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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 5 / Inland
Verkehrspolitik

Kriegsrhetorik auf ILA

Schönefeld: Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung eröffnet – Umweltorganisation Robin Wood kritisiert Greenwashing und Militarisierung
Von Oliver Rast
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Eine Standortfrage: Regierungschef Scholz vor kriegerischer Kulisse (Berlin-Schönefeld, 22.6.2022)

Es ist wieder soweit: Kalte und heiße Krieger zeigen, was sie haben – auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin-Schönefeld. Am Mittwoch öffnete die ILA ihre Pforten – Motto: »Pioneering Aerospace«. Rund 550 Aussteller aus 29 Nationen führen bis Sonntag direkt am Hauptstadtflughafen BER umfangreiches Equipment vor. 60 Fluggeräte etwa, darunter die Kampfjets »Tornado«, »Eurofighter« und den Tarnkappenbomber »F-35«. Übrigens: Größter Einzelaussteller ist die Bundeswehr.

Aber nicht nur militärische Stärke wird demonstriert. Die ILA-Veranstalter, die Messe Berlin und der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), machen ferner kräftig Ökoreklame: für einen klimaneutralen Flugverkehr. Das provoziert Widerspruch. »Die ILA steht für eine Militarisierung des Sozialen und für Greenwashing«, kritisierte Ute Bertrand am Mittwoch im jW-Gespräch. Die Pressesprecherin der Umweltorganisation Robin Wood weiter: Widerwärtig sei es, Kriegsgerät als friedensstiftend zu inszenieren und dabei die Mär von einer umweltfreundlichen Fliegerei zu erzählen.

Bereits seit Wochenbeginn üben sich die Macher der ILA in Kriegsrhetorik. »Wer Werte hat und Werte verteidigen will, der muss sich auch verteidigen können«, erklärte der BDLI zirkelschlüssig am Montag gegenüber dpa. Und gleichentags sagte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) beim Rundgang vor dem Messeauftakt: »Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Soldatinnen und Soldaten vernünftige Ausrüstung, vernünftige Technik haben.« Deshalb müsse in die »Verteidigung investiert werden«.

Vier Jahre mussten Rüstungsindustrielle und Verbandsoffizielle auf die ILA-Show verzichten. Die im Zweijahrestakt stattfindende ILA ging coronabedingt letztmals 2018 über die Bühne. Damals noch mit 1.100 Ausstellern und ohne Besucherkontingente. Nun gibt es Einschränkungen als Folge der Inbetriebnahme des BER, da die zweite Start- und Landebahn nicht mehr für die ILA genutzt werden kann. »Aber wichtig ist uns vor allen Dingen die Qualität«, so ILA-Sprecherin Britta Wolters am Montag zu dpa.

Zählt dazu auch das Ziel, emmissionsfrei zu fliegen? Das soll bis 2050 passieren, darauf hatte sich der internationale Airline-Verband IATA im zurückliegenden Jahr verständigt. »Wir sind auf dem Weg dahin«, wurde Volker Thum, BDLI-Hauptgeschäftsführer, am Dienstag auf RBB 24 zitiert. Moderne Antriebe, synthetische Kraftstoffe – all das stehe momentan im Fokus der Branche. Kaum mehr als Luftnummern, befand Jonas Asal, Flugverkehrsreferent bei Robin Wood, am Mittwoch gegenüber jW. Denn: Die angepriesenen neuen Antriebstechnologien und avisierten Effizienzsteigerungen reichten längst nicht und kämen zu spät, um den Kohlendioxidausstoß signifikant zu senken. Asal: »Wirklich klimaneutral sind nur Flugzeuge, die nicht gebaut wurden.«

Der Trend indes sieht anders aus. Flugzeugproduzenten sind zuversichtlich, die Stimmung ist gut. Bei Airbus allemal. Die Billigairline Easyjet habe kürzlich mehr als 50 neue A 320 neo in Auftrag gegeben, berichtete das Handelsblatt am Mittwoch. Einen Tag zuvor hatte die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) die aktuellen Zahlen zu den hiesigen Drehkreuzen für den Mai dieses Jahres verkündet. Das Passagieraufkommen steigt wieder rasant, liegt bei rund 70 Prozent des Vorkrisenniveaus von 2019 – oder ist fünffach höher als im Vergleichszeitraum 2021.

Aber noch etwas stört Asal: Die Industrie wolle das Gros der Emissionen auch künftig mittels sogenannter CO2-Kompensationsgeschäfte »neutralisieren«. Eine Art Etikettenschwindel, der mit Klimaneutralität nichts zu tun hat, wenn als vermeintlicher Ausgleich für den Flugverkehr ein paar Bäumchen gepflanzt werden. Statt dessen müssten jetzt politische Regulierungen her, betonte Asal. Welche? »Verbot von Kurzstreckenflügen, Einführung einer europäischen Kerosinsteuer, Schließung von Regionalairports und Stopp von Flughafenausbauten.« All das dürfte auf sich warten lassen. Das Bundesverkehrsministerium ließ eine jW-Anfrage dazu bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

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