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Aus: Ausgabe vom 25.06.2022, Seite 5 / Inland
Luftverkehr

Guter Zeitpunkt für Streiks

Wegen Personalmangel vor Kollaps: Deutsche Flughäfen hoffen auf Bundespolizei und türkische Arbeiter
Von Alexander Reich
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Flugscham war gestern, die deutschen Luftdrehkreuze stehen vor einem Ansturm von Passagieren. Das für die Abfertigung nötige Personal aber wurde in der Krise entlassen. Manch Reise werde »mit Verzögerungen und langen Schlangen beginnen oder enden«, erklärte der Chef des Flughafens Düsseldorf, Thomas Schnalke. Schon heute könnte bei ersten Reisen an seinem Flughafen Anfang und Ende zusammenfallen. In Nordrhein-Westfalen ist Ferienauftakt. Mehr als 200.000 Fluggäste werden am Wochenende allein in Düsseldorf erwartet.

Bei den Sicherheitskontrollen soll auf dem Airport die Bundespolizei »zur Entzerrung der Situation« beitragen, wie Bundespolizeisprecher Jens Flören bestätigte. Details der Kooperation waren zunächst nicht zu erfahren, eine vorbildhafte Verbindung ist es für den Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Jost Lammers: »Es wäre mit Blick auf die nächsten Wochen eine sinnvolle Maßnahme, wenn die Bundespolizei mit eigenen Kräften unterstützt«, diktierte er der FAZ (Freitagausgabe). Vielleicht spielte da auch schon die Sorge vor durchknallenden Massentouristenmassen mit rein.

Am Flughafen Köln/Bonn werden während der Ferien 1,75 Millionen Reisende erwartet, rund 86 Prozent des Vorkrisenniveaus und mit dem Personal nicht zu schaffen. Das Bundesverkehrsministerium sprach kürzlich noch von 2.000 fehlenden Flughafenmitarbeitern (»in allen Bereichen«), Betriebsräte von 5.500. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erhöhte die Zahl am Mittwoch bei der Vorstellung einer neuen Studie auf 7.200. Vor allem fehlten »Servicefachkräfte« für Check-in, Bodenverkehr, Gepäckabfertigung etc. – schlecht bezahlte Knochenjobs. Laut IW gibt es »deutlich mehr offene Stellen als Arbeitslose«, also »keine Reserven mehr am Arbeitsmarkt«.

Was Druck rausnimmt, sind frühzeitige Flugabsagen. In Düsseldorf und Köln wurden zuletzt vor allem Verbindungen der Lufthansa-Tochter Eurowings anulliert. Für die Ferienzeit hat Lufthansa gerade weitere 2.200 Flüge gestrichen, nach der Absage von ersten 1.000 Flügen Anfang Juni. Neben »Wetterereignissen« und der »erhöhten Coronakrankenquote« seien »Streiks der Flugsicherheit« ausschlaggebend gewesen, erklärte der Konzern am Donnerstag im Rückgriff auf einen Ende März schon beendeten Tarifkampf.

Der Zeitpunkt für Streiks in der Luftfahrt bleibt günstig, vielerorts wird das Momentum genutzt. Von Donnerstag bis Sonnabend legen Kabinenpersonal und Piloten von Brussels Airlines die Arbeit nieder, von Freitag bis Sonntag sind am Flughafen Charleroi auch Mitarbeiter von Ryanair im Ausstand. Und vor zwei Tagen haben Beschäftigte der British Airways (BA) für einen Streik in den Sommerferien gestimmt. Bei den 1.200 Mitgliedern in London-Heathrow sei die Mehrheit »überwältigend« gewesen, teilten die Gewerkschaften GMB und Unite mit.

Nicht aufgegeben hat der BDL seit Wochen gehegte Hoffnungen auf Ausnahmegenehmigungen der Behörden für den Einsatz von 2.000 Arbeitskräften aus der Türkei. »Wir hoffen, dass es sehr zügig geht«, bestätigte eine Verbandssprecherin am Freitag. Gegebenenfalls könnten notwendige Zuverlässigkeitsprüfungen innerhalb von etwa sechs Wochen erfolgen, die neuen Gastarbeiter also noch im Sommer für Bodenverkehrsdienste eingesetzt werden.

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