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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 3 / Ausland
Gipfelsturm auf Elmau

»Wir kommen nicht, um Solidarität zu erbitten«

Internationalistische Karawane mobilisiert zu Anti-G7-Protesten. Ein Gespräch mit Bettina Cruz Velasquez
Von Fabian Linder
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Theatralischer Protest gegen Hunger und Armut während des G7-Gipfels 2015 (München, 6.6.2015)

Aus Protest gegen den G7-Gipfel haben sich Aktivistinnen und Aktivisten aus dem globalen Süden zu einer Karawane mit dem Titel »Für das Leben: Internationalismus und globale Gerechtigkeit statt G7« zusammengefunden. Was kritisieren Sie an dem Treffen?

Diese sieben kapitalistischen Länder treffen – ebenso wie die Europäische Union – Entscheidungen für die Länder des Südens. Das geschieht unter dem Deckmantel der Not- und Entwicklungshilfe, was eine glatte Lüge ist. Man lässt uns nicht leben, wie wir wollen. Statt dessen vertreibt man uns, um unsere Erde auszubeuten. Man zwingt uns all das an Gütern auf, was in den Industriestaaten produziert wird – gleichzeitig wollen diese Staaten alles ausbeuten, was unsere Länder besitzen. Sie wollen das Wasser, die Mineralien, Gold und Silber. Der Großteil dieser Mineralien wird in Minen in prekärer Arbeit abgebaut. Wir brauchen diese Minen nicht, die zur Zerstörung der Erde und Spaltung unserer Gesellschaften beitragen. Sie töten uns mit Waffen, die über diese Minen und das organisierte Verbrechen in unsere Dörfer gelangen. Die Regierungen im Norden benutzen diese Kriminellen und sind selbst Teil des organisierten Verbrechens. Ohne unser Land können wir nicht produzieren, nicht ernten oder anbauen. Damit tötet man uns durch Hunger. Und man versucht uns zu töten, wenn wir in Folge der Vertreibung zu Migranten werden.

Bei den Anti-G7-Protesten steht die Frage der Klimagerechtigkeit in diesem Jahr im Vordergrund. Ist das auch für Sie ein Thema?

Eines der vorgeblichen Ziele der G7-Staaten ist es, den Klimawandel zu bekämpfen. Doch alles, was sie tun, ist ihn zu beschleunigen, wenn unsere Wälder für ihre Wind- und Solarparks abgeholzt werden. Wir fordern, dass die G7 aufhören, diesen Planeten zu zerstören. Daher suchen wir das Gespräch mit den Menschen auch in Deutschland. Selbst in entwickelten Ländern haben viele keinen Zugang zu Wohlstand und einem Leben in Würde.

Was erwarten Sie sich vom Austausch mit linken und Umwelt­aktivisten in den G7-Staaten?

Es geht also nicht darum, hierherzukommen und die Menschen um ihre Solidarität zu bitten, sondern sie aufzufordern, ihre Arbeit zu machen. Die Aktivisten in Deutschland und den anderen G7-Staaten leben im Herz des Kapitalismus. Sie kennen dessen Schwächen und wissen, wie sie mit der Macht in ihren Ländern umgehen müssen und wie man die Zerstörung des Planeten stoppen kann. Der Dialog kann uns dabei helfen, voneinander zu lernen, wie wir dagegen kämpfen können. Letztlich muss das aber jeder selbst vor Ort machen.

Sie sind Menschenrechtsaktivistin und aktiv als »Verteidigerin des Territoriums«. Wie sieht Ihre Arbeit in Mexiko aus?

In Mexiko ist das zunächst ziemlich gefährlich, da wir uns gegen kapitalistische Interessen stellen. Da werden Menschen korrumpiert und eingeschüchtert. Hinzu kommt der Drogenschmuggel. Auch für Journalisten ist die Situation sehr bedrohlich, weshalb vieles im dunkeln bleibt. Der letzte Aktivist des Indigenenkongresses, den man getötet hat, hatte dem Präsidenten der Republik vorgeworfen, gelogen zu haben, als es um die Einstellung einer im Bau befindlichen Gaspipeline ging. Er forderte eine Untersuchung, da die Regierung viel Geld investiert habe. Kurz darauf wurde er in seiner Wohnung getötet. Die G7-Länder sind die Verursacher solcher Verbrechen, ihre Komplizen sind die Politiker und die Mörder in unseren Ländern.

Welche Botschaft haben Sie für die Menschen, die in Bayern gegen den Gipfel protestieren?

Wir müssen gegen die Regierungen dieser Länder protestieren, die glauben, die Welt zu besitzen. Sie repräsentieren nur ein Prozent der Menschheit, und wir sind die anderen 99 Prozent. Wir müssen sie zwingen, die Natur zu respektieren und aufzuhören, Menschen durch Hunger oder mit Waffen für ihren Profit zu töten. Wir haben nur diesen einen Planeten. Wenn wir weiterleben wollen, dann müssen wir anfangen, ihn zu verteidigen.

Bettina Cruz Velasquez ist Menschenrechtsaktivistin und »Defensora de Territorio« (Verteidigerin des Territoriums). Sie ist ist Binnizá-Indigene aus Juchitán im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca

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