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Aus: Ausgabe vom 25.06.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ein mediales Lehrstück

Oder: Gerechtigkeit für Jörg Dahlmann
Von Jürgen Roth
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»Ich bin, wenn man so will, ein Bauernopfer der ganzen Geschichte.« – Jörg Dahlmann

Die unfreundlichen Annotationen vorneweg: Leute, die fürs Fernsehen arbeiten, haben ein unterentwickeltes Verhältnis zur geschriebenen Sprache. Schreiben ist nicht abgebildetes Sprechen (auch wenn es früher TV-Journalisten gab – Günter Gaus fällt einem unweigerlich ein –, die »wie gedruckt« redeten), sondern ein bestenfalls von allerlei Skrupeln begleiteter, durch Abwägung und Reflexion gebremster Vorgang sui generis.

Dem Fußballkommentator Jörg Dahlmann, dessen Profession die Ad-hoc-Schilderung und Stegreifdeutung des auf dem Platz Geschehenden ist, seine stilistische Grobkörnigkeit und ab und an nicht geringe Unbeholfenheit im textlichen Ausdruck zum Vorwurf zu machen, wäre daher unbillig. Seiner Autobiographie »Immer geradeheraus – Tore, Typen, Turbulenzen – meine wilde Zeit als Fußballreporter« (Hamburg 2022) hätte ein strafferes Lektorat allerdings gutgetan. Mitunter sagt Dahlmann auf einer Seite dreimal das gleiche, flicht Binsen (»Egal, wenn man jung ist, ist manches möglich«), die Grammatik schlägt nicht selten verwegene Purzelbäume, sprachliche Bilder quietschen zwischen den Zargen (»seine Formulierungsgabe und seine journalistische Ader waren umwerfend gut«, »Meine MAZ-Redakteure … führten eine vox populi durch, eine Umfrage«, »gänsehäutchenhoch«, »Bei mir wölben sich jedesmal die Häute, wenn ich mir das anschaue«), die knapp 320 Seiten werden mit Phrasen (»Tacheles reden«, »reinen Wein einschenken«) und dem zudem meist pleonastischen Dumm- und Dieter-Bohlen-Deppendeutschwörtlein »mega« überschwemmt (»megageflasht«, »megariesen medialer Wirbel«, »megapeinlich«, »megavoll«, »megatoll«, »megastolz«, »megalustig«, »Mega-mega-mega-Quote«), und die infantilen Flokativokabeln (»kuschelig«, »goldig«, in Dreifachaufmaschelung: »schnuckeliges kleines Zimmerchen«) gingen mir irgendwann auf den Keks.

Das ist schade, denn in »Immer geradeheraus« spricht ein Mensch, der in der Medienmaschinerie mehr als vierzig Jahre tätig war und sich trotzdem nicht vollends hat zurechtkneten lassen; ein Mensch, der über die Freuden seines Berufslebens und zugleich über Demütigungen und betriebliche Blödheiten redet, bemerkenswert unverbrämt, hie und da wohltuend wütend. Ich habe stapelweise Memoiren von sogenannten Fußballprominenten gelesen (von Hartmann bis Hansch), Jörg Dahlmanns Aufzeichnungen gehören zweifellos zu den bedeutenden – weil man aus ihnen etwas lernt: über Konformismus, Ideologie, Machtbeziehungen und, vice versa, das hohe Gut der Freiheit, über jenen Raum der Ungezwungenheit, in dem sich Hingabe, Begeisterung und Quatsch artikulieren dürfen.

Jörg Dahlmann wuchs im Ruhrgebiet in bescheidenen Verhältnissen auf, besuchte das Gymnasium, schrieb für die Schülerzeitung und lernte als DJ das freie Sprechen. Geliebt hat er das Radio, zumal die ARD-»Schaltkonferenz« (»Was für eine wunderbare Welt damals!« Oh, ja!), landete jedoch beim lokalen Zeitungsjournalismus, in dem damals freilich ein paar Redakteure tätig waren, die die Sprache nicht auf den Hackstock legten und mit dem Beil traktierten (kann ich aus meinen Anfängen bestätigen).

Gesoffen haben die auch alle (»immer wehte ein zarter Duft von Bier, Wein und Spirituosen durch die Redaktionsräume«; kann ich ebenfalls bestätigen, das nahm erst um die Jahrtausendwende herum ab – beziehungsweise wurde ab da peu à peu versteckter abgelitert). 1983 ergatterte Dahlmann eine Hospitanz beim ZDF, recht bald durfte er kleinere Beiträge produzieren, und gegen Ende des Jahres feierte er seine Premiere als Fußballkommentator im »Aktuellen Sportstudio«.

Die WAZ, eines der vielen verrotteten Konzernblätter, rezensierte das Buch unter der drecksmiesen Überschrift »Übelstes Nachtreten«. Das ist nicht nur gelogen, sondern kommt einer Verleumdung gleich. Dahlmann verleiht zahllosen seiner ehemaligen Kollegen Lorbeerkränze, porträtiert sie bisweilen geradezu liebevoll (Wolfram Esser, Rolf Kramer, Hermann Ohletz, Béla Réthy, Thomas Herrmann u. a., vor allem den herzlichen Günter-Peter Ploog), serviert aber auch mal, seinen Erfahrungen und der Ehrlichkeit verpflichtet, eine sachte Watschen. Der empfindliche, narzisstische Marcel Reif zum Beispiel hat offenbar etliche unangenehme Eigenschaften: »Marcel, zweifellos ein kluger Kopf, neigt leider dazu, die Kleinen rundzumachen. Unter den Kollegen ist er nicht der Beliebteste. Und irgendwie auch scheinheilig. Als Thomas Herrmann und ich zu Premiere beziehungsweise Sat.1 wechselten, rief er uns hinterher, wir seien dem Ruf des ›schnöden Mammons‹ gefolgt. Kurz darauf wechselte er zu RTL. Während der ZDF-Zeit warf Reif der Töpperwien-Fraktion ihren Boulevardstil vor und kritisierte, dass sie mit der Bild in einem Boot sitze. Tja, jetzt gibt es ›Reif ist live‹. Exklusiv für Bild.« (Ich frage mich, wann Dahlmann dieser Passage wegen der Vorwurf des Antisemitismus an den Kopf gepfeffert wird. Ich nehme Wetten an.)

Man halte das für Tratsch, doch die Medien werden nicht nur durch ökonomische Strukturen geprägt, sondern von Menschen gestaltet, deren Neigung zur Heuchelei und zur Geltungssucht sich unter den heutigen Bedingungen einer totalisierten, fetischisierten Wertverwertung und einer widerwärtigen Haltungshysterie und -propaganda ungehemmt Bahn bricht.

Ich habe Jörg Dahlmann nie zu den (sehr wenigen) von mir geschätzten Fernsehfußballkommentatoren gezählt. Oft wirkten seine Blasebalgsprüche auf mich wie präpariert, wie abgelesen. Stolz präsentiert er eine Blütenlese der Website Fums (Fußball macht Spaß), und die bestätigt meine verblassten Eindrücke (»Ran« habe ich mir rasch nicht mehr angetan, ein Pay-TV-Abo habe ich selbstverständlich nie abgeschlossen, die ganze Geldeintreiberei hat mir den Fußball endgültig ausgetrieben): »Klopps Unterkiefer geht mal wieder Gassi.« – »Totti hat aufgehört. Ich dachte, der würde noch mit dem Rollator weiterspielen.« – »Da steht er und macht ein Schnütchen.« – »Es ist wie beim Metzger. Es könnte ein bisschen mehr sein.« – »Weiterhin suchen wir das Wort ›Torgefahr aus Nürnberger Sicht im Fremdwörterlexikon.«

Vielleicht liege ich falsch. Vielleicht fiel Jörg Dahlmann dergleichen am Mikrophon ein. Dann könnte man’s als mehr oder minder einfallsreichen Unfug goutieren, als einigermaßen gelungene Comedy; wobei mir mal irgendwer, der welthermeneutisch versiert ist, erklären mag, warum inmitten dieser Gesamtverhetzungs- und -vernichtungsscheiße, in der wir herummurksen, die televisionäre Comedy derart floriert wie dieser Tage.

Jörg Dahlmanns Schilderungen seiner Jahre bei Premiere, Sat.1, Sport1 und Sky sind medienhistorisch interessant. Man erfährt etwas über neue Formate und Techniken, die den Fußball zum bescheuerten Popereignis stilisierten (»Beobachtungsfilme«, »Candy-Shots«, all die nervenden voyeuristischen Girlanden rund ums Spiel; für mich ist Fußball im Sinne Richard Sennetts ein Fußwerk). Das ging einher mit dem grenzenlosen Einsatz von spekulativem Kapital – oder wurde durch jenen allererst ermöglicht. Der Ofen dampfte, unablässig wurde die Kohle reingeschaufelt. Dahlmann macht keinen Hehl daraus, dass er und seine Kollegen sich in diesem Zirkus wie betrunkene Irre gebärdeten – bis der Laden wegen der Pleite des Jahrtausendgauners Leo Kirch zusammenbrach.

Damals, 2002, wäre eine Zäsur möglich gewesen (im Medienfußball und darüber hinaus, die New Economy war am Arsch). Denkste. Der Kapitalismus ist eine zähe Drecksau. Es ging weiter wie gehabt. Und heute drapiert sich dieser Schweinestall mit Vollidiotengehabe: »Gender«, »Sexismus«, »Rassismus«. Schachfiguren in Regenbogenfarben und rosa Windeln für einjährige Buben. »Trans« statt Revolution. Staatsterroristische Bevormundung im Namen von »Diversity« statt Klassenkampf und Friedenspolitik. Es ist durchsichtig wie ein Glas Wasser und zum Speien.

Jörg Dahlmanns Autobiographie zeigt das unwillentlich. Den Rahmen seiner Lebensbeschreibung geben zwei »Skandale« ab, die seine Entfernung aus dem Geschäft zur Folge hatten. Detailliert rekonstruiert Dahlmann die Vorgänge, die ihn den Job bei Sky kosteten. Und die sind so sagenhaft ridikül, dass ich nicht mehr weiß, wo die Grenze zwischen politisch generierter Beklopptheit und (Rest-)Verstand verläuft. Wahrscheinlich existiert eine solche nicht mehr.

Es ist ein Lehrstück. »Wäre es nicht schön, wenn wir immer sagen dürften, was wir denken? Was wir fühlen? Was wir empfinden?« fragt Dahlmann auf der ersten Seite. Nein. Denn die schöne allerneuste Welt der Sittenwächter und des medialen »Moralpöbels« (Edo Reents) verlangt allezeit nach wattierter, bigotter »Achtsamkeit«, nach der einen normierten Weltansicht, nach puritanischer Sterilität. Die Vernichtung des Abweichenden, des Eigensinns ist Gesetz geworden. Einer Frau ein über Ironie transportiertes Kompliment zu machen und mit den großartigen Möglichkeiten der Sprache zu spielen, es ward verboten, von den geifernden Oberaufsehern in der SZ, der Zeit, der Taz, im Spiegel (Lobo und Stoko an die Front!) und in der Jauchegrube namens soziale Medien. Die Kasernenhofkonsequenz: »öffentliche Hinrichtung« (Dahlmann).

Jörg Dahlmann plaudert aus – und dafür ist ihm zu applaudieren –, wie es schon länger im Strafbataillon Sky zuging: willkürliche Vorgaben, Anweisungen, Maßregelungen (inklusive »Leitfaden für eine integrative Sprache«), technokratische »Klugscheißerei« (Dahlmann), Verpflichtung zum Gehorsam, »Einschüchterung«. Er nennt Namen, Gott sei Dank, er nennt die Exekutoren. Diese Passagen lesen sich wie ein Bericht aus einer deutschen Behörde, die von Heine oder von Heinrich Mann hätte ersonnen worden sein können. »Mit unabhängigem Journalismus hat das nichts mehr zu tun.« (Dahlmann)

Während der Übertragung eines DFB-Pokalspiels zwischen Union Berlin und dem SC Paderborn sagt der Beelzebub Jörg Dahlmann mit Blick auf den Berliner Ersatzkeeper Loris Karius, den damaligen Lebensgefährten der sehr lässigen und sehr schönen Schauspielerin Sophia Thomalla: »Für so ’ne Kuschelnacht mit Sophia würd’ ich mich auch auf die Bank setzen.« Er lacht dabei. Nicht lachen hernach seine Vorgesetzten, weil die unausgelasteten Vollpfosten, die ihr »Leben« vernichten, indem sie Twitter und sonst einen Kanal ohne Unterlass mit ihrem Gefasel fluten, sofort »Sexismus!« plärren. Auf den Plan treten im Zuge der »Beschimpfungspolonaise« (Dahlmann) die »Brandbeschleuniger«, die systemisch korrupten, hypokritischen, auf Sensationen und Klickzahlen geeichten und geiernden Internetportale von Spiegel, Focus, Welt, Bild, WAZ. Nun ist Jörg Dahlmann auf dem Schafott gelandet, »ohne Prozess« (Dahlmann). Der Sender, der nur noch »Eiteitei-Journalismus« betreibt, knallt ihm die (längst beschlossene) Kündigung vor die Nase. »Mir ist jetzt klar«, schreibt Dahlmann, »dass der ideologische Kampf um die Meinungsfreiheit inzwischen die Verwendung von Begriffen und Wörtern erfasst hat.« Allein, es ist ein Kampf um die Auslöschung der Äußerungsfreiheit. (Man darf einen japanischen Zweitligafußballer obendrein nicht als einen Mann titulieren, der aus dem »Land der Sushis« stammt. »Chapuisat aus dem Land der Milchschokolade« – geschasst.)

Die noble, herrlich selbstbewusste Sophia Thomalla sagt in Jörg Dahlmanns Autobiographie alles nötige zu dieser exemplarischen Causa (»Es geht immer um Bestrafung … In den Menschen kommt das Gefühl der Macht auf, nur weil sie einen Internetzugang haben«). Und obwohl ich lieber eine Nacht mit Sophia Thomalla verbrächte (ha, der Roth, das perverse Schwein!), rufe ich Jörg Dahlmann an.

*

Ich war bei vielen Passagen Ihres Buches sehr berührt – zumal vor dem Hintergrund, dass Ihnen vorgeworfen wird, Sie träten übel nach. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

Dass ich übel nachtrete, ist von der Funke-Mediengruppe behauptet worden. Aber die Funke-Mediengruppe hat dafür auch einen Grund, weil ich sie nämlich in meinem Buch kritisiere. Sie ist mit den Vorfällen damals, die zur Folge hatten, daß ich von Sky gefeuert wurde, auf ihrer Website derwesten.de nicht ordentlich umgegangen. Sie hatten einen Onlineartikel veröffentlicht, der, glaube ich mich richtig zu erinnern, die Überschrift hatte: »Wie lange macht Sky das noch mit? Fans fordern Dahlmanns Rauswurf«. Oder so ähnlich. Im Text waren dann nur Twitter-Hater zitiert. Das ist so weit entfernt von meiner Auffassung dessen, was Journalismus ist, wie die Erde von der Venus.

Fritz von Thurn und Taxis sagte mal zu mir, er habe sich von den sogenannten sozialen Medien immer ferngehalten, weil man in denen hingerichtet werde. Sie sind da hineingeraten. Sie haben in dem Podcast »Abseits«, den zwei Fans von Eintracht Frankfurt machen, ein, zwei, drei Bemerkungen, die auf Twitter erschienen waren, zitiert, ­etwa: »Du bist ein Sexist, du schwule Sau.« Was geht einem bei dergleichen durch den Kopf? Da stimmt ja nichts mehr.

Ja. Natürlich ist das ein absolutes No-Go. Das erleben wir alle, die wir in der Öffentlichkeit stehen, und wir müssen das vielleicht auch ertragen, weil das eben der Zeitgeist ist, mag man davon halten, was man will. Aber die sozialen Medien würde ich nicht komplett verdammen. Sie sind Fluch und Segen zugleich. Ich habe einen Instagram-Account, und der hat mir sehr, sehr dabei geholfen, meine eigene Position kundzutun. Nachdem ich von Sky rausgeworfen worden war, habe ich dazu auf Instagram Stellung bezogen. Ich musste nicht bei anderen Journalisten betteln gehen: Würdet ihr bitte meine Version veröffentlichen? Die konnten mich einfach zitieren. Insofern sind soziale Medien auch eine positive Sache. Doch ich muss hinzufügen, dass speziell auf Twitter sehr viele Leute unterwegs sind, die Hass und Hetze verbreiten. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Ich habe mir die Dinge, die Sie am Mikrophon gesagt haben und auf Grund deren Sie schließlich rausgeschmissen wurden, mehrmals angehört, und ich fragte mich die ganze Zeit: Wo leben wir eigentlich? Was haben Sie denn verbrochen, Herr Dahlmann? Ich begreife es nicht.

Ja. Ich hatte auch zur aktuellen Führung von Sky im Grunde kein negatives Verhältnis. Aber: Nach dem Thomalla-Spruch entwickelte sich zunächst ein regelrechter Tsunami, und da hat Sky sofort reagiert, und sie wollten mich schon damals rauswerfen. Sie haben nicht abgewartet, wie die zweite öffentliche Reaktion ausfiel – diese Angela-Merkel- oder Olaf-Scholz-Abwartetaktik. Die hätten vielleicht erst mal nachdenken müssen. Und das spreche ich ihnen ab: dass sie erst mal in sich gegangen wären. In der zweiten Welle haben viele, so wie Sie das auch gerade getan haben, gesagt: Mein Gott noch mal! Der Spruch ist vielleicht nicht besonders glücklich oder altbacken oder …

Finde ich gar nicht! Entschuldigung, aber …

Ja! Aber ich sag’ mir immer: Es gibt eben verschiedene Meinungen. Ich respektiere die Leute, die sagen: Das ist übers Ziel hinausgeschossen. Und deswegen habe ich mich damals auch bewusst bei denjenigen entschuldigt, die das als sexistisch aufgefasst haben. Ich habe das nie als sexistisch aufgefasst. Das war ein lockerer Spruch, der durchaus erlaubt sein muss. Und ein wichtiger Punkt ist für mich: Was sagt die Betroffene? Und da waren und sind die Reaktionen von Frau Thomalla ja eindeutig.

Ich habe das meiner Liebsten vorgespielt, und die sagte: »Was ist denn daran schlimm? Das ist doch ein wunderbares Kompliment! So was wollen wir Frauen doch hören!«

Ja. Das sagte Sophia Thomalla ja auch! Sie ist damit so locker umgegangen, und das gipfelte ja am Ende darin, dass sie sagte: »Wenn ich dich das nächstemal sehe, gebe ich dir ein bis zehn Bier aus.«

Sehr gut!

Das hat mich wirklich beeindruckt. Sie ist eine bodenständige Frau. Die Sache ist natürlich: Ich glaube, dass bei dieser Thomalla-Geschichte vieles zusammenkam. Da haben plötzlich die Leute, die mich nicht leiden können – von denen gibt es halt viele, als Sportreporter hat man viele Gegner, das werden Ihnen Kollegen wie Manni Breuckmann oder Fritz von Thurn und Taxis auch erzählen können –, die haben die Chance gesehen, draufzuprügeln und dem Dahlmann einen mitzugeben. Die sind in das erste Negativkonzert eingestiegen. Und das bekam dadurch eine Wucht, die Sky dann vorschnell negativ bewertet hat.

Wie erklären Sie sich diesen medialbetrieblichen Konformismus: dass alle – oder zumindest alle Verantwortlichen – sofort auf diesen Empörungszug aufspringen?

Ich bin, wenn man so will, ein Bauernopfer der ganzen Geschichte. Ich glaube, dass sie jetzt bei einer ähnlichen Geschichte nicht noch einmal so reagieren würden. Ich glaube, dass sie aus der Distanz betrachtet ihren Fehler bereuen. Aber sie entschuldigen sich natürlich auch nicht dafür. Das entspricht eben, ja (sucht seufzend nach Worten): der DNA dieser Menschen – dass sie keine Fehler zugeben können, weil sie das möglicherweise als Zeichen ihrer eigenen Schwäche verkaufen müssten.

Wie haben Sie die Zeit beim ZDF in Erinnerung? Es gab große Freiheiten, es gab keinen Daueraktualitätsdruck, die Sportredaktion war üppig besetzt, obwohl der Sport im Programm eine eher marginale Rolle einnahm. Wie würden Sie diese Form von Fernsehsportjournalismus im Vergleich zu Ihrer Zeit bei Sat.1 und anderen Privatsendern beurteilen? Das war in den 90er Jahren ja ein gravierender mediengeschichtlicher Bruch.

Man hat beim ZDF richtig Fernsehsportjournalismus gelernt. Man hat das richtige Formulieren gelernt. Man hat den seriösen Umgang mit der Schilderung sportlicher Geschehnisse gelernt. Als die privaten Sender aufkamen, wurde das aufgeweicht. Da wurde alles generell boulevardesker und bunter – was ich durchaus nicht als grundsätzlich schlimm empfinde. Aber in dieser Zeit haben wir manchmal ein bisschen die Sachlichkeit verloren. Doch wir hatten bei Sat.1 einfach Spaß am Fußball.

Ich habe mir Ihren Livekommentar zum »Wunder vom Wildpark« (zum 7:0 des KSC gegen den damaligen spanischen Tabellenführer FC ­Valencia am 2. November 1993 im Rückspiel der zweiten Runde des UEFA-Cups, mit dem genialen Manni Bender, dem archaisch kämpfenden Edgar Schmitt und dem schon damals unglaublichen Oliver Kahn), noch einmal angesehen oder -­gehört. Der ist behutsam und keineswegs marktschreierisch, sondern geprägt von Verwunderung, vom Hingerissensein. (»Wie aus einem Guss. Eine Sternstunde im Europapokal! Edgar Schmitt! Das ist nicht möglich!«) Ihm fehlt ganz und gar die Lautstärke, die mir bei »Ran« so oft auf die Nerven ging.

Ja. Es ist wichtig, dass man über Variationen in der Berichterstattung verfügt. Man kann nicht jede Woche ein Jay-Jay-Okocha-Tor in diesem Stil verkaufen. (Dahlmanns Kommentar in »Ran« vom 31. August 1993 bei Okochas 3:1 gegen den KSC darf man als berühmt bezeichnen: »Das ist das Beste, was der Fußball bieten kann«, »Sollen sie mich rausschmeißen«, »Mir zittern die Knie hier noch«.) Karlsruhe gegen Valencia war eine Ausnahmesituation. Ich hab’ damals meine Kommentatorenebene völlig verlassen. Ich hab’ Fanradio gemacht, Fanfernsehen, und habe nur noch vor mich hin geredet. Ich war tatsächlich wie in Trance. Ich hab’ in meinem Leben nie Drogen genommen, aber so muss es sich anfühlen, wenn man Drogen nimmt. (lacht) Es war ein unglaubliches Glücksgefühl, das einen selbst als Kommentator überwältigt hat. Es war eines der ganz großen Spiele der deutschen Fußballgeschichte. Unfassbar.

Um noch einmal auf Ihr Buch zurückzukommen: Ich hätte mir gewünscht, dass Sie das Fass wegen dieser Thomalla-Geschichte und wegen der »Land der Sushis«-Sache noch etwas größer aufgemacht hätten. Hat der Verlag da sozusagen bremsende Einflüsse geltend gemacht?

Bremsende Einflüsse nicht. Beratende Einflüsse. Ich wollte das Buch ja ursprünglich »Sushis und Luschis« nennen. Der Verlag meinte: Ja, der Titel ist sicherlich interessant, aber das würde meine Biographie zu sehr auf meinen Rauswurf einengen. Natürlich ist das das boulevardeske Thema schlechthin, und Bild und diverse Onlineportale haben Thomalla als Aufhänger benutzt, um diese unvermeidlichen Klicks zu bekommen. Ach, na ja …

Jörg Dahlmann: Immer geradeheraus. Tore, Typen, Turbulenzen – meine wilde Zeit als Fußballreporter. Edel Sports, Hamburg 2022, 320 Seiten, 19,95 Euro

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er ist regelmäßiger Autor des jW-Feuilletons und einziger Träger der jW-Ehrennadel für hervorragende Sportberichterstattung. Zuletzt gratulierte er an dieser Stelle in der Ausgabe vom 7. Mai 2022 Gerhard Polt zum 80. Geburtstag.

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