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Aus: Ausgabe vom 21.06.2022, Seite 16 / Sport
Ski Nordisch

Ohne Frauen weg vom Fenster

Am Freitag entscheidet das IOC, ob mit der Nordischen Kombination die letzte olympische Männerbastion des Wintersports fällt
Von Andreas Müller
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Die NK-Frauen auf dem Vormarsch: Annika Malacinski (USA) beim Weltcup in Ramsau (17.12.2021)

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) um seinen Präsidenten Thomas Bach aus Tauberbischofsheim wird am 24. Juni auf den Tag genau 128 Jahre nach seiner Gründung eine wegweisende Entscheidung fällen. Werden in der aus Skispringen und Langlaufen bestehenden Nordischen Kombination (NK), die seit den ersten Winterspielen 1924 in Chamonix/Frankreich zum olympischen Programm gehört, bei den nächsten Winterspielen 2026 erstmals Frauen starten dürfen oder wird dieser olympische Klassiker demnächst von der Bildfläche verschwinden?

»Man darf die Frage, über die jetzt entschieden wird, schon so prinzipiell stellen. Das IOC wird mit seiner Entscheidung eine Antwort darauf geben, was ihm dieser Klassiker und damit diese Traditionssportart wert ist. Die Nordische Kombination gehört zu den Ursprüngen der Olympischen Winterspiele und verkörpert Wintersporttradition sowie die olympische Idee in Reinkultur«, erklärt NK-Bundestrainer Hermann Weinbuch gegenüber jW. Aus dieser Perspektive könne es nach Auffassung des 62jährigen, der beim Deutschen Skiverband (DSV) seit 1996 für diese Sparte verantwortlich ist, nur ein Votum zugunsten der Aufnahme der Frauen geben. Zumal der internationale Skiverband (FIS) in der jüngeren Vergangenheit mit zahlreichen Wettkampfformaten bis hin zu den Youth Olympic Games 2020 und zur WM-Premiere 2021 in Oberstdorf die Aufnahme für die Spiele 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo bereits vorbereitet habe.

Nicht nur im DSV-Bereich mit aktuell acht Spitzenathletinnen und einem halben Dutzend in den Anschlusskadern, sondern auch in Italien, den USA, im Baltikum, in Russland und Belarus sind die NK-Frauen auf dem Vormarsch und würden Weinbuch zufolge »unsere Sportart international sehr bereichern«. Würde ihnen das IOC nun im letzten Schritt den Zugang zu den olympischen Wettkampfstätten verwehren, wäre dies für Weinbuch nicht nur eine deutliche Abkehr vom Gleichberechtigungsprinzip, sondern zugleich auch »ein Zeichen« an die olympische Zukunft der Sportart insgesamt: »Das wäre ihr schleichender Tod.«

Dreh- und Angelpunkt sind dabei die Teilnehmerzahlen, die zuletzt durch die Aufnahme von Snowboard bis Ski-Freestyle ins olympische Programm gerade im Winter explodierten. Insgesamt werden bei Winterspielen als Zugeständnis an neue Entwicklungen und Märkte mittlerweile circa ein Drittel aller Medaillen in den Disziplinen der »jungen Wilden« vergeben. Nicht ausgeschlossen, dass die historisch etablierten Nordischen Kombinierer für diese Modernisierung nun den Preis bezahlen. Die NK-Szene jedenfalls zittert. »Es ist eine Konkurrenzsituation mit den anderen Sportarten entstanden«, weiß Hermann Weinbuch und spricht andererseits von maximal 30 oder 40 Sportlerinnen, die zusätzlich anreisen würden, falls die NK-Frauen das olympische Startrecht erhalten. Das sei keine große Zahl und schon gar nicht in Relation zu den geschichtlichen Wurzeln dieser Sportart.

Für Sascha Kreibich, der am Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaft die Kombiniererinnen schon seit Jahren so selbstverständlich betreut wie das Team um Beijing-Olympiasieger Vinzenz Geiger oder Eric Frenzel, der 2014 in Sotschi Gold gewann und 2018 in Pyeongchang sogar zweimal, gibt es noch die Variante »des halben Beinbruchs«: »Vielleicht vertagt ja das IOC seine Entscheidung und nimmt noch einmal vor den Spielen 2030 Anlauf.« Hermann Weinbuch indes mag sich mit einem solchen »Zeitspiel« nicht so recht anfreunden. Der »ewige Bundestrainer« erwartet am Donnerstag ein klares Bekenntnis zur olympischen Gleichberechtigung und damit zur Zukunft der Nordischen Kombination. Für ihn zugleich eine Herzensangelegenheit: »Diese Sportart ist die schwierigste, spannendste und tollste. Darauf kann die olympische Familie unmöglich verzichten.«

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