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Aus: Ausgabe vom 20.06.2022, Seite 12 / Thema
Krieg und Kriegsgründe

Spezielle »Spezialoperation«

Der Angriff Russlands auf die Ukraine wirft Fragen auf. Welchen Charakter hat der Krieg, gegen wen und warum wird er geführt? Rätselhaftes Russland (Teil 2 und Schluss)
Von Harald Projanski
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Putins schwieriges Erbe – Soldaten der Donezker »Volksrepublik« mit sowjetischer Fahne in Mariupol (24.4.2022)

Was ist das für ein Krieg, der in der Ukraine tobt? Aus Sicht der bürgerlichen Presse ist die Lage eindeutig. Es handelt sich um »Putins Vernichtungskrieg« (Spiegel), um den Feldzug eines »faschistischen Regimes«, so der US-Historiker Timothy Snyder. Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin wird gleichzeitig vorgeworfen, er betreibe die »Rückabwicklung des Zerfalls der Sowjetunion« und versuche, »das Rad der Geschichte zurückzudrehen und das zerfallene russische Imperium wieder herzustellen« (so der Politologe Peter Graf Kielmannsegg in der FAZ). Die von den USA angeführten De-facto-Kriegsparteien gegen Russland versuchen sich mit ihren Propagandisten und Hilfstruppen in den BRD-Medien als Neuauflage der Antihitlerkoalition zu präsentieren. Es ist unübersehbar, dass sie damit in erheblichen Teilen der Bevölkerung und der Intelligenz bis in linke Kreise hinein Erfolg haben.

Die Haltung vieler Linker zum militärischen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine brachte Aicha Jamal vom Roten Aufbau Hamburg am 23./24. April in der jungen Welt auf den Punkt: »Wir haben es mit zwei imperialistischen Mächten zu tun, die aufeinandertreffen.« Es handele sich um einen jener »Kriege der Bourgeoisie«, bei denen »die ›normalen Menschen‹ nur verlieren können«.

Position der KPRF

Doch so klar sich darin die Ablehnung imperialistischer Kriege ausdrückt, ist das schon die ganze Wahrheit? Eines fällt ins Auge, aber kaum jemandem auf: Die Position der größten linken politischen Kraft in Russland und der größten Oppositionspartei, der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF), wird hierzulande kaum wahrgenommen. Gennadi Sjuganow, Vorsitzender der KPRF, hat am 19. April grundsätzlich zu dem Krieg »in den Weiten der brüderlichen Ukraine« Stellung genommen. Dort entscheide sich, so Sjuganow, »ob die Welt weiterhin monopolar sein wird«. Folgende Frage stehe im Raum: »Wird uns Amerika auch weiterhin an die Gurgel fassen, oder befreien wir uns aus der amerikanischen Kruste?«

Sjuganow sagte: »Heute entscheiden wir in der Ukraine die Hauptaufgabe der Entnazifizierung. Die Frage ist offen: Kann der Faschismus in Europa wieder auferstehen?« Daher, so der KPRF-Vorsitzende, »wünschen wir unseren Soldaten und Offizieren, die mutig und tapfer gegen die Bandera-Leute und den Nazismus kämpfen, neue Erfolge und Siege«.

Auf einer Tagung des Zentrums für politische Studien des ZK der KPRF sprach Sjuganow über die Aufgaben der Kommunisten in diesem Krieg und über die Perspektiven der Ukraine: »Wir sollten alles tun, um die uns verwandte Ukraine von Neofaschisten zu befreien.« Über die Zukunft der Ukraine sagte er: »Ihre echte Unabhängigkeit ist nur gemeinsam mit Russland möglich. Das hat die Geschichte bestätigt. Die am stärksten blühende Ukraine gab es im Bestand der Sowjetunion.«

Der Krieg in der Ukraine, den die KPRF, der offiziellen Moskauer Sprachregelung folgend, als »Spezialoperation« bezeichnet, hat aus Sicht der Kommunisten eine doppelte Bedeutung: als antifaschistischer Krieg und als geopolitischer Kampf gegen die US-amerikanische Hegemonie. Aus Sicht der KPRF, die in diesem Punkt mit der Haltung der russischen Staatsführung übereinstimmt, geht es darum, die Verwandlung der Ukraine in einen militärischen Vorposten und Stoßkeil der USA gegen Russland zu verhindern. Stolz verweisen die Kommunisten in öffentlichen Debatten darauf, dass es ihre Fraktion war, die im Januar in der Staatsduma beantragt hatte, die Donezker und Lugansker Volksrepubliken als Staaten anzuerkennen und unter russischen Schutz zu stellen.

Eine öffentliche kontroverse Debatte darüber, ob die am 24. Februar begonnene großangelegte Militäroperation in der Ukraine die klügste und den größten Erfolg versprechende Variante zum Schutz der Donbassrepubliken war, wird in der KPRF kaum geführt. Die seit Kriegsbeginn geltenden Beschränkungen für öffentliche Meinungsäußerungen erleichtern eine solche Debatte auch nicht gerade. Der stellvertretende KPRF-Vorsitzende Dmitri Nowikow vermeidet daher eine solche Diskussion. Er verweist auf die westliche Konfrontationspolitik insbesondere der USA und Großbritanniens, auf deren Entsendung von Waffen und Söldnern. Die jetzt vom Obersten Gericht der Donezker »Volksrepublik« zum Tode verurteilten britischen Söldner, so Nowikow, seien Verbrecher, aber auch »Opfer der Propaganda« – das lässt sich als Plädoyer lesen, sie aus humanitären Gründen nicht hinzurichten.

In einer Stellungnahme vom 9. Juni plädierte Nowikow für eine diplomatische Lösung des Konfliktes. Der Historiker konstatierte darin einen »Niedergang der Weltdiplomatie« und betonte die Notwendigkeit, mit den westlichen Staaten im Gespräch zu bleiben. Zugleich gibt es vor allem in einigen regionalen Organisationen der KPRF Positionen für einen Waffenstillstand so bald wie möglich. Doch Kritik am Kurs der Staatsführung birgt derzeit mehr als früher auch für die Kommunisten die Gefahr strafrechtlicher Verfolgung. Sjuganow hat am 31. Mai auf einer allrussischen Parteiaktivtagung der KPRF darüber gesprochen. Der KPRF-Vorsitzende wandte sich an Putin mit der Aufforderung, Repression gegen Mitglieder der KPRF zu verhindern. Eine öffentliche Reaktion des Präsidenten blieb aus.

Nationale Einheitsfront

Die Kommunistische Partei bietet der russischen Staatsführung im Krieg gegen das von der NATO unterstützte Kiewer Regime eine Art nationale Einheitsfront an. Dabei berücksichtigen die russischen Kommunisten auch die Möglichkeit, dass dieser Krieg durch weitere ukrainische Militärschläge vor allem gegen russisches Gebiet eskalieren könnte, was einen nationalen Verteidigungskrieg nach sich ziehen könnte. Sjuganow sagte auf der Parteiaktivtagung vom 31. Mai, die »militärisch-politische Operation in der Ukraine« habe »historischen Charakter«. Er wies darauf hin, dass die Kommunisten den Widerstandskampf der Bevölkerung des Donbass gegen die Kiewer Macht schon seit acht Jahren unterstützen. In dieser Zeit haben die Kommunisten 15.000 Tonnen an humanitärer Hilfe in die Donbass-»Volksrepubliken« geschafft.

Sjuganow wies auch darauf hin, dass der Kampf in der Ukraine »um die Erhaltung und Festigung der russischen Welt« geführt werde. Es gehe auch um die Verteidigung der russischen Musik, Literatur und Geschichte. Zugleich betonte Sjuganow die internationalistische Ausrichtung der Partei. Er unterstrich die Unterstützung der russischen Kommunisten für die Volksrepublik Chinas gegen die von den USA militärisch unterstützten Separatisten in der chinesischen Provinz Taiwan.

Für die Innenpolitik forderte Sjuganow, in der Wirtschaft »die Rolle des Staates zu stärken und soziale Programme umzusetzen«. Außenpolitisch müssten »die Tore nach Osten« geöffnet werden – zu China. Er kritisierte die Folgen von rund 30 Jahren kapitalistischer Entwicklung: die »Spaltung der Gesellschaft«, die »technologische Rückständigkeit«, und er warnte vor den Folgen der Ausreise »einer halben Million junger Spezialisten, die gezwungen wurden, das Land zu verlassen«. Gemeint sind vor allem IT-Spezialisten und andere Fachleute, die auch wegen des Sanktionsdrucks Russland den Rücken gekehrt haben. Sjuganow erinnerte an das Potential der Sowjetunion, deren Gründung sich im Dezember zum einhundertsten Male jährt. Auf der Tagung sprach der KPRF-Vizevorsitzende Dmitri Nowikow offen aus, was eine Zusammenarbeit von Kommunisten und Regierung behindert: »In prinzipiellen Fragen vertritt der Kreml konsequent Positionen des Antikommunismus und Antisowjetismus.«

Die Kommunisten verweisen darauf, dass sie nicht nur erfolgreich den Widerstand gegen die damals modernste Militärmacht der Welt, das nazistische Deutschland, organisiert haben. Sie können auch damit argumentieren, dass schon Lenin erfolgreich den Kampf gegen ausländische Interventen und ihre Handlanger organisiert hatte, nämlich im russischen Bürgerkrieg ab 1918. Lenins Aufruf »Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr«, veröffentlicht am 22. Februar 1918 in der bolschewistischen Prawda, war ein Meisterstück politischer Dialektik. Lenin hatte damals dafür plädiert, das »erschöpfte geplagte Land vor neuen Kriegsprüfungen zu retten«, und warb für die in der Partei umstrittene Annahme des harten Friedens von Brest-Litowsk.

Doch zugleich rief er dazu auf, »alle Kräfte und Mittel des Landes« unmittelbar und »restlos in den Dienst der revolutionären Verteidigung« zu stellen. Und er machte es »allen Sowjets und revolutionären Organisationen« zur Pflicht, »jede Stellung bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen«. Der Appell endete mit den Losungen: »Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr! Es lebe das sozialistische Vaterland! Es lebe die internationale sozialistische Revolution!« Einen Tag später veröffentlichte er in der Prawda einen Artikel mit dem Titel »Frieden oder Krieg«, in dem er zum Aufbau einer »ernstzunehmenden, vom ganzen Volk getragenen mächtigen Armee« aufrief. Damit legte er den Grundstein für den Sieg der revolutionären Kräfte, der schließlich viereinhalb Jahre später in der Formierung der multinationalen Sowjetunion gipfelte.

Kampf um Souveränität

Putin hat sich mehrfach abfällig über Lenin geäußert. Er hat bis in die jüngste Zeit immer wieder deutlich gemacht, dass seine politischen Bezüge mehr in der Zarenära als in der Sowjetzeit liegen. So zuletzt in einem Gespräch mit jungen Unternehmern, Ingenieuren und Wissenschaftlern am 9. Juni in Moskau. Zwar erwähnte er dort auch – was die bürgerliche Presse nicht zitierte – die »Errungenschaften der Sowjetunion«, doch vertiefte er dieses Thema nicht. Statt dessen verkündete er, »Souveränität« sei »für jedes Land, für jedes Volk« eine »Schlüsselfrage«. Denn wenn ein Land »nicht in der Lage« sei, »souveräne Entscheidungen zu treffen«, dann sei es »in gewissem Sinne eine Kolonie«. Eine Kolonie aber habe keine »Chancen zu überleben im harten geopolitischen Kampf«.

Souveränität teilt Putin in drei Kategorien, die militärpolitische, die ökonomische und die technologische. Die »Konsolidierung der Gesellschaft« sei eine »grundlegende Bedingung der Entwicklung«. Denn: »Wenn es keine Konsolidierung gibt, dann wird alles auseinanderfallen.« Offenkundig ist, dass in seinem konservativen Denken kaum Raum ist für gesellschaftliche Widersprüche oder Klasseninteressen. Diese weltanschauliche Betrachtung ergänzte Putin mit einem Rückblick auf den Zaren Peter I. Der habe, so Putin, im Großen Nordischen Krieg gegen Schweden 1700 bis 1721 Gebiete für Russland »zurückgebracht und gefestigt«. Und er fügte hinzu: »Wie es aussieht, fällt auch uns die Pflicht zu, zurückzubringen und zu festigen.« Diese »grundlegenden Werte«, so Putin, stellten die »Grundlage unserer Existenz« dar.

Das bezieht sich eindeutig auf die vom russischen Militär eingenommenen Gebiete in der Ukraine. Damit bekommt der Krieg aus Sicht des russischen Oberkommandierenden neben dem antifaschistischen und gegen die USA gerichteten geopolitischen Aspekt auch den Charakter eines russischen Einigungskrieges. Wobei unklar bleibt, wo die künftigen Grenzen des um »zurückgebrachte« Gebiete erweiterten Russland liegen sollen. Ebenso offen ist die Frage, was in dieser Konzeption von der Ukraine als Staat nach Putins Auffassung noch übrigbleiben soll.

Zu dieser Frage nahm ein enger Putin-Vertrauter, der Sekretär des Sicherheitsrates Nikolai ­Patruschew, am 27. Mai in einem Interview mit der populären Moskauer Wochenzeitung Argumenty i Fakty Stellung. »Das Schicksal der Ukraine«, sagte Patruschew, werde »das Volk, das auf seinem Territorium lebt, entscheiden«. Zugleich deutete er an, dass die Voraussetzung dafür aus russischer Sicht die Zerschlagung des Kiewer Machtsystems ist. Dabei räumte Patruschew ein, dass die Kiewer Führung in der Ukraine über eine Massenbasis verfügt: »Leider glauben viele Ukrainer immer noch, was ihnen der Westen und das Kiewer Regime sagen.« Doch es komme »früher oder später die Ernüchterung«. Die Ukrainer müssten nur »die Augen öffnen und sehen, dass es das Land faktisch nicht mehr gibt, dass der genetische Fond des Volkes, sein kulturelles Gedächtnis vernichtet und ersetzt werden durch zügellose Genderkonzeptionen und leere liberale Werte«.

Patruschew fügte hinzu, der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij solle nicht glauben, Russland werde irgendwann Reparationen wegen des Krieges zahlen: »Russland ist im Recht, Reparationen zu fordern von den Ländern, welche die Nazis in der Ukraine und das kriminelle Kiewer Regime gesponsert haben.« Die beiden Donbass-»Volksrepubliken« sollten »von ihnen Schadenersatz fordern für die gesamten materiellen Verluste von acht Jahren Aggression«.

»Vitrine der modernisierten Krim«

Auf welche Probleme das »Zurückführen« bisheriger ukrainischer Gebiete hin zu Russland stößt, darüber äußert sich in derselben Ausgabe von Argumenty i Fakty Kirilo Stremoussow, der Leiter der »militärisch-zivilen Administration« des südukrainischen Gebietes Cherson, das sich jetzt unter russischer Kontrolle befindet: »Die Statistik zeigt, dass etwa 40 Prozent der Bewohner des Gebietes weggefahren sind. Es werden Ärzte benötigt. Im Gebietskinderkrankenhaus waren 700 Leute als medizinisches Personal beschäftigt, geblieben sind 300.« Die Ausgereisten hätten »unter dem Druck und der Propaganda der ukrainischen Seite« Cherson verlassen.

Damit zeigt sich, dass Russlands Führung bei dem Versuch, ihr Staatsgebiet militärisch auf Kosten der Ukraine zu erweitern, auf gewaltige materielle, politische und psychologische Probleme stößt. Abgewandert sind vor allem junge und gut ausgebildete Bewohner des Gebietes. Diese Menschen werden das gegen Russland gerichtete Potential in der Ukraine und im Westen stärken und beim Wiederaufbau der bisherigen Ostukraine fehlen. Ob es Russland gelingen kann, mit einer streng kulturkonservativen Linie, wie sie Patruschew formuliert, die Mehrheit der jungen Ukrainer für sich zu gewinnen, darf stark bezweifelt werden. Diese Probleme würden dem Umfang nach nicht geringer, gelänge es den russischen Streitkräften in den kommenden Monaten und Jahren, auch die Großstädte Saporischschja, Odessa, Dnipro und Charkiw einzunehmen. Denn davon ist in Diskussionen Moskauer Militärs derzeit die Rede.

Berichte russischer Journalisten aus den von Russland kontrollierten Gebieten im Süden der Ukraine deuten darauf hin, dass erhebliche Teile der verbliebenen Bevölkerung in Cherson die russische Staatsbürgerschaft annehmen wollen und sich für einen Beitritt ihres Gebietes zu Russland nach dem Vorbild der Krim aussprechen. Warum die Beitrittsperspektive populärer ist als die zunächst diskutierte Schaffung einer »Volksrepublik« Cherson, begründet die russische Zeitschrift Expert: »Niemand im Süden der Ukraine möchte in eine ›graue Zone‹« nach dem Muster der Donbass-»Volksrepubliken«, »mit Verfall der Wirtschaft und ständigem Beschuss« durch die ukrainische Armee. Die »Vitrine der modernisierten Krim«, so das Blatt, sehe besser aus.

Der Vizevorsitzende der Cherson benachbarten russischen Teilrepublik Krim, Georgi Muradow bezeichnet das nördlich der Halbinsel gelegene Gebiet Cherson jetzt als »befreite Gebiete der ehemaligen Ukraine«. Vereinzelt hat der Zusammenbruch der ukrainischen Macht im Südosten der Ukraine auch linken Kräften neue Möglichkeiten eröffnet. In der Großstadt ­Berdjansk am Asowschen Meer wurde ein Aktivist der »Union der linken Kräfte« Chef der Stadtverwaltung. Die linksozialdemokratische Partei, die im März vom Sicherheitsrat der Ukraine verboten worden war, fordert die »Liquidierung des Oligarchats als Klasse«, die Nationalisierung der entscheidenden Wirtschaftszweige und ein »Maximum an Gerechtigkeit«. Deutlich stärker aber erweist sich die vom Kreml gelenkte konservative Partei »Einiges Russland«, die jetzt in den »befreiten Gebieten« Strukturen schafft.

Brudermord

Putins Vorgehen mit dem Ziel, Gebiete des Nachbarlandes über die Donbass-»Volksrepubliken« hinaus in sein Staatsgebiet einzufügen, hat einen anachronistischen Zug. Es erinnert an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Bismarcks Reichseinigung mit »Blut und Eisen« führte damals zur Annexion der deutsch-französisch gemischten Provinzen Elsass und Lothringen. Dazu schrieb Karl Marx in der »Zweiten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg« vom 9. September 1870, der »Boden dieser Provinzen« habe »vor langer Zeit dem längst verstorbnen deutschen Reich gehört«. Marx nahm das deutsche Annexionsstreben in Elsass-Lothringen zum Anlass für eine grundsätzliche und immer noch aktuelle Betrachtung: »Wenn die Grenzen durch militärische Interessen bestimmt werden sollen, werden die Ansprüche nie ein Ende nehmen, weil jede militärische Linie notwendig fehlerhaft ist und durch Annexion von weiterm Gebiet verbessert werden kann.«

Wer Marx über den damaligen Krieg liest, erkennt etwas, das auch für die Ukraine gilt. Der Krieg kann seinen Charakter ändern. Für die marxistische Betrachtung eines Krieges gilt es, Veränderungen in der Dynamik und Richtung der Politik der kämpfenden Parteien rechtzeitig zu erfassen und zu analysieren. In der »Ersten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg« schrieb Marx am 23. Juli 1870, von deutscher Seite sei »der Krieg ein Verteidigungskrieg«. Doch wenn der Feldzug in einen Krieg gegen das französische Volk auszuarten drohe, dann würden »Sieg oder Niederlage gleich unheilvoll«. Marx sprach in diesem Kontext auch von einem »brüdermörderischen Kampf« »zwischen den Arbeitern Deutschlands und Frankreich«.

Von einem »brudermordenden Krieg« zwischen Russen und Ukrainern ist selbst in Debatten im russischen Staatsfernsehen bisweilen die Rede. Diesen Begriff verwendete kürzlich der Generaldirektor der russischen Filmstudios, der Regisseur Karen Schachnasarow, in einer Diskussion. Der Sohn eines einstigen Politbüroberaters vertrat zudem die These, der Krieg in der Ukraine sei auch eine »Fortsetzung des russischen Bürgerkrieges«. Dafür spricht sowohl das Agieren ukrainischer Nationalisten wie auch ausländischer Unterstützter der Kiewer Macht.

Anders als in den Jahren 1918 bis 1920 ist aber die Einmischung westlicher Mächte, vor allem der USA, zugunsten der Kiewer Elite ungleich stärker. Damit aber ist der Kampf um die Ukraine auch Teil eines Weltkonfliktes, dessen Hauptabschnitt im pazifischen Raum zwischen China und den USA liegt. Die von Russland begonnene Militäroffensive ist kein Krieg für die Interessen von Bank- und Konzernherren, sondern ein gewiss brachialer Versuch, die Verwandlung der Ukraine in einen Aufmarschplatz der USA gegen Russland nachhaltig zu verhindern. Dabei könnte sich erweisen, dass das von den USA und seinen Verbündeten ausgehaltene korrupte Regime in Kiew womöglich auf Dauer nicht stabiler ist als frühere US-Vasallenregime von Südvietnam bis Afghanistan.

Antiimperialistisches Gegenlager

Global stehen in einem Konflikt jetzt China und Russland, Länder, die niemals überseeische Kolonien hatten, gegen die in der NATO vereinten Kolonial- und Neokolonialmächte. Es geht dabei in der Perspektive um die Souveränität eines kontinentalen Raumes, der vom belarussischen Brest über Donezk bis nach Shanghai reicht. Dort liegt ein mächtiges Gegenlager zum imperialistischen Hegemon USA. Jeder, der sich als antiimperialistisch, links oder marxistisch versteht, sollte sich dieser Tatsache stellen, auch wenn die inneren Verhältnisse in China und Russland historisch bedingt in vielem nicht den Wunschvorstellungen westlicher Linker entsprechen.

Doch weil es dieses Lager gibt, können die Kriegstrommler in Washington und Brüssel angesichts des Krieges in der Ukraine nicht auf die Sympathien der Völker Asiens, Afrikas und Südamerikas setzen. Denn dort versteht man weit besser als in den kapitalistischen Ländern des Nordens, von welcher Seite der Krieg in der ­Ukraine eindeutig imperialistischen Charakter trägt.

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  • Leserbrief von Holger K. aus Hessen (21. Juni 2022 um 12:30 Uhr)
    Russland als imperialistisches Land zu bezeichnen, ist barer Unsinn, schon weil es über keine multinationalen Konzerne verfügt, die weltweit agieren. Auch ist nicht erkennbar, dass Moskau sich in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischt und sie zu einem ungleichen Handel nötigt. Es darf auch nicht übersehen werden, dass Russland keinesfalls weltweit militärische Stützpunkte unterhält. Was aber ist dieses Land tatsächlich. Nun, es ist z.Z. ein nationalistisch-bürgerliches Land, so wie es die meisten Staaten Europas in der ersten Hälfte des 19. Jhd. waren. So betrachtet hat Putin eine gewisse Ähnlichkeit mit Bismarck, der zwar nationalistisch, nicht aber imperialistisch war. Bürgerlicher Nationalismus strebt meist nicht nach Überseegebieten, sondern strebt eher nach einer Ausdehnung des eigenen Landes über seine Grenzen hinaus.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ernst H. aus 39443 Staßfurt (20. Juni 2022 um 09:29 Uhr)
    Vermutlich gehöre ich zu einer zum Aussterben verurteilten Gruppe von Menschen, wenn ich versuche, geschichtliche Ereignisse in theoretische Konzepte einzuordnen. Aber wenn ich lese, dass unter Linken die Meinung verbreitet ist, beim Krieg zwischen Russland und der NATO gehe es um die Auseinandersetzung zwischen zwei imperialistischen Mächten, fällt es doch schwer, den Mund zu halten. Vor gut einem Jahr machte Jürgen Pelzer (»Enttäuschte Erwartungen«) in der jungen Welt vom 3. Mai 2021 auf ein Spätwerk des marxistischen Philosophen Domenico Losurdo aufmerksam: »Der westliche Marxismus«. Das war eine Anregung, das Buch mit großem Interesse und Gewinn zu lesen. Wenn man Losurdos Theorie über Imperialismus und den im westlichen Marxismus vernachlässigten Kolonialismus auf den Krieg Russlands anwendet, kann man diesen widerspruchslos als einen Kampf gegen den Kolonialismus des »Westens« interpretieren. Für mich ist interessant, dass Präsident Putin und sein Außenminister Lawrow in jüngsten Erklärungen immer mal wieder von Kolonialismus sprechen, obwohl beide schwerlich Losurdos Buch kennen. Als alter Ossi habe ich immer Sympathien und Solidarität für den antikolonialen Kampf empfunden, ohne danach zu fragen, ob die Kämpfer sich außenpolitisch an die Buchstaben des vom »Westen« geschriebenen Völkerrechts und innenpolitisch an die Buchstaben des orthodoxen Marxismus-Leninismus gehalten haben. Mit diesem Mangel an moderner politischer Bildung werde ich wohl auch die letzten Jahre des Lebens verbringen müssen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dieter R. aus Nürnberg (20. Juni 2022 um 08:10 Uhr)
    Und die Moral von der Geschichte? Wo bleiben praktische Schlussfolgerungen und Entscheidungen? Zu mehr als einer dürftigen Analyse »Einerseits – Andrerseits« ist offenbar die »linke Bewegung« nicht mehr in der Lage. Schon mal was von Haupt- und Nebenwidersprüchen gehört? Es gibt letztlich zwei Szenarien, je nach Ausgang dieser im Grunde globalen Auseinandersetzung. Die Durchsetzung des unipolaren Lagers wäre eine Katastrophe für die Bevölkerung des Donbass und Russlands und würde geopolitisch die verstärkte Ausplünderung der übrigen Welt bedeuten, ein Weltkrieg würde in greifbare Nähe rücken. Sollte sich Imperialist Russland entscheidend durchsetzen, würde sich im Verbund mit Chinas Belt and Road Initiative eine große Chance auch für viele Länder Afrikas und Lateinamerikas bieten, sich aus der westlichen Ausbeutungsklammer zu befreien. Ob Putin nationalistische Motive hat, oder diese nur aus innerpolitischen Gründen einsetzt, ist nebensächlich. Warum ist es angesichts dieser dramatischen weltpolitischen Weichenstellung für »Marxisten« so schwer, sich eindeutig festzulegen?

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