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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 16 / Sport
Legales Doping

Kaputte Nieren

Schmerzmittelmissbrauch im Spitzensport
Von Jens Walter
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Exprofifußballer Ivan Klasnic: Ich bin »toxisch vergiftet« worden

Tennisprofi Rafael Nadal hätte ohne »einige entzündungshemmende« Mittel in seinem Problemfuß nicht den French-Open-Titel holen können. Fußballstar Zlatan Ibrahimovic überstand einen Großteil der abgelaufenen Meistersaison des AC Mailand mit kaputtem Kreuzband nur dank Schmerzmitteln. Liverpools Thiago kickte nach einer schmerzlindernden Injektion mit taubem Fuß im Finale der Champions League. Funktioniert Spitzensport noch ohne Schmerzmittel? Die Entwicklung ist alarmierend. Ärzte und Dopingexperten warnen vor dramatischen gesundheitlichen Folgen und fordern einen sensibleren Umgang mit Ibuprofen und Co. – an Besserung glauben sie nicht.

Es geht um Pillen, die Fieber senken, Entzündungen hemmen oder Schmerzen betäuben, sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR). Mittel, deren Wirkstoffe zu schwach sind, um auf der Verbotsliste der Weltantidopingagentur (WADA) zu landen und die meist rezeptfrei zu bekommen sind. »Außer in Sondersituationen, wie bei chronischen Schmerzen bei Nadal, werden die Mittel von Profis oft prophylaktisch genommen. Das ist Missbrauch«, sagte Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule in Köln der Deutschen Presseagentur. Der Experte schätzt, dass je nach Sportart und Kategorie mittlerweile mehr als 50 Prozent der Teilnehmer regelmäßig Schmerzmittel nehmen.

Der ehemalige Profifußballer Ivan Klasnic ist einer der bekanntesten Fälle. Er sei »toxisch vergiftet« worden, erzählte der frühere Spieler von Werder Bremen der dpa. »Weil ich Schmerzmittel bekommen habe, die ich nicht bekommen durfte.« Die Medikamente hätten seine Nieren zerstört und zu drei Nierentransplantationen geführt. Ein Rechtsstreit mit seinen ehemaligen Medizinern endete 2020 mit einem Vergleich.

Neben Nieren- nennt Bloch vor allem »Leber- und Gefäßschäden« als mögliche Folgen von Dauermedikation. »Und bei Ausdauersportlern wie Marathonläufern, bei denen es im Magen-Darm-Trakt ohnehin häufiger zu Mikro­blutungen kommt, können nicht­steroidale Antirheumatika die Blutungen verstärken.« Zudem könnten die Mittel den Heilungsprozess nach Verletzungen beeinflussen. »Die Regenerationsfähigkeit des Gewebes ist mitunter eingeschränkt«, erklärte Bloch.

Eine Untersuchung der Nationalen Antidopingagentur (Nada) zeigte, dass im deutschen Profifußball zwischen den Spielzeiten 2015/16 und 2019/2020 im Durchschnitt jeder dritte Profi im Männer- und Frauenbereich vor Spielen Schmerzmittel zu sich nahm. Vor Partien im DFB-Pokal der Männer lag die Quote sogar bei 40 Prozent. Der Anteil bei den Frauen sei genauso hoch, laut Studie nahmen vier von zehn Fußballerinnen Schmerzmittel. In den Juniorenbundesligen seien es 14 Prozent. Am deutlich häufigsten sei Ibuprofen konsumiert worden.

Experten diskutieren immer wieder, ob Schmerzmittelmissbrauch Doping ist. »Kritisch. Im Prinzip geht’s um Leistungssteigerung«, sagte Bloch. »Bei hoher Belastung erreichen Sportler eine Schmerzgrenze. Durch die Einnahme von Schmerzmitteln versuchen viele, diese Grenze zu verschieben, um länger Leistung zu bringen«, erklärte der Experte.

Warum also nicht die Substanzen auf die Dopingliste setzen? »Das ist ein hoffnungsloser Kampf. Beim Schmerzmittelthema ist man im Prinzip machtlos«, meinte Dopingexperte und Pharmakologe Fritz Sörgel. »Das würde bis zum Bundesverfassungsgericht gehen, wenn man keine Schmerzmittel nehmen dürfte.«

Statt Verbote zu erteilen, versucht die Nada mit Athleten über die Gründe und Auswirkungen von Schmerzmittelmissbrauch zu sprechen und sinnvolle Alternativen aufzuzeigen. Neben verhaltenspräventiven Maßnahmen brauche es zusätzlich ein verändertes Verständnis – im Umfeld von Sportlerinnen und Sportlern genauso wie in der Gesellschaft, teilte eine Sprecherin mit.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marian R. (23. Juni 2022 um 10:29 Uhr)
    Wer aus Geldgier, Egozentrik oder Ruhmessucht seinen Körper überlastet und mit »Pillen« vergiftet … der trifft diese Entscheidung freiwillig – jedes Mitleid mit diesen Dummköpfen ist unangebracht.

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