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Aus: Ausgabe vom 25.06.2022, Seite 8 / Ausland
Bahnstreik in UK

Geldregen für Aktionäre

Bahnstreik in Großbritannien: Konzerne schütteten 2021 fast eine Milliarde Euro aus
Von Matthias István Köhler
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Nichts geht mehr: Auswirkungen des Bahnstreiks am Mittwoch an der Waterloo Station in London

Es ist kein Geld da – die Aussage wird den seit Dienstag streikenden Bahnangestellten in Großbritannien um die Ohren gehauen. Sowohl Regierung als auch die Betreiberunternehmen wiederholen sie in Dauerschleife. Während also die 40.000 im Ausstand die Füße still halten sollen, stellt sich heraus: Die Bahnkonzerne zahlten im vergangenen Jahr rund 800 Millionen Pfund (ca. 930 Millionen Euro) an ihre Aktionäre aus – bevor sie den Beschäftigten Kürzungen verkündeten.

Wie das Portal Opendemocracy.net am Donnerstag berichtete, schüttete allein der größte britische Bahnbetreiber, die First Group, 500 Millionen Pfund im Dezember aus. Damit nicht genug: In einer am 14. Juni veröffentlichten Nachricht an Investoren erklärte das Unternehmen sogar noch, die »finanzielle Performance« in diesem Jahr liege »über den Erwartungen«.

Der Staatssekretär im britischen Finanzministerium, Simon Clarke, hatte am Montag noch aufgerufen, sich mit den Kürzungen abzufinden – er befürchte, dass ansonsten die Inflation noch weiter in die Höhe schnelle. Für die Vorstandsvorsitzenden der Bahnunternehmen gilt dies anscheinend nicht. Matthew Gregory von First Group beispielsweise bekam für seine Tätigkeit 2021 840.000 Pfund und damit sechs Prozent mehr als in den zwei Jahren zuvor.

Die Stimmung ist aufgeheizt, denn es geht bei dem größten Streik der Bahner seit 30 Jahren um sehr viel mehr: Großbritannien leidet unter einer »Lebenshaltungskostenkrise« – bis zum Herbst werden Preissteigerungen von elf Prozent erwartet. Davon sind alle Beschäftigten im Land betroffen. Zahlreiche Gewerkschaften haben daher ihre Solidarität mit den Bahnern erklärt – einige bereits Arbeitsniederlegungen in ihren eigenen Branchen angekündigt.

Der Generalsekretär der Bahnergewerkschaft RMT, Michael Lynch, erklärte dementsprechend: »Unsere Mitglieder setzen sich an vorderster Front für alle arbeitenden Menschen ein, die eine Lohnerhöhung und eine gewisse Arbeitsplatzsicherheit anstreben.« Das berichtete die sozialistische Tageszeitung Morning Star am Freitag. Die Botschaft ist angekommen: Die Tageszeitung The Sun titelte bereits am Mittwoch mit Blick auf den Bahnstreik und die Ankündigung der Lehrer, ebenfalls in den Ausstand treten zu wollen, es herrsche »Klassenkampf«.

Für diesen Sonnabend haben sich weitere Streikposten angekündigt. RMT schrieb am Freitag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, dass unter anderem der frühere Labour-Chef Jeremy Corbyn vor dem Zentralbahnhof in Newcastle erwartet werde. Für den jetzigen Vorsitzenden ein Affront: Keir Starmer hatte seine Partei aufgerufen, sich von den Streiks fernzuhalten.

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