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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 10 / Feuilleton
Liedermacher

Durch die Zeiten

Der große Liedermacher Hannes Wader feiert heute seinen 80. Geburtstag
Von Gerd Schumann
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Gefährte im Kampf: Hannes Wader bei einer Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten (1981)

Als vor 50, 60 Jahren Musikanten einer neuen, aber kulturell keineswegs wurzellosen Generation die Szene betraten, ahnte wohl niemand von ihnen, dass sie die Kultur revolutionieren würden. Zur rechten Zeit am rechten Ort veränderten sie Zeiten und Orte, die Beatgeneration unterwegs in den alten Boots der Rock ’n’ Roller, Blueser, Hobos, Folksänger. Auch Hannes Wader, geboren 1942 am 23. Juni, aufgewachsen auf dem Lande bei Bielefeld, fühlte sich 1962 längst »nicht mehr wohl / zwischen Kartoffeln und Blumenkohl«, so einer seiner frühen Songtexte. Er brach auf in den Aufbruch: Die ersten beiden Jahrzehnte seiner einzigartigen Karriere als Singer-Songwriter, damals Liedermacher genannt, spiegelten besonders klar die Wechselbeziehung von Biographie und Gesellschaft. Raus aus dem kleinbürgerlichen Mief, aus Restauration und Revanchismus, endlich an die frische Luft!

Klarinette auf dem Klo

Wader, gelernter Dekorateur, entlassen wegen Unfähigkeit, Streitsucht und Musizierens während der Arbeitszeit – er hatte auf dem Klo Klarinette geübt. Musikalisch vorgebildet im Mandolinenorchester seines sozialdemokratischen Vaters, eines Landarbeiters, begab er sich wie viele auf Entdeckungstour. Nach Westberlin getrampt und die neue Welt der Straßenmusik ausgekundschaftet, erste eigene Lieder geschrieben, irgendwann das Studium als Grafiker geschmissen. Die Kneipen und Klubs der Stadt boten die Möglichkeit aufzutreten, gegen kleines Geld und frei Saufen. Auf der Burg Waldeck dann atmete er Bühnenluft, und ein Lebensgefühl wuchs, das ihn selbst zu einem Protagonisten der Veränderung machen würde. Wader, der Rebell, zurückhaltend, eigen, ein kantiger Typ mit Gitarre und mit einer unter die Haut gehenden, markanten Stimme, die Geschichten sang und erzählte, die unglaublich klangen und doch lediglich verarbeiteten, was sich so tat, auch im Kopf des Sängers. Autobiographische Empirie. Wader fasste sie in Reime oder auch nicht, melodiös oder als Talking Blues, trug sie vor, begleitete sie mit einem atemberaubenden Fingerpicking.

Neben den stark in der außerparlamentarischen Szene verankerten Ikonen des politischen Liedes, Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp, dem mehr lyrischen Wortkünstler Hanns Dieter Hüsch sowie Reinhard Mey, der als Frédérik Mey zwei schöne Wader-Songs ins Französische übertrug und damit südlich des Rheins einen herausragenden Erfolg verbuchte, wurde Wader zu einem Unverwechselbaren, in dessen Musik sich sein Publikum wiederfand, anti wie »Charley«, der bunte Vogel, unangepasst, anders, niemals wie die Alten, nie wieder so: »›Wenn’s dein Wunsch ist‹, sprach der Mann, ›so wie die anderen zu sein, / halte dich an deinen Chef, kriech ihm einfach hinten rein.‹« (»Arschkriecherballade«, 1970).

Viel vorgenommen

Lange ein Geheimtip, den die Plattenkonzerne nicht wollten. Erst Knut Kiesewetter, eine Koryphäe als Jazzsänger und Posaunist, verschaffte Wader den Vertrag bei einer widerwilligen Major-Company, die den Mann mit seinen sperrigen Liedern nicht mochte. Doch der Lulatsch mit Robin-Hood-Bart und schwarzem Krempenhut, »heute hier, morgen dort«, überzeugte durch starke Verkaufszahlen. Seine von Kiesewetter produzierten ersten drei LPs erschütterten die deutschsprachige Musikkultur. »Hannes Wader singt«, das drastische Erzählwerk »Ich hatte mir noch so viel vorgenommen« von 1971, schließlich »Sieben Lieder« mit dem »Tankerkönig«, der später als »Der Putsch« seine 18:54 Minuten lange Fortsetzung fand (auf »Kleines Testament«). Meilensteine des Liedermachens.

Die nächsten setzte er in der nordfriesischen Windmühle »Fortuna«, wo er die bis heute unübertroffenen »Plattdeutschen Lieder« ausgrub, entstaubte und weiteres Volksliedgut dem Missbrauch durch den Faschismus entriss. »Volkssänger« Wader. Es entstanden zwei Doppel-LPs mit fahrenden Sängern auch aus dem englischsprachigen Raum, »Folk Friends«, darauf »Dat du min Leevste büst« – ein Klassiker, von Wader gemeinsam mit Finbar Furey als »Night Visiting Song« internationalisiert, eines der schönsten Liebeslieder überhaupt – und die phantastischen Antikriegssongs »The Band Played Waltzing Matilda« sowie »No Man’s Land (Green Fields of France)«, beide im Original von Eric Bogle. Waders kongeniale Übersetzung und Interpretation wurde als »Es ist an der Zeit« zur Hymne der Friedensbewegung.

Er tritt nun vor Werktoren auf, auf Demonstrationen gegen Kernkraft und Atomraketen, vor Zehntausenden nahe Brokdorf, vor Hunderttausenden in Bonn. Doch bläst der Wind spätestens seit der Kohlschen »geistig-moralischen Wende« 1982 nicht nur den Liedermachern ins Gesicht. »The times they are a-changin’«, ganz und gar anders allerdings, als von Bob Dylan einst prophezeit. Und mittlerweile, nach der zweiten »Wende« von 1989 und all den Kriegen, wirken manche Lieder wie Funksignale aus einer anderen Epoche. Sie machen nun erst recht Hoffnung auf – wieder – bessere Zeiten.

Hannes Wader hat vor Jahren Abschied von der Landstraße genommen. Nach überstandener schwerer Krankheit und Trennung von seiner zweiten Frau ist er in seine westfälische Heimat zurückgezogen. Er singt und dichtet weiter. Ein Studioalbum mit dem Titel »Noch hier – was ich noch singen wollte«, das 26. von insgesamt 37 Alben, erscheint zu seinem Geburtstag. Wir gratulieren dem »Gefährten im Kampf, Gefährten im Streit« herzlich! Auf dass mit uns wieder »die Vernunft und die Zeit« ziehen mögen.

Hannes Wader: »Noch hier – was ich noch singen wollte« (Stockfisch)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Andreas E. aus Schönefeld (23. Juni 2022 um 07:43 Uhr)
    Liebe Kampfesgrüße, an den Sänger der deutschen Linken zum 80. Geburtstag. Seine Lieder waren und sind Begleiter für mich in den Kämpfen unserer Zeit. Ich höre diese Lieder immer wieder gerne, ob »Erinnerung«, »Es ist an der Zeit« oder »Trotz alledem« … Hannes, bleib uns noch lange erhalten, wir brauchen Dich mehr denn je.

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