Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 22.06.2022, Seite 12 / Thema
Weimarer Republik

Rache für Rathenau

Auf die Ermordung des Außenministers am 24. Juni 1922 reagierte die Arbeiterbewegung mit republikweiten Protesten. Ein Blick in die Provinz ins hessische Wächtersbach
Von Christine Wittrock
12_13.jpg
Nicht nur wie hier in Berlin, in der ganzen Republik versammelten sich die Anhänger der Arbeiterparteien, um gegen das rechte Attentat auf Walther Rathenau zu protestieren (Berlin, 25.6.1922)

Vor hundert Jahren, am 24. Juni 1922, wurde der deutsche Außenminister Walther Rathenau ermordet. Das desaströse Ende des Ersten Weltkrieges lag kaum vier Jahre zurück, und die Weimarer Republik kämpfte um ihr Überleben. Zwar konnte sie 1920 gegen den Kapp-Putsch verteidigt werden, weil alle Arbeiterorganisationen einmütig durch einen Aufruf zum Generalstreik den Sieg der Reaktion verhinderten. Aber die Republik war damit keineswegs gefestigt. Die radikale Rechte wollte zurück zur Monarchie und schreckte auch vor Morden nicht zurück. Schon im November 1919 war der USPD-Vorsitzende Hugo Haase einem Mordanschlag erlegen. Im Sommer 1921 wurden der bayrische USPD-Landtagsabgeordnete Karl Gareis und der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger ermordet, rund ein Jahr später wurde auf den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann ein Blausäureattentat verübt, das er nur dank glücklicher Umstände überlebte. Kurz darauf, Ende Juni 1922, trafen die tödlichen Kugeln den deutschen Außenminister Walter Rathenau in Berlin auf offener Straße. Die Spuren der Täter – rechtsradikale Offiziere – führten zur Organisation Consul und zur Marinebrigade Ehrhardt, die schon am Kapp-Putsch beteiligt gewesen war, völkisch-rassistische Gruppierungen, Vorläufer der faschistischen Bewegung in Deutschland. Diese Kampforganisationen wurden finanziert von adligen Großgrundbesitzern und der Schwerindustrie.

»Knallt ab den Walter Rathenau, die gottverdammte Judensau«, hatte es schon lange im rechtsradikalen Lager geheißen, und Sprüche dieser Art wurden gern von bierseligen Stammtischen aufgegriffen. Walter Rathenau galt den Deutschnationalen als Inkarnation der verhassten »Judenrepublik«.

Gegen den Terror von rechts

Auf Rathenaus Ermordung folgte eine riesige Protestbewegung. Hunderttausende im ganzen Reich nahmen an den Trauerkundgebungen und Demonstrationen gegen den Terror von rechts teil. In seiner berühmtgewordenen, leidenschaftlichen Reichstagsrede sagte der damalige Kanzler und Zentrumspolitiker Joseph Wirth, auf die rechte Seite des Plenums blickend: »Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden des Volkes träufelt: da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel, dieser Feind steht rechts!«¹ Freilich, das wussten die Arbeiterorganisationen und die Sozialisten aller Schattierungen schon lange: Ihr Feind hatte immer rechts gestanden.

Die Verbitterung über diesen erneuten Triumph der Reaktion war gewaltig. Beispielhaft für die Empörung auf dem flachen Land ist die große Protestdemonstration in Wächtersbach, einem kleinen idyllischen Städtchen am Vogelsberg, zwischen Frankfurt am Main und Fulda gelegen, mit viel Landwirtschaft, einigen Industriebetrieben und einer Fürstenfamilie (samt Schloss), die nach wie vor einer der größten Arbeitgeber der Region war. Massenweise gingen die Menschen auch hier auf die Straße. Wut und Trauer mischten sich mit der Empörung über die miserablen wirtschaftlichen Verhältnisse und darüber, dass die alte Herrscherkaste immer noch tonangebend war. Die Demonstrationen waren oft spontan und wenig organisiert, und so lief manches aus dem Ruder, was für die Empörten später katastrophale Folgen hatte. Aber ist eine Revolution anders zu machen?

Die an der großen Wächtersbacher Demonstration Beteiligten waren von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt. Ihnen ging es um nicht weniger als um die Verteidigung der Errungenschaften von 1918/19.

Aber beginnen wir von vorn: Bereits in der letzten Juniwoche 1922 hatte in Wächtersbach anlässlich des Rathenau-Mordes eine riesige Demonstration stattgefunden. Aufgerufen dazu hatten die drei Linksparteien: SPD, KPD und USPD. Eine Woche später, am 4. Juli, kam es in dem kleinen Ort erneut zu einem Massenaufmarsch. Von 2.000 Menschen ist die Rede. Die Stimmung war aufgeheizt. Auf dem Marktplatz sprachen der SPD-Vorsitzende Franz Kitzing aus Hesseldorf, der Sozialdemokrat August Schmidt aus Hanau und der kommunistische Bergarbeiter Heinrich Leis aus Wächtersbach. Insbesondere Leis ging auch auf örtliche Missstände ein: Er griff das Verhalten der Wohnungskommission an, berichtete über den Ausspruch des deutschnationalen Schneidergesellen Christian Hain, Rathenau hätte schon vor zehn Jahren umgebracht werden müssen, und gab seiner Empörung darüber Ausdruck, dass der Knecht Friedrich Huck wegen angeblicher Brandstiftung noch immer unschuldig im Wächtersbacher Gefängnis saß. Solche Reden waren nicht gerade dazu angetan, die Menschen zu beruhigen.

Landrat Delius hatte den Arbeiterführern vor der Demonstration zugesichert, keine Polizei und keine Reichswehr nach Wächtersbach zu entsenden, hielt sich aber nicht an die Zusage. Er hatte drei Landjäger ins Rathaus beordert. Sie sollten sich unauffällig verhalten, wurden aber von den Demonstranten entdeckt. Die Empörung war groß. Man diskutierte, die Drei gewaltsam zu entwaffnen, aber die verunsicherten Gendarmen gaben ihre Waffen schließlich freiwillig heraus.

Nun ging es zum Wächtersbacher Schloss. Es wurde eine Kommission gewählt, die die Forderungen der Arbeiter vorbringen sollte. Zum einen ging es um Lohnforderungen der Arbeiter aus der Schlierbacher Steingutfabrik, zum anderen um das fürstliche Wild, dass den Fünf-Uhr-Bauern, also jenen, die im Anschluss an ihre Lohnarbeit noch als Kleinbauern tätig waren, die Feldfrüchte abfraß. Die Masse drückte das große Schlosstor beiseite und drang in den Schlosshof ein, um den Forderungen der Kommission Nachdruck zu verleihen. Der Hausherr Erbprinz Ferdinand Maximilian zu Ysenburg und Büdingen ging bereitwillig auf alle Forderungen ein.²

»Du sollst die rote Fahne tragen«

Nun hätte die Menge abziehen können. Aber noch etwas anderes erregte die Demonstranten: Es hatte sich herumgesprochen, dass die Reaktion im Schloss Waffen gehortet hatte. Der Erbprinz zeigte daraufhin seine alte Waffensammlung und versicherte treuherzig, dass keine weiteren Waffen im Schloss seien. Wie sich später herausstellte, waren die Karabiner, die die Arbeiter zwei Jahre zuvor beim Kapp-Putsch im Wächtersbacher Schloss beschlagnahmt und dann staatstreu den Behörden übergeben hatten, tatsächlich klammheimlich an den Fürsten zurückgegeben worden. Der Verdacht, dass erneut Waffen im Schloss gelagert seien, war also nicht unbegründet.

Die Stimmung war gereizt bis zum Äußersten. Ein Teil des Demonstrationszuges drang nun zum Haus des Schneidermeisters Hain vor. »Holt ihn raus, den Lump«, erschallten Rufe aus der Menge, und einige schicken sich an, die Tür mit Gewalt zu öffnen. Der Sohn des Schneidermeisters trat heraus. Man forderte ihn auf, an der Demonstration teilzunehmen: »Christian, geh’ nur hinaus, du sollst die rote Fahne tragen«, sagte man zu Hain. Dieser fügte sich der Übermacht und marschierte mit der roten Fahne in der Hand mit zum Marktplatz – ein Ritus, der sich an diesem Tag noch oft wiederholen sollte. Hain wurde Monate später wegen dieser Vorkommnisse vom Gericht zu seiner Einstellung bezüglich des Rathenau-Mordes befragt. Er antwortete erwartungsgemäß: »Ich verurteile voll und ganz, dass der Minister Rathenau ermordet ist, dass der Jude Rathenau ermordet ist, freut mich.«³

Nun wurde von den Demonstranten die Freilassung des Untersuchungsgefangenen Huck ins Auge gefasst, eine schwierige Mission. Eine gewählte Kommission ging ins Amtsgericht und forderte von Amtsrichter Volkmar »im Namen der sozialdemokratischen Partei« die sofortige Freilassung des Untersuchungsgefangenen Friedrich Huck.

Amtsrichter Volkmar wand sich: Er sei nicht befugt und seine Pflicht verbiete ihm das. Draußen wurde es unruhig. Man hörte Rufe wie: »Was soll das ganze Reden, ja oder nein.« Da kam Volkmar, ganz Bürokrat und auf seine Absicherung bedacht, die Idee, eine Quittung für die Aushändigung des Gefangenen zu verlangen. Dieses lächerliche Ansinnen lehnten die Kommissionäre ab. Statt dessen berichteten sie der draußen stehenden Menge über den Stand der Verhandlungen. Die Demonstranten, immer noch von erstaunlicher Geduld, beschlossen nun, den Bürgermeister Bernhard Hankeln für ihr Anliegen einzuspannen. Man zog zur Wohnung des Bürgermeisters am Marktplatz und forderte ihn auf, mit ihnen zum Amtsrichter Volkmar zu kommen. Aber auch Hankeln war die Sache nicht geheuer. Er bot der Kommission an, ihr ein Schriftstück mitzugeben. Das allerdings lehnten die Unterhändler ab. Schließlich war Hankeln bereit mitzukommen und wurde auf dem Marktplatz gleich gebührend empfangen. Rufe wie »Schuft, Lump, Halunke« schallten ihm entgegen; er bekam eine rote Fahne in die Hand gedrückt und musste an der Spitze des Zuges zum Amtsgericht marschieren.

Die Masse dort schrie und johlte. Einige besonnene Arbeiter postierten sich vor dem Eingang, um ein Eindringen ins Gerichtsgebäude zu verhindern. Auf Zureden des Bürgermeisters entschloss sich der Amtsrichter schließlich, den Gefangenen Huck freizugeben. Als der mit der Kommission vor das Amtsgericht trat, wurde er mit großem Jubel begrüßt. Fast rührend ist, wie man sich um den befreiten Gefangenen, der während der Haft nur trocken Brot bekommen hatte, sorgte. Seine Befreier gingen mit ihm zum nächsten Gasthaus und verlangten für ihren Schützling etwas zu essen und zu trinken sowie Schuhe und ein Hemd, was ihnen auch gegeben wurde. Monate später, als die Geschehnisse dieses Tages gerichtsrelevant wurden, war hieraus ein dem Huck verschaffter rechtswidriger Vermögensvorteil gedrechselt worden.⁴

An diesem denkwürdigen 4. Juli 1922 wurde mit vielen politischen Gegnern in Wächtersbach und Umgebung abgerechnet. Rund einem Dutzend Leuten der örtlichen deutschnationalen Reaktion stattete man Besuche ab. Dabei durchsuchten die Aufrührer meist die Häuser nach Kaiserbildern und zwangen den Hausherrn, sich mit einer roten Fahne in der Hand der Demonstration anzuschließen. Natürlich wurde das nicht von allen gebilligt. Johannes Müller, Fabrikarbeiter aus Wittgenborn, versuchte seine Genossen vergeblich zur Vernunft zu bringen: »Was macht ihr für einen Blödsinn«, rief er, »unser Symbol, was wir verehren, zwingt ihr unseren Feinden auf!« Auch Wilhelm Ungermann, Betriebsrat im Fürstlichen Sägewerk Neuenschmidten, bemühte sich, seine Kollegen von spontanen Gewalttaten abzuhalten.⁵

Aber es nützte nur wenig. Der Stein war ins Rollen gekommen. Die Wut über die nicht beseitigte Klassenherrschaft und die elenden wirtschaftlichen Verhältnisse muss ungeheuerlich gewesen sein und brach sich Bahn.

Der Demonstrationszug marschierte nun zum Apotheker Horn; der sollte mitkommen, weigerte sich aber. Daraufhin holte man Verstärkung von draußen, und 50 bis 60 Mann drangen in die Apotheke ein. Rufe wie »Schuft, deutschnationaler Fettwanst« schallten dem Apotheker entgegen. Man zwang ihn, Rock und Kragen abzulegen, die verhassten Symbole der Bourgeoisie, und mit roter Fahne im Zug mitzumarschieren.

Bildersturm

Im Verlauf der Demonstration wurden noch weitere Republikfeinde besucht: ein Sattlermeister, der Bergwerksdirektor und der Feldhüter, dem man vorwarf, er zeige die armen Leute an, wenn sie Holz sammelten. Beim Oberstraßenmeister wurden Kaiser Wilhelms und Bismarcks Konterfei von der Wand genommen; im Gasthaus »Schützenhof« konfiszierte man ebenfalls Bilder der kaiserlichen Generäle Hindenburg und Ludendorff und bei Kleinbahndirektor Franz Cordes machte man den Kaiser und seinen General gleich durch Messerstiche unkenntlich. Die leeren Bilderrahmen gaben die Demonstranten dem Dienstmädchen zurück; die Herrschaften hatten derweil das Weite gesucht.⁶ Auch im Haus des Kammerdirektors traf man den Hausherrn nicht an. Aber man fand auch hier reaktionäre Requisiten: Die Kaiser-Wilhelm-Büste flog in hohem Bogen aus dem Fenster und zerschellte auf dem Pflaster. Den Forstmeister Rudolf Schreiber traf man im Gasthaus »Zum Erbprinzen« an. Er wurde aufgefordert, ein Hoch auf die Republik auszubringen und mit roter Fahne im Demon­strationszug mitzumarschieren, was er, wohl oder übel, tat.⁷

Am Abend gegen Ende der Demonstration zogen die Schlierbacher Arbeiter, es waren an die 80 bis 100 Personen, nach Hause und machten auf dem Weg noch Station beim Forsthaus Ziegelhütte. Hier wohnte der Revierförster Sroka. Sroka stand am Fenster und sah den Zug herannahen. »Du stehst schon lange auf der Liste, Du schreibst die armen Leute auf«, schallte es ihm entgegen. Und ein Maurer setzte hinzu: »Du hast meine Frau angezeigt, weil sie etwas Leseholz gesammelt hat!« Die Menge war inzwischen in den Hof eingedrungen. Der Revierförster fragte, immer noch am Fenster stehend: »Wer ist euer Führer?« Die Demonstranten antworteten ihm: »Wir sind alle Führer!« Da er nicht herunterkommen wollte, hieß es: »Brecht die Tür auf!« Dabei ging eine Fensterscheibe zu Bruch. Nun lenkte der Förster ein und kam heraus. Auch er bekam eine rote Fahne in die Hand gedrückt und musste den Zug bis nach Schlierbach anführen.⁸ In Schlierbach angekommen stattete man noch dem Werkmeister und dem Magazinchef einen Besuch ab; dann setzten starke Regenfälle ein. Damit ging ein ereignisreicher Tag zu Ende.

Wäre die deutsche Geschichte im Weiteren anders verlaufen, so wäre dieser Tag wohl als Gedenktag der Arbeiterbewegung im Vogelsberg in die Annalen eingegangen. So aber – eingedenk der Tatsache, dass es der Linken in der Weimarer Zeit nicht gelang, die 1918/19 begonnene Revolution zu Ende zu bringen, und ein Jahrzehnt später die finsterste Reaktion die Macht erlangen konnte – sahen sich die Aufrührer nach einige Monate auf der Anklagebank des Hanauer Landgerichtes wieder.

Gewiss war nicht alles nach Recht und Gesetz abgelaufen, was sich am 4. Juli 1922 in und um Wächtersbach abgespielt hatte. Wenn das alles aber verwerflich gewesen sein soll, wenn darin lediglich die gesetzwidrige Gewalt gegen Personen und Sachen erblickt wird, dann sollte man auch tunlichst davon Abstand nehmen, den Sturm auf die Bastille zu feiern, den Aufständischen des deutschen Bauernkrieges beizupflichten oder Wilhelm Tell zu verehren. »Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht«⁹, hatte ein gewisser Karl Marx mehr als fünfzig Jahre vor diesen Ereignissen notiert. Billiger ist die Revolution nicht zu haben.

Harte Reaktion

Die Wächtersbacher Revolutionäre hatten für ihre Taten schwer zu büßen. Nicht nur, dass sogenannte Rädelsführer sofort festgenommen und in einem bombastischen Prozess zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt wurden; viele von ihnen waren auch zehneinhalb Jahre später unter den ersten, die von den Nazis inhaftiert wurden. Denn die Wächtersbacher Rechte erinnerte sich noch gut an ihre Schmach und nahm nun Rache.

Die Schrecken der Wächtersbacher Juliereignisse scheinen den Bürgerlichen ordentlich in die Glieder gefahren zu sein. Landrat Delius erließ ein sofortiges Demonstrationsverbot.¹⁰ Und Kleinbahndirektor Cordes stellte umgehend Strafantrag, dem sich seine Klassengenossen vom Revierförster bis zum Apotheker anschlossen.

Einer der ersten, die verhaftet und in Untersuchungshaft genommen wurden, war der 35jährige kommunistische Bergarbeiter Heinrich Leis. Von ihm ist ein Brief aus dem Gerichtsgefängnis Hanau erhalten geblieben, den er an seine Frau Elisabetha schrieb, ein Brief, der wahrscheinlich von der Gefängnisleitung abgefangen wurde und deshalb die Empfängerin nie erreichte. Dieses Zeitdokument spiegelt Not und Empörung, aber auch Solidarität und Widerstandswillen wider: Heinrich Leis bat seine Frau darin, umgehend die Kollegen im Bergwerk und das Gewerkschaftskartell über seine Verhaftung zu informieren und Geld sammeln zu lassen für die Familien der Verhafteten. Er bekundete seine Sorge um seine kranke Frau, seine vier Kinder und die landwirtschaftliche Arbeit zu Hause, die nun liegenblieb. »Solche Ungerechtigkeit kann man sich nicht bieten lassen«, schrieb er, dass man einen Familienvater festnähme und nun Frau und Kinder dem Hungertod überließe – »das kann nicht gehen«.¹¹

Es ging natürlich doch. Kurze Zeit später war Leis Frau Elisabetha tot. Leis selbst wurde lange in Untersuchungshaft behalten, viele seiner Mitkämpfer ebenfalls. Erst Ende Oktober 1922 eröffnete man ein riesiges Verfahren vor dem Hanauer Landgericht: 64 Angeklagte, rund 80 Zeugen, zwei Wochen Verhandlungsdauer.

Die Anklage lautete auf Aufruhr, Gefangenenbefreiung, Landfriedensbruch, schwerer Hausfriedensbruch, Beamtennötigung, Nötigungsversuch und Erpressung.¹² Unter den Angeklagten befanden sich die Vorsitzenden der Arbeiter- und Soldatenräte von 1918, Vorstandsmitglieder des Gewerkschaftskartells, der Vorsitzende des Holzarbeiterverbandes und der sozialdemokratische Jugendleiter. Der Staatsanwalt forderte insgesamt 40 Jahre Gefängnis und 100.000 Mark Geldstrafe. Am Ende des Prozesses wurden 26 Angeklagte verurteilt – zu im ganzen elf Jahren und zwei Monaten Gefängnis und 24.000 Mark Geldstrafe.¹³

Wie stets in solchen Verfahren ging es nicht um die politischen Hintergründe, die erst zu den strafrechtlich relevanten Handlungen führten, sondern lediglich um die Taten; nach den Motiven wurde kaum gefragt.

Heinrich Leis, der Kommunist und Erste Vorsitzende des Wächtersbacher Soldatenrates von 1918 wurde zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. 1933 war er mit der erste, den die Nazis einsperrten. Insgesamt verbrachte er siebeneinhalb Jahre in faschistischen Gefängnissen und Zuchthäusern.

Mit Samthandschuhen

Anzumerken bleibt, dass nicht allzu lange nach den Wächtersbacher Juliereignissen die Faschisten in München einen Putschversuch unternahmen, den später so bezeichneten Hitler-Putsch. Hier ging es um sehr viel mehr als in Wächtersbach, nämlich um den Bestand der Republik, also um Hochverrat. Hitlers Anhänger in München verschleppten Mitglieder der bayrischen Landesregierung, besetzten das Kriegsministerium, nahmen Geiseln und ließen mehr als ein Dutzend Tote vor der Feldherrnhalle zurück. Und wie reagierte die Justiz? Sie sprach die Beteiligten frei oder verurteilte sie zu zur Bewährung ausgesetzten Festungshaftstrafen, also Strafen, die – im Gegensatz zu Gefängnisstrafen – nicht entehrend sein sollten. Hitler verbrachte nicht einmal ein Jahr in Haft. Weihnachten 1924 wurden er und seine Spießgesellen begnadigt, ein Indiz dafür, dass die republikanischen Errungenschaften dem Volk wenig nützen, wenn die alte Kaste der Richter und Staatsanwälte in einem neuen Staat nicht ausgewechselt wird. Denn aus welchen Familien kamen diese Herren? Aus den besitzenden Klassen. Und sie dachten und fühlten wie diese.

In Hanau änderte auch die eingelegte Revision nichts an den Urteilen. Das Reichsgericht bestätigte im Sommer 1923 im wesentlichen die Strafen der Verurteilten.¹⁴ Die späteren Gnadengesuche der Anwälte und der KPD-Fraktion des Preußischen Landtages hatten zum Teil Erfolg. Dennoch muss es ein gewaltiger Schock für die meist jungen und unbescholtenen Arbeiter gewesen sein, sich unversehens im Gefängnis wiederzufinden. Der Staat hatte einmal mehr klargestellt, dass er ihre Version einer künftigen Gesellschaft, in der die Arbeiter das Sagen haben, nicht teilte.

Wie häufig in der Geschichte folgte auch hier der Tragödie die Farce. Kaum waren die ersten Verhaftungen vorgenommen worden, bestrafte Landrat Delius, der während der Demonstration im »Ysenburger Hof« saß und sich nicht vor die Tür traute, seine drei entwaffneten Landjäger mit einem Verweis. Die Disziplinarstrafe begründete er mit dem »befehlswidrigen« und für einen Beamten »unwürdigen Verhalten«.¹⁵ Die drei verteidigten sich: Bürgermeister Hankeln habe ihnen Befehl erteilt, ihre Waffen abzulegen, nachdem die Arbeiter gedroht hätten, sie gewaltsam zu entwaffnen. Bürgermeister Hankeln, vom Landrat zur Rede gestellt, hielt sich bedeckt: Er habe den Landjägern selbst die Entscheidung überlassen. So wollte es letztlich keiner gewesen sein. Die Hosen gestrichen voll hatten sie wohl alle fünf.

Anmerkungen

1 Zit. n. 236. Sitzung des Reichstags, 25. Juni 1922. In: Verhandlungen des Reichstags. Stenographische Berichte. I. Wahlperiode 1920, Bd. 356, Berlin 1922, S. 8058

2 Prozessakten Rathenau-Unruhen Wächtersbach, Hessisches Staatsarchiv Marburg: 274 Hanau Acc 1929/10 Nr. 4

3 Zit. n. Gelnhäuser Tageblatt, 6.11.1922

4 Prozessakten Rathenau-Unruhen Wächtersbach, Hessisches Staatsarchiv Marburg: 274 Hanau Acc 1929/10 Nr. 4

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Gelnhäuser Tageblatt, 6.11.1922

8 Prozessakten Rathenau-Unruhen Wächtersbach, Hessisches Staatsarchiv Marburg: 274 Hanau Acc 1929/10 Nr. 4

9 Marx, Karl: Das Kapital Bd. 1, Marx Engels Werke Bd. 23, Berlin 1969, S. 779

10 Gelnhäuser Tageblatt, 8.7.1922

11 Prozessakten Rathenau-Unruhen Wächtersbach, Hessisches Staatsarchiv Marburg: 274 Hanau Acc 1929/10 Nr. 4

12 Gelnhäuser Tageblatt, 1.11.1922

13 Prozessakten Rathenau-Unruhen Wächtersbach, Hessisches Staatsarchiv Marburg: 274 Hanau Acc 1929/10 Nr. 4

14 Ebd.

15 Bericht von Bürgermeister Hankeln am 11.9.1922, Stadtarchiv Wächtersbach: XVII.1.1.20

Die geschilderten Begebenheiten sind genauer beschrieben und mit umfangreichen Quellenverweisen versehen in: Christine Wittrock: Kaisertreu und führergläubig. Impressionen aus dem Altkreis Gelnhausen 1918–1950, Hanau 2006

Christine Wittrock ist Historikerin. Sie schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. Mai 2022 über die Verfolgung der sozialistischen Gebrüder Wolf durch die Nazis in Südhessen.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Berlin, 21. Januar 1910: Clara Zetkin (l.) und ­Rosa Luxemburg
    02.01.2021

    In aller Eile

    Auszüge aus Briefen Rosa Luxemburgs an Clara Zetkin vom November 1918 bis zum Januar 1919
  • Nichts mehr zu holen für die SPD: Solidaritätskundgebung für Sow...
    06.06.2020

    Uneinsichtige »Masse«

    Am 6. Juni 1920 erlitt die SPD bei der ersten Reichstagswahl der Weimarer Republik eine schwere Niederlage
  • Hielten die Hakenkreuzler auf Distanz: Patrouille der Roten Arme...
    26.03.2020

    Hakenkreuze an der Wand

    Kapp-Putsch. Vor 100 Jahren putschte die protofaschistische Rechte gegen die Republik. Teil 3 (und Schluss): Der weiße Terror
Startseite Probeabo