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Aus: Ausgabe vom 25.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Was das Herz wärmt

Gewonnen, bevors losgeht: Die ersten Tage beim Ingeborg-Bachmann-Preis
Von Peter Wawerzinek
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Zukunft der Zunft

Diesmal reise ich mit dem Zug nach Klagenfurt. Ich lese, ­gucke Filme auf dem Laptop. Ich schaue vorbeifliegenden Landschaften nach. Ich döse, nicke ein, erwache, steige um und bin da, wie zum ersten Mal 1991. Damals wurde ich vierter, aber auch nur, weil mein ­Juror im vierten Wahlgang das dauernde Unentschieden zwischen Marcel Beyer und mir beendete. Mein »Moppel Schappik« unterlag dem Text »Flughunde«. 19 Jahre später trat ich noch einmal beim Wettlesen um den Bachmann-Preis an und gewann im Doppelpack den Hauptpreis und die Gunst des Publikums. Fast ein halbes Jahr lebte ich 2011 in Klagenfurt. Europahaus lautete meine Adresse. Der Hausmeister war Eishockeyspieler. Wir kommunizierten die gesamte Zeit auf hohem sportlichen Niveau. Ich feierte meine 57 Geburtstag dort. Er organisierte für meine Gäste eine Stadtrundfahrt in historischem Bus.

Immer führt mich mein Weg vom Bahnhof ins Musil-Museum. Ich gerate mitten in die Abschlusslesungen der neun neuen schreibenden Autoren der Zukunft. Drei Tage lang sind sie von drei renommierten Schriftstellern sanft unterrichtet worden. Ich merke mir die Namen, um zu sehen, ob sie je wieder auftauchen im literarischen Leben. Die Autorin, deren letzte Zeilen ich noch mitbekomme, tritt ab. Sie hat einen Hund dabei, legt die Textseiten zu Boden. Ihr Hund breitet sie mit einer Pfote aus und legt seinen Kopf drauf. Ich sehe mich kurz neben ihn gekuschelt, mich von den Reisestrapazen erholend. Aber das ist einfach nicht drin.

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Wann geht's endlich ans Büffet? Die Jury diskutiert heftig (26.6.2022)

Ich rede mit dem Leiter des Hauses, grüße Altbekannte und gehe dann die zwei mit Büchern vollen Regale durch. Von den Bänden, die man einfach so heraus und an sich nehmen darf, entscheide ich mich für Anna Baars Roman »Nil«, 2021 bei Wallstein erschienen. Sie hält am Abend die Eröffnungsrede. Ich durfte das 2015 tun. Nach zwei Jahren ohne Publikum ist der ORF-Garten voll, das Büfett üppig, so üppig, dass zum Schluss noch übrig bleibt. Früher stürmten es die Gäste wie Heuschrecken und putzten den Gabentisch blitzschnell blank. Vorher gibt es seichte Jazzmusik. Und wieder sind so einige rituelle Begrüßungsreden und Grußbotschaften zu ertragen. Der Höhepunkt ist die Auslosung der Lesereihenfolge. Ich lege mich heuer darauf fest, der Hannes Stein werde den Reigen beginnen. Zu meinem Erstaunen kommt es so. Ich habe bereits für mich gewonnen, bevor es mit dem Lesen losgeht.

Ich verlasse das rauschende Fest eine Stunde vor Mitternacht, um mit dem Zug nach Villach zu fahren. Ich wohne beim Alfred. Der Alfred ist zur Zeit in Wien. Das Haus gehört mir. Der große schöne Balkon mit Aussicht auf das Gebirge. Deutschland, Italien, Österreich, drei Länder auf einen Blick. Dann falle ich ins Bett, traumlos, erwache, wandere vom Haus aus 30 Minuten zum Bahnhof, fahre retour nach Klagenfurt, bin rechtzeitig im Garten. Höre mir alle fünf Autoren an. Sitze im Liegestuhl, lese die Texte vom Blatt mit. Schaue zu den Lesenden hin, studiere ihre Mimik, registriere, an welcher ­Stelle sie die Lesung unterbrechen, um einen Schluck Wasser zu trinken. Ich mag Texte mit Stimmungs- und Tempowechsel im Vortrag lieber. Monoton vorgetragene mag ich weniger. Nach dem ersten Tag liegt Alexandru Bulucz bei mir weit vorne. Die kommenden zwei Tage werden neue Namen mein Herz erwärmen. Dann ist Sonntag, und die Jury gibt die Entscheidungen kund. Wie so einige Male zuvor werde ich mehr geahnt als gewusst haben oder vollkommen überrascht und irgendwie auch baff sein. Hoffe ich.

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