer noch in Weiß, beim bedeutendsten Tennisturnier der Welt ist man bekanntlich traditionsbewusst. Nur mit einer Tradition wird in diesem Jahr gebrochen. Am ersten Turniersonntag (am 3. Juli) – dem bisher spielfreien »Middle Sunday« – wird Tennis gespielt werden.

Wie schon beim ersten Major dieses Jahres, den Australian Open, ist bei den Herren die Nummer eins der Welt nicht am Start. War es in Australien der Serbe Novak Djokovic aufgrund der Unstimmigkeiten wegen seiner fehlenden Covid-Impfung, wurde nun dem Russen Daniil Medwedew seine Staatsangehörigkeit zum Verhängnis. Spielerinnen und Spieler aus Russland und Belarus sind beim Turnier in Wimble­don nicht erwünscht. Die Veranstalter waschen ihre Hände in Unschuld und verweisen auf die Regularien der britischen Regierung. Bei den Herren sind neben Medwedew vier weitere Spieler aus den Top 50 der Weltrangliste betroffen, bei den Damen sieben. Dort fehlen unter anderem eine der Semifinalistinnen des Vorjahres, die Weltranglistensechste Aryna Sabalenka, sowie ihre belarussische Landsfrau Wiktoryja Asaranka, die 2011 und 2012 jeweils im Halbfinale stand. Die Tennisprofiorganisationen ATP (Herren) und WTA (Damen), die den Ausschluss nicht unterstützen, verteilen angesichts mangelnder Chancengleichheit beim diesjährigen Turnier keine Weltranglistenpunkte.

Die russischen Topspieler sind nicht die einzigen prominenten Ausfälle. Die Nummer zwei bei den Herren, der Hamburger Alexander Zverev, ist nach seiner schweren, Anfang Juni bei den French Open erlittenen Bänderverletzung noch nicht einsatzfähig. Rafael Nadal, der die French Open zum 14. Mal gewann, wird in Wimbledon antreten, hat jedoch aufgrund einer chronischen Fußverletzung (Müller-Weiss-Syndrom) seither kein Match mehr bestritten. Der Spanier wird sich wieder auf schmerzstillende Spritzen verlassen müssen und damit Dopingdiskussionen anfachen. In mehreren Ausdauersportarten, beispielsweise im Radsport, ist es verboten, sich fitspritzen zu lassen.

Angesichts mangelnder bzw. angeschlagener Konkurrenz scheint der Weg frei zu sein für Djokovics heiß ersehnten 20. Grand-Slam-Titel. Der Serbe ist auf der Jagd nach Nadal, der mit seinen Siegen in Australien und Frankreich im direkten Duell bei 22:20 steht. Gerade in Wimbledon kann Djokovic freilich ein Außenseiter einen Strich durch die Rechnung machen. Die Rasensaison ist kurz, das Grün ungewohnt, und Unbekanntere spielen gerne plötzlich groß auf, vor allem, wenn sie einen sehr guten Aufschlag haben und mit dem flachen Ballabsprung gut zurechtkommen. In diesem Jahr gewann der Niederländer Tim van Rijthoven als Nummer 205 der Welt das 250er-Turnier in ’s-Hertogenbosch, die Nummer 60 Maxime Cressy drang beim 250er-Turnier in Eastbourne ins Finale vor, und das britische Publikum freut sich auf Jack Draper und Ryan Peniston, die zwar beide außerhalb der Top 100 liegen, in den Vorbereitungsturnieren jedoch Achtungserfolge erzielten. Zu den ernsthaftesten Herausforderern von Djokovic zählen Matteo Berrettini, der Djokovic im Vorjahr erst im Finale unterlag und vorige Woche seinen Titel beim 500er-Turnier im Londoner Queen’s Club verteidigte, sowie der Pole Hubert Hurkacz, dem Gewinner des 500er-Turniers in Halle.

Heißester Außenseitertipp bei den Damen ist die 26jährige Brasilianerin Beatriz Haddad Maia. Anfang Juni noch 48. der Weltrangliste, ist sie nach Turniersiegen bei den 250ern von Nottingham und Birmingham in Wimbledon als Nummer 23 gesetzt. Beim traditionsreichen Turnier in Eastbourne, bei den Damen ein 500er, musste sie sich der späteren Turniersiegerin Petra Kvitova, die sie in der ersten Runde von Birmingham noch 7:6, 6:2 besiegt hatte, erst im Halbfinale sehr knapp 6:7, 4:6 geschlagen geben. Die Tschechin gewann das Endspiel gegen die Titelverteidigerin Jelena Ostapenko souverän 6:3, 6:2. Es war der 29. Turniererfolg der 32jährigen. In der gesamten Turnierwoche verlor sie insgesamt lediglich zweimal das eigene Aufschlagspiel (beide Male im ersten Satz des Drittrundenspiels gegen die Britin Katie Boulter). Eine unschlagbare Statistik. Bereits 2011 hatte Kvitova im Endspiel von Eastbourne gestanden, verlor es damals aber gegen Marion Bartoli, um dafür danach in Wimbledon über Marija Scharapowa zu triumphieren. Ein Turniersieg in Eastbourne war aber in den letzten Jahrzehnten immer ein eher schlechtes Omen für Wimbledon. Die letzte Spielerin, die den Eastbourne-Fluch überwinden konnte, der es also gelang, im selben Jahr in Eastbourne und in Wimbledon zu gewinnen, war Kvitovas 2017 verstorbene tschechische Landsfrau Jana Novotna im Jahre 1998. Seitdem Fehlanzeige. Zudem ist Kvitova seit ihrem zweiten Wimbledonsieg 2014 dort nicht mehr über die vierte Runde hinausgekommen.

Ein Fragezeichen steht hinter der Nummer eins bei den Damen, Iga Swiatek. Sie dominiert das Damentennis seit dem überraschenden Rücktritt von Ashleigh Barty im März 2022. Swiateks Sieg im Finale der French Open war der 35. in Serie. Danach spielte die Polin jedoch kein einziges Rasenturnier. Bei ihrem ersten Auftritt in Wimbledon 2019 schied die mittlerweile 21jährige in der ersten Runde aus, im Vorjahr erreichte sie das Achtelfinale.

Aufmerksamkeit erregt die Rückkehr von Superstar Serena Williams. Die Amerikanerin spielte ihr bisher letztes Match auf der WTA-Tour vor genau einem Jahr, als sie in der ersten Runde von Wimbledon gegen die heuer zum Zusehen verurteilte Belarussin Aljaxandra Sasnowitsch aufgrund einer Knöchelverletzung aufgeben musste. Es wäre eine Sensation, würde die mittlerweile 40jährige tatsächlich ihren 24. Grand-Slam-Titel holen, der sie mit der australischen Rekordhalterin Margaret Court gleichziehen ließe. In Eastbourne spielte Williams zwei Runden Doppel zusammen mit Ons Jabeur, der Siegerin des Rasen-500ers in Berlin. Das fällige Doppelhalbfinale an der Seite von Williams sagte Jabeur aber wegen einer Knieverletzung ab.

Dass die 18jährige US-Amerikanerin Cori Gauff, die Swiatek bei den French Open im Finale unterlag, einer anderen Generation als Williams angehört, machen auch ihre Social-Media-Gewohnheiten deutlich. Nach ihrem Partner im Mixed-Doppel suchte sie auf Twitter. Nun wird sie an der Seite ihres 29jährigen Landsmanns Jack Sock antreten, einem zweifachen Wimbledon-Sieger im Herrendoppel.

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