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Aus: Ausgabe vom 27.06.2022, Seite 8 / Ansichten

Alles auf Risiko

Die G7 im globalen Machtkampf
Von Jörg Kronauer
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»Wie die USA den neuen kalten Krieg verlieren könnten«: Unter dieser Überschrift wies in der vergangenen Woche Joseph Stiglitz, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2001, auf eklatante Schwächen der Vereinigten Staaten in ihrem Machtkampf gegen China hin. Um den zu gewinnen, benötigten die USA Verbündete auch unter den Schwellen- und Entwicklungsländern, konstatierte Stiglitz. Diesen aber müsse man, wolle man sie für sich gewinnen, schon etwas bieten. Was aber tue Washington? Durch allerlei – verlorene – Kriege und Wirtschaftskrisen geschwächt, im Inneren von Ungleichheit, Gewalt und Rassismus zerfressen, forderten die USA von ärmeren Staaten Gefolgschaft ein und belehrten sie von oben herab, während der chinesische Rivale etwa mit dem Bau wichtiger Infrastruktur handfeste Unterstützung biete. Die Vereinigten Staaten befänden sich nicht auf dem Weg zum Sieg, urteilte Stiglitz. Womöglich seien sie sogar auf dem Weg in die Niederlage.

Der Ökonom hätte seine Warnung auch den G7 ins Stammbuch schreiben können, die auf ihrem Gipfel in Elmau den großen Hammer nicht bloß gegen China, sondern auch gegen Russland schwingen wollen. Denn bei ihnen läuft es ebenfalls nicht rund. Die USA – siehe oben. Die EU, das wichtigste Herrschaftsprojekt dreier G7-Staaten, taumelt von Krise zu Krise; die Inflation schwillt auch in Europa an, und Deutschland steht womöglich vor einem bedrohlichen Energiemangel, der den Finanzminister schon jetzt vor »fünf Jahren Knappheit« warnen lässt. Attraktiv ist das nicht. Muss man sich wundern, dass der Druck der G7, sich den Russland-Sanktionen anzuschließen, bei der großen Mehrheit der Staaten bis heute nicht verfängt? Dass Argentinien die Einladung zum G7-Gipfel angenommen hat, aber höheren Wert auf einen Beitritt zum rivalisierenden BRICS-Bündnis legt? Dass Indonesien angekündigt hat, auf dem G7-Gipfel, dem es heute gleichfalls als Gast beiwohnen wird, vom Westen zu fordern, seine Russland-Sanktionen einzuschränken, um die drohende globale Hungerkrise noch in letzter Minute abzuwenden? Nein, das verwundert nicht.

Und die G7? Sie suchen ihre unübersehbaren Schwächen mit noch stärkerem Druck, mit weiteren Zwangsmaßnahmen zu übertünchen. Da Russland immer noch nicht eingeknickt ist, sollen weitere Sanktionen her; von einem Importverbot für russisches Gold war am Sonntag die Rede. Das Erdölembargo, das den Ölpreis in für die G7 bedrohliche Höhen treibt, soll – nein, nicht aufgehoben, sondern zum Schutz der G7-Ökonomien angepasst werden. Vor allem Washington will außerdem den gemeinsamen Kampf gegen China ein weiteres Mal verschärfen. Der Druck kann China wie auch Russland schwer in die Bredouille bringen. Er kann aber, siehe »fünf Jahre Knappheit«, auch nach hinten losgehen: Wirtschaftskriege kann man auch verlieren. Im Kampf um die Weltmacht sind die G7 – man sieht es – ganz unverändert zu jedem Risiko bereit.

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  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus 12105 Berlin (27. Juni 2022 um 13:42 Uhr)
    Die unerwünschte Souveränität Europas. Oder: Das große Völkerschlachten für das westliche »Goldene Kalb« und medial (eingebildete) Konsumparadies. Die große Mehrheit wünscht sich Zugang zum westlichen Hollywood/Bollywood und Schlaraffenland bzw. Konsumparadies. Hier unterscheiden sich die Konsumwünsche und Träume der Osteuropäer nicht von denen der Ostdeutschen von vor 1989/1990. Aber auch nicht von den Jugendlichen und der Mehrheit der von TV und Internet geprägten Bevölkerungen in den Balkanregionen, in der Türkei und Kurdistan, Nahost, Asien und Afrika. Desgleichen gilt so auch für Mittel- und Südamerika. Mit der Implosion und dem Zusammenbruch der UdSSR und einer vermeintlichen sozialistisch-humanistischen Alternative in Osteuropa, aber auch in Asien (China und Vietnam), werden die Bewusstseinsinhalte vom Westen geprägt, insbesondere von Nordamerika und Westeuropa. In Asien, dementsprechend von Japan, Taiwan und Südkorea und kleineren Wirtschafts- und Konsummetropolen Asiens. In der arabischen Welt allenfalls vom Konsumparadies in den Golfmetropolen. Jedoch hier, ganz im Gegensatz zu den bürgerlichen und gut situierten Wohlstandskindern und Beamten-»Gutmenschen« in Westeuropa, gewähren die feudal-kapitalistischen Monarchien keine Aufnahme und Vollversorgung für ihre Glaubensbrüder und Glaubensschwestern. Die Ukraine wünscht die Aufnahme und den Anschluss an die Europäische Union. Vor allem die Mehrheit der Oligarchen und politischen Eliten forciert über alle Medien, mit entsprechender Einwirkung auf das ukrainische Massenbewusstsein, den ideologisch-psychologischen Anschluss an Westeuropa. Damit einher geht auch der Wunsch und die Zielsetzung der Eliten, für die wirtschaftliche und sozialpolitische Annäherung und Entwicklung, an die materiellen Konsum- und Fleischtöpfe (bevorzugt) Westeuropas zu kommen. Hierfür sind die ukrainischen Oligarchen und politischen Eliten bereit, einen Teil der eigenen Bevölkerung im (nationalen) Krieg gegen Russland zu opfern. Die historische Linie zieht sich dabei, seit dem Entstehen der UdSSR, über die Hungerkatastrophe in den 1930er Jahren und die Kriegsjahre, bis zur Implosion der Sowjetunion, in die aktuelle kapitalistische Gegenwart. Wie bitter war die Enttäuschung bei den ukrainischen Nationalisten, als sie auch bei der deutschen Besatzungsmacht keine erwünschte Gleichbehandlung erfuhren. Erhofften sie sich anfänglich doch auch, gemeinsam mit der Wehrmacht, SS und polizeilichen Einsatzgruppen, nicht nur der Juden zu entledigen, sondern auch der heimischen Kommunisten und die Liquidierung der ganzen Sowjetunion. Heute – auf der Basis der allgemeinen kapitalistischen Grundlagen für die analoge sozioökonomische (westliche) Korruptionsgesellschaft – wünscht man sich den zweiten Schritt, zum Anschluss an die NATO und EU. Vor allem finanziert durch die Mehrheit der meist eigentumslosen Erwerbsbevölkerung in Westeuropa: Deutschland, Österreich, Benelux und Skandinavien. Die USA werden sich daran kaum beteiligen, allenfalls an der militärischen Aufrüstung zur Beseitigung der eigenstaatlichen Existenz der Russischen Föderation mithilfe ukrainischer Soldaten, Nationalisten und Eliten.

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