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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 6 / Ausland
Wirtschaftlicher Absturz

Krise ohne Ende

IWF lotet »Rettungspaket« für Sri Lanka aus. Proteste gegen politische Führung dauern an
Von Thomas Berger
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Warten auf Benzin: Dauerzustand für die Rikschafahrer in Sri Lankas Hauptstadt Colombo (26.5.2022)

In Sri Lanka reißen die Straßenproteste mit der zentralen Botschaft »Gota go home« nicht ab. Gemeint ist der Präsident des südostasiatischen Inselstaats: Gotabaya Rajapaksa. Der allgemeine Preisindex liegt bei 45,3 Prozent plus, Nahrungsmittel sind sogar 58 Prozent teurer als ein Jahr zuvor – das sind die neuesten Zahlen für den Mai, die nun auf dem Tisch liegen. Damit bestätigt sich rein statistisch, was die Bilder aus Jaffna, Trincomalee, der Hauptstadt Colombo und Galle längst überdeutlich sagen: Es gibt immer noch Steigerungspotential in der Krise, die bereits seit dem Frühjahr als die schlimmste seit der Unabhängigkeit 1948 eingestuft wird.

Seit Montag hält sich nun eine neunköpfige Delegation des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu einer zehntägigen Mission im Land auf. Sie traf unter anderem schon mit Premier Ranil Wickremesinghe zusammen. Der Mann, der nun an der Spitze des Kabinetts steht und einer der dienstältesten Spitzenpolitiker Sri Lankas ist, gehört zu jenen Teilen der Opposition, die sich vor einigen Wochen zur Zusammenarbeit mit Präsident Gotabaya Rajapaksa bereitgefunden haben, nachdem dieser die alte Regierung entlassen hatte. Auch Mahinda Rajapaksa, älterer Bruder des Staatschefs, Oberhaupt des Familienclans und von 2005 bis 2015 selbst Präsident, hatte schließlich seinen Stuhl als Premier geräumt, um Gotabaya mehr Spielraum zur Bildung eines parteiübergreifenden Notbündnisses zu geben. Zu Wochenbeginn hat nun das Parlament einige Exekutivvollmachten des Präsidenten beschnitten.

Bei der IWF-Mission geht es darum auszuloten, ob Sri Lanka einen Sonderkredit über mutmaßlich drei Milliarden US-Dollar erhält. Selbst bei positiven Ergebnissen der Bestandsaufnahme und Gesprächen in Colombo könnte es aber Monate dauern, bis ein »Rettungspaket« der Bretton-Woods-Institution unter Dach und Fach wäre, heißt es. Es würde sich um die 17. Kreditlinie des IWF für den Inselstaat handeln. Allerdings hatte die in Washington sitzende Organisation gleich zu Beginn deutlich gemacht, dass für den IWF ein »verlässlicher Schuldendienst« Vorrang hat. Kein Wort hingegen zunächst zu wirtschaftlicher Stabilisierung und dem Kampf gegen Armut. Dabei greift diese gerade heftig um sich. Staatsbedienstete sollen nach einer neuen Regel über die Dauer von drei Monaten jeweils Freitags frei haben, um beispielsweise im heimischen Garten Gemüse zur Selbstversorgung anzubauen. Auch viele aus der sogenannten Mittelschicht sind bei den aktuellen Teuerungsraten längst sozial abgerutscht, während die schon zuvor Armen kaum noch wissen, wie sie überhaupt eine Mahlzeit auf den Teller bringen sollen.

Auch das Kinderhilfswerk UNICEF schlägt Alarm: 25 Millionen US-Dollar würden unmittelbar benötigt, um 1,7 Millionen srilankische Kinder zu versorgen. Viele liefen Gefahr, an Krankheiten zu sterben, die in direkter Verbindung zu Mangelernährung stehen. 56.000 seien sogar akut gefährdet und hätten damit Priorität bei den Nothilfeteams, wurde Christian Skoog, UNICEF-Resident in Colombo, von der katholischen Agentur VOA News am 10. Juni zitiert. Der Inselstaat habe in Südasien inzwischen die zweitschlimmsten Raten bei der Unterernährung von Kindern im Alter bis fünf Jahre.

Es wird versucht, die Krise, zu deren Ursachengeflecht die Coronapandemie (mit dem Einbruch des wirtschaftlich wichtigen Tourismus) nur einen gewissen Teil beiträgt, auch politisch auszuschlachten. So wird bisweilen behauptet, vor allem chinesische Großprojekte wie der »Geister«-Flughafen Hambantota wären primär schuld an der Misere. Einen markanten Beitrag zum Schuldenberg von 52 Milliarden US-Dollar haben sie zwar geleistet, China ist aber nur für rund ein Zehntel dieses Betrags der Gläubiger. Während die Rajapaksa-Brüder viele Jahre vor allem die Kontakte nach Beijing pflegten, versucht nun der große Nachbar Indien, sich als Freund in Position zu bringen und verlorenen Einfluss wettzumachen. Teil eines drei Milliarden Dollar schweren Hilfspakets waren Schiffsladungen mit Benzin und Diesel. Der vorerst letzte Tanker erreichte Colombo am 16. Juni.

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