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Aus: Ausgabe vom 15.06.2022, Seite 12 / Thema
Geschichte der APO

Verrat, Tragödie, Scheitern

Vor 50 Jahren wurde Ulrike Meinhof festgenommen. Dem ging die »Maikampagne« der RAF gegen Mitverantwortliche des Vietnamkrieges voraus
Von Gerhard Hanloser
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Nicht erst seit ihrem Tod am 9. Mai 1976 in Stammheim eine Ikone und Projektionsfläche der deutschen Linken – Ulrike Meinhof nach ihrer Festnahme in Hannover (16.6.1972)

In seinem »Lied für meine radikalen Freunde« sang der badische Barde Walter Mossmann: »Dieses Lied ist für die Miriam, / die sah damals Fotos aus Vietnam / und wusste, in Hamburg, fern vom Schuss, / was man gegen Krieg machen muss. / Wir brachten ihr nachts einen Deserteur, / hinter dem war die NATO her, / sie fragte ihn nicht mal, wie er heißt, / hat ihn nach Schweden geschleust. / Ich hoff’, sie wurde niemals gefasst, / für solche Taten gab’s nämlich Knast, / die Kriegsverbrecher aus Washington / war’n auch am Ruder in Bonn.«

Die »Miriam« des Jahres 1972 hieß Fritz Rodewald. Damals wohnte der Grundschullehrer nördlich von Hannover in Langenhagen, half als radikaler Linker US-Soldaten bei der Flucht und war in der linken Szene Hannovers gut bekannt. In der Nacht des 14. Juni klingelte es an seiner Tür, eine Frau fragte, ob zwei Personen für ein paar Nächte bei ihm schlafen könnten. Rodewald willigte spontan ein.

Umstrittene Aktionen

In Deutschland herrschte zu dieser Zeit Großfahndung nach den Mitgliedern der Roten Armee Fraktion (RAF), die sich in der Folge der Radikalisierung der antiautoritären Revolte und des Zerfalls der Außerparlamentarischen Opposition (APO) 1970 Hals über Kopf gegründet hatte. Die RAF befand sich damals in ihrer »Maioffensive«. Am 11. Mai 1972, dem Tag, an dem die Bombenblockade Nordvietnams durch die Vereinigten Staaten mit heftigen Angriffen gegen Hanoi, die Hafenstadt Haiphong und die Provinz Than Hoa begann, verübte die Gruppe, die sich als »Stadtguerilla«-Einheit sah, einen Bombenanschlag auf das Hauptquartier des 5. Armeekorps der US-amerikanischen Streitkräfte in der BRD und Westberlin mit Sitz im früheren IG-Farben-Haus in Frankfurt am Main. Ein Armeeangehöriger kam ums Leben, 13 weitere wurden verwundet. In der Kommandoerklärung vom 14. Mai 1972 hieß es zum Anschlag:

»Für die Ausrottungsstrategen von Vietnam sollen Westdeutschland und Westberlin kein sicheres Hinterland mehr sein. Sie müssen wissen, dass ihre Verbrechen am vietnamesischen Volk ihnen neue, erbitterte Feinde geschaffen haben, dass es für sie keinen Platz mehr geben wird in der Welt, an dem sie vor den Angriffen revolutionärer Guerillaeinheiten sicher sein können«.

Am 16. Mai explodierte eine unter dem Auto des Bundesrichters Wolfgang Buddenberg angebrachte Bombe. Buddenberg war am Bundesgerichtshof verantwortlich für die Ausgestaltung der Haftbedingungen für RAF-Mitglieder und Personen, die für RAF-Aktivisten gehalten wurden. Für den Anschlag, bei dem die Ehefrau von Buddenberg verletzt wurde, hatte ein »Kommando Manfred Grashof« der RAF die Verantwortung übernommen. Am 19. Mai kam es zu einem Bombenanschlag auf die Zentrale des Axel-Springer-Konzerns in Hamburg. In der Erklärung eines »Kommando 2. Juni« wurde vom Springer-Konzern gefordert, »die antikommunistische Hetze gegen die Neue Linke, gegen solidarische Aktionen der Arbeiterklasse wie Streiks, gegen die kommunistischen Parteien hier und in anderen Ländern« und »gegen die Befreiungsbewegungen in der dritten Welt (…), besonders gegen die arabischen Völker, die für die Befreiung Palästinas kämpfen«, in den konzerneigenen Zeitungen einzustellen. Außerdem wurde mitgeteilt, dass frühzeitig dreimal telefonisch zur Räumung des Hochhauses aufgefordert worden war. Trotzdem wurden bei dem Anschlag 34 Menschen, Angestellte des Verlags, verwundet.

Damit war die Aktion auch innerhalb der Gründergeneration der RAF umstritten. Sie sprengte das Tabu, dass Arbeiter und Angestellte nicht Opfer bewaffneter Aktionen sein dürften. Die RAF-Gründerin Gudrun Ensslin erklärte später vor Gericht, dass sie dem Anschlag auf den Hamburger Hauptsitz des Verlages Axel Springer nicht zustimmen könne. Ulrike Meinhof hingegen galt als Teil des »Kommandos 2. Juni«. Verkehrte Welt: In einem Konkret-Artikel von 1968 mit dem Titel »Warenhausbrandstiftung« hatte Meinhof noch den Brandanschlag von Frankfurt am Main, an dem Gudrun Ensslin beteiligt gewesen war, als eine »systemerhaltende« und »konterrevolutionäre« Aktionsform bezeichnet, weil Warenvernichtung die Konsumwelt nicht angreife und sich die unabsichtliche Gefährdung von Menschen dabei nicht ausschließen lasse.

Abgesehen von diesem Dissens herrschte unter Ensslin, Meinhof und Andreas Baader Einigkeit darin, dass vor dem Hintergrund eines Weltbürgerkriegs zwischen imperialistischen Metropolen und um Unabhängigkeit streitenden trikontinentalen Völkern nicht nur exemplarische, sondern auch wirkungsvolle Aktionen notwendig seien, um die Worte Che Guevaras, man müsse in den Herzen der Bestie kämpfen, umzusetzen. Am 24. Mai verübte die RAF einen Bombenanschlag auf das europäische Hauptquartier der US-amerikanischen Armee in Heidelberg. Ein Gebäude, in dem sich die Computerzentrale befand, wurde fast völlig zerstört, drei Personen wurden getötet, sechs verletzt. Ein RAF-Kommando übernahm die Verantwortung. In der Kommandoerklärung vom 25. Mai 1972 hieß es:

»Im Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte in Europa in Heidelberg sind gestern abend, am Mittwoch, den 24. Mai 1972, zwei Bomben mit einer Sprengkraft von 200 kg TNT explodiert. Der Anschlag wurde durchgeführt, nachdem General Daniel James, Abteilungsleiter im Pentagon, am Mittwoch in Washington erklärt hatte: ›Für die US-Luftwaffe bleibt bei Bombenangriffen künftig kein Ziel nördlich und südlich des 17. Breitengrades ausgenommen.‹ Am Montag hatte das Außenministerium in Hanoi die Vereinigten Staaten erneut beschuldigt, dichtbesiedelte Gebiete in Nordvietnam bombardiert zu haben. Die amerikanische Luftwaffe hat in den letzten sieben Wochen mehr Bomben über Vietnam abgeworfen als im Zweiten Weltkrieg über Deutschland und Japan zusammen. Von weiteren Millionen Tonnen Sprengstoffen ist die Rede, die das Pentagon einsetzen will, um die nordvietnamesische Offensive zu stoppen.« Und weiter in völlig verfehlter Analogie: »Das ist Genozid, Völkermord, das wäre die ›Endlösung‹, das ist Auschwitz.«

»Kill-Fahndung«

Die »Maioffensive« löste eine gigantische Fahndungswelle aus, die sich gegen die Mitglieder der RAF richtete und an der mehr als 130.000 Polizisten und Staatsschutzbeamte, unterstützt von westdeutschen und US-amerikanischen Armeeeinheiten, beteiligt waren. Am 2. Juni 1972 wurden Andreas Baader, Holger Meins und Jan Carl Raspe festgenommen. Am 7. Juni wurde Gudrun Ensslin verhaftet, neben Andreas Baader und Ulrike Meinhof das prominenteste Gründungsmitglied der RAF. Die Fernsehbilder von der Verhaftung waren eindrucksvoll. Es herrschte Sympathisantenhatz. Die radikale Linke sprach von »Kill-Fahndung«. Das RAF-Mitglied Petra Schelm, das bereits am 15. Juli 1971 erschossen worden war, blieb nicht das einzige Opfer der polizeilichen Fahndung.

Die Festnahmen waren aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung erfolgt, nicht durch Sympathisanten. In ihrem solidarischen Umfeld hatten sich die Mitglieder der RAF zuvor stets mehr oder weniger sicher gefühlt. Das änderte sich mit der Verhaftung Ulrike Meinhofs. Noch in der Nacht hatte sich Fritz Rodewald, der von den Aktionen der »Mai-Offensive« empört war, mit seiner Freundin besprochen. Am nächsten Tag ging er nach der Arbeit zum Landeskriminalamt. Die Beamten vereinbarten mit ihm, dass er zunächst nicht nach Hause gehen sollte, und bezogen Position vor dem Gebäude in der Walsroder Straße, einem Wohn- und Geschäftshaus an einer Hauptstraße. Am frühen Abend kam Gerhard Müller aus Rodewalds Wohnung, um zu telefonieren. In einer Telefonzelle wurde er verhaftet. Der Gelegenheitsarbeiter und ehemalige Aktivist des Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektivs hatte sich 1971 der RAF angeschlossen, wurde aber noch nicht polizeilich als »Terrorist« gesucht. Nach seiner Verhaftung klingelten Beamte an der Tür der Wohnung. Ulrike Meinhof öffnete, später wurde berichtet, sie habe sich mit einer blonden Perücke tarnen wollen. Ein gefundenes Fressen für die Sensationsmedien. Meinhof wehrte sich bei der Festnahme, sie war unbewaffnet.

Notwendig tragisch

Das Leben von Fritz Rodewald änderte sich nach der Verhaftung Meinhofs schlagartig. Als die Umstände der Festnahme bekanntwurden, stand er am Pranger. Teile des linken Milieus wandten sich von ihm ab. Er erhielt Morddrohungen, so dass Polizisten zeitweilig in seine Wohnung einzogen. Auf Anraten der Polizei sollte er eine kugelsichere Weste tragen. Seinen Job als Lehrer gab er auf.

In einer kleinen Print-on-Demand-Schrift erzählte Rodewald 2009, kurz vor seinem Tod, sein Leben. Nach dem einschneidenden Verrat an den militanten Genossinnen und Genossen wurde er Gewerkschaftsfunktionär, Redakteur, Hochschullehrer, später psychoanalytischer Therapeut mit eigener Praxis. Als ihm der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen werden sollte, lehnte er ab.

Alexander Kluge brachte die Lebenstragik von Rodewald in einem Brief folgendermaßen auf den Punkt: »Nachdem Du der Frau zugesagt hattest, das Paar könne kommen, befandest Du Dich in der klassischen Situation einer griechischen Tragödie. Egal, wie Du Dich verhalten hättest, es konnte nur ein tragisches Ende nehmen.«

Mit Ulrike Meinhof wurde eine der wichtigsten Protagonistinnen der Neuen Linken verhaftet. Die Haftbedingungen sollten sie brechen, gezielt wurde sie, der Sinneseindrücke beraubt, hermetisch isoliert, sie selbst sprach von »weißer Folter«. Am 9. Mai 1976 beging sie in Stuttgart-Stammheim Suizid. Auch das ist ein tragisches Ende, dramatischer als jenes von Rodewald. Mit Meinhof ging der deutschen Linken eine kluge und radikale Denkerin verloren. Sie hatte als Journalistin und Autorin der Monatszeitschrift Konkret die autoritären Strukturen der Bundesrepublik ausgeleuchtet. Noch heute können ihre Texte beispielsweise zur bundesrepublikanischen Unterstützung von Folterregimes wie jenem des Schahs von Persien, zum Nationalreformismus der deutschen Gewerkschaften oder zum antidemokratischen Notstandsgesetz als Quellen für eine Gegengeschichtsschreibung der Bundesrepublik jenseits aller Affirmation gelten. Ihr Interesse am Schicksal von Heimkindern war schon lange geweckt, bevor die Protagonisten der 68er-Revolte mit Herbert Marcuse die Randgruppen der Gesellschaft als revolutionäres Subjekt entdeckten. Meinhof hatte für den Südwestfunk eine Reportage über Heimkinder produziert und 1970 ordnungsgemäß abgeliefert. Der Film der »Staatsfeindin Nr. 1« wurde im Mai 1970 wegen ihrer Beteiligung an der Befreiung von Andreas Baader allerdings kurzfristig aus dem Programm genommen. Es dauerte 24 Jahre, bis er ausgestrahlt werden konnte.

Für eine Beurteilung der historischen Figur Meinhofs ist es wohl immer noch zu früh. Der linke Sozialpsychologe Peter Brückner hat ihr mit »Ulrike Marie Meinhof und die deutschen Verhältnisse« 1976 ein einfühlsames wie politisch erhellendes Buch gewidmet, das Meinhofs Leben mit jenem der postnazistischen Bundesrepublik verschränkt. In den meisten anderen Biographien und Monographien über sie herrscht das moralisierende Interesse vor, sie in die engagierte Journalistin der Bundesrepublik einerseits und die verrückt gewordene Terroristin andererseits aufzuspalten. Ihre politisch-moralische Zerrissenheit zwischen Antifaschismus und neuem Internationalismus ist bekannt. Antilinke Stimmen wollen in ihr gar eine Protagonistin eines »linken Antisemitismus« sehen. Dies geht völlig fehl. Ulrike Meinhofs Konkret-Kolumne von 1967 namens »Drei Freunde Israels« erklärte deutlich, dass die europäische Linke nie einen Grund gehabt hatte, ihre Solidarität mit den rassistisch Verfolgten aufzugeben. Meinhof schrieb hier noch als europäische (und nicht deutsche!) Linke, dass für diese, im Gegensatz zu der alten und neuen Rechten, der deutsche Faschismus nicht erst durch die Judengräuel kompromittiert worden sei. »Es gibt«, so Meinhof, »für die europäische Linke keinen Grund, ihre Solidarität mit den Verfolgten aufzugeben, sie reicht in die Gegenwart und schließt den Staat Israel ein, den britische Kolonialpolitik und nationalsozialistische Judenverfolgung begründet haben.«

Anlässlich der Geiselnahme israelischer Sportler durch ein palästinensisches Kommando während der Olympischen Spiele 1972 in München verklärte Meinhof, nun als antiimperialistisch-internationalistische Linke, die ihre Hoffnungen auf die nationalen Befreiungsbewegungen setzte, diese tödliche Kommandoaktion als »antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch«. Hier erging sie sich in einer rohen Verdrehung der Schuldfrage: »Israel verliert Krokodilstränen. Es hat seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden.« Marcel Reich-Ranicki erinnerte sich wiederum in seiner Biographie, dass die junge Journalistin die einzige war, die sich für sein Schicksal im Warschauer Ghetto interessiert hatte. Die Biographie der Meinhof ist ebenso schwer in den Griff zu bekommen und auf den Begriff zu bringen wie viele andere linke Lebensläufe.

An die Spitze im Nirgendwo

Beliebt sind tragische Geschichten wie jene des Fritz Rodewald. Prominente wie Günter Grass, Alexander Kluge, Stefan Aust und Oskar Negt setzten sich mit ihr auseinander. In der Öffentlichkeit wurde der Meinhof-Verräter als Opfer einer verhetzten antiimperialistischen Szene dargestellt und nicht als einer der vielen, Militanz offensichtlich nicht scheuenden Genossen der frühen 1970er Jahre, auf den in den Untergrund gegangene Kämpfer »im Herzen der Bestie« (Che Guevara) zählen wollten. Natürlich hatte der 68er-Publizist Klaus Hartung recht, als er schrieb, dass es eine enorm autoritär wirkende, manichäische Haltung und Ideologie innerhalb der militant-antiimperialistischen Linken gegeben habe, als sich die RAF »mit ihrer Gründung an die Spitze im Nirgendwo setzte«. Hartung kritisierte, dass es plötzlich »auch von dieser Seite richtige und falsche Genossen« gab: »Die Richtigen lieferten Geld, Wohnungen, Pässe. Aus der Gesellschaft wurde das ›Schweinesystem‹. Die politische Sprache infantilisierte, trennte zwischen Menschen oder pigs (Schweine).«

Bereits in den 1970ern scheiterte der Versuch des Projekts Stadtguerilla in der BRD mit seinem Anspruch, aus der Illegalität heraus das Herz des Staates zu treffen. »Stadtguerilla« war ein ohnehin existentialistisch anmutendes Unternehmen, das den Verhältnissen der Bundesrepublik kaum gerecht wurde. Andreas Baader trat noch Mitte Oktober 1977 mit dem Bundeskanzleramt in Kontakt und signalisierte deutlich, dass der bewaffnete Kampf in der Bundesrepublik keine Perspektive habe, aber angesichts einer ungelösten Gefangenenfrage nachfolgende Generationen von Illegalen produziert würden. Was danach von seiten der RAF kam, war tatsächlich eine immer neue Konstitution einer »Guerilla zur Befreiung der Guerilla«, wie es der eher anarchistische Militante Fritz Teufel spitz formulierte. Die »Erklärungen« und »Strategien« der späteren RAF-Generationen wirken untheoretisch, wie notgedrungene Ausführungen, die zur Gruppenlegitimation nachgeschoben wurden.

Das gilt für die ersten Erklärungen der RAF nicht, sie sind – wenn auch fehlgehende – Versuche, den Kanon der radikalen Literatur und die Erfahrung der außerparlamentarischen Revolte zu verarbeiten und zu einem Programm zu verdichten, das zu den anderen zirkulierenden Versuchen dieser Zeit, vor allem dem Aufbau kommunistischer Kaderparteien, in Konkurrenz treten sollte. Gegen die Vielzahl von leninistischen K-Gruppen, die sich ab 1969/70 bildeten, schrieb die RAF im April 1971 in »Das Konzept Stadtguerilla«: »Wir bezweifeln, ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Bundesrepublik und Westberlin überhaupt schon möglich ist, eine die Arbeiterklasse vereinigende Strategie zu entwickeln.« Eine solche könne nur in gemeinsamen Kämpfen und Bündnissen hergestellt werden. Sie selbst sah sich als eine »revolutionäre Initiative« und hielt daran fest, dass »ohne die praktische revolutionäre Intervention der Avantgarde« es niemals zu einem derart angestrebten Vereinheitlichungsprozess revolutionärer Kämpfe käme.

Symbolischer Akt

»Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln«, deklarierten die Verfasserinnen und Verfasser. Dieser Weg in die bewaffnete Illegalität sollte vor allem eine andere biographische und politische Entscheidung vieler anderer Genossinnen und Genossen konterkarieren, die unter dem Schlagwort »Marsch durch die Institutionen« bekannt geworden ist. Der APO-Sprecher Rudi Dutschke hatte diesen Slogan ausgegeben, um Mitstreiter aufzufordern, die bestehenden Institutionen subversiv zu unterwandern. Für die Gründer der RAF stand das Ergebnis bereits fest: Die Marschierer würden von den Institutionen geschluckt werden. Insofern ist der Verrat eines linken Lehrers an der RAF-Mitgründerin auch symbolisch.

Der britische Historiker Eric Hobsbawm konstatierte in »Das Zeitalter der Extreme«, dass der Westen in den 1970er Jahren mit der dritten Welt konvergierte, dass hier wie dort im Untergrund operierende Avantegardeorganisationen versprachen, durch Gewaltaktionen kleiner Gruppen die Niederlage der Massen ausgleichen zu können. In seiner Autobiographie spricht er davon, wie lebensweltlich fern ihm, dem eher orthodoxen Kommunisten, jene militanten Kämpferinnen und Kämpfer waren, zu deren aktiven Anhängern in Westdeutschland »höchstens ein paar Dutzend Leute« zählten, »die sich auf die Unterstützung von vermutlich 1.500 Sympathisanten verlassen konnten«. Auf Fritz Rodewald war kein Verlass. Der bewaffnete Kampf in Westdeutschland scheiterte jedoch aus anderen Gründen.

Gerhard Hanloser ist Autor des Buches »Lektüre und Revolte. Der Textkanon der 68er-Fundamentalopposition«, Unrast-Verlag, Münster 2018.

Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 31. Januar 2018 über die Frankfurter Schule und konformistische Rebellion.

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  • Leserbrief von Peter Groß aus Bodenseekreis (22. Juni 2022 um 11:46 Uhr)
    Es wäre einer Recherche wert, den Anteil der RAF-/Bewegung 2. Juni-Mitglieder, bezüglich an Missbrauch und unter Gewalt leidenden »Heimkindern«, die Staat und Institutionen angegriffen hatten, zu hinterfragen. Heute wird von Opfern einer nachkriegsdeutschen Gewaltherrschaft in Kirche und Gesellschaft berichtet, die sehnsüchtig, demütig, geduldig und meist vergeblich auf die Auszahlung von Almosen warten. Für teils jahrzehntelang erlittene Qualen. Man spricht in diesem Zusammenhang oft über Opfer im Westen der Republik, damals BRD und West-Berlin. Andreas Baader war zeitgleich Opfer einer dekadenten Politikerclique und zeitgleich der auf neue 20er Jahre hoffenden Großstadtaristrokaten. Er musste sich in den Kreisen der München-Frankfurter-Schickeria (später West-Berlin) oft genug tief bücken, bevor er zum Racheengel und Täter wurde. Bambule verschwand schnell wieder im »Giftschrank« des WDR, obwohl in dem Film nach meiner Kenntnis nicht einmal der Staat angegriffen wurde, sondern lediglich Mobiliar zu Bruch ging. In Bambule ging es nicht um ein Kinderheim, sondern um eine Zuchtanstalt (Haus Sonnenschein?) für junge Frauen, die für ein Taschengeld zur Arbeit, in einer auf dem Gelände befindlichen Großwäscherei, gezwungen wurden, weil sie dem Gesellschaftsbild der 50er und 60er Jahre nicht entsprachen – also auch »aufgegriffen« wurden, weil sie beispielsweise Capri-, Schlaghosen oder Lippenstift trugen, zu später Stunde auf dem Heimweg vom »Beatschuppen« waren oder das Ergebnis einer Liebschaft oder Vergewaltigung amerikanisch-englisch-französischer Besatzungssoldaten waren. Viele junge Frauen entkamen der Erziehungsanstalt nur, indem sie sich einem »Loverboy« auslieferten, von denen viele über gute Kontakte zur Heimleitung verfügten. Die Heimkampagne wurde später zunehmend zu einer ernsthaften Bedrohung für den sich nun demokratisch, freiheitlich nennenden Unterdrückungsstaat. Im »Erziehungs-, Psychiatrie und Sozialdienst« fand die Heimkampagne später Berücksichtigung.
  • Leserbrief von Cornelia Praetorius (21. Juni 2022 um 12:30 Uhr)
    Gerhard Hanloser hätte auch noch Jutta Ditfurths Buch »Ulrike Meinhof« erwähnen können: Im letzten Kapitel: Tod – Stuttgart-Stammheim, Mai 1975 wird eingehend auf die Umstände ihres Todes eingegangen. Die Behauptung, sie hätte Selbstmord begangen, wird dort widerlegt. Übrigens, auch von Untersuchungsteams aus dem Ausland, die deutliche Hinweise auf einen gewaltsamen Tod gefunden haben – bei ihr und den anderen RAF-Mitgliedern, die in derselben Nacht umkamen. Eine von ihnen – Irmgard Möller – überlebte den Mordanschlag und bezeugte Jahre später, dass es »Fremde« waren, die in der Nacht per Hubschrauber auf dem Gebäude landeten und durch eine Tür direkt neben Ulrike Meinhofs Zelle den Trakt der RAF-Häftlinge betraten.
  • Leserbrief von Jürgen Retzlaff aus Bremen (21. Juni 2022 um 12:28 Uhr)
    Der Autor Gerhard Hanloser irrt, wenn er sich bei Ulrike Meinhof festlegt, dass sie am 09. Mai 1976 Selbstmord beging. Die Internationale Untersuchungskommission zum Tode von Ulrike Meinhof kam seinerzeit zu dem Schluss, dass die offizielle Selbstmordthese sich als äußerst brüchig erwies. Viele Tatsachen sprachen gegen einen Suizid. Nach diesseitiger Meinung war Ulrike Meinhof – bei allen Fehlern, die sie beging – eine hochintelligente Frau, die sich seinerzeit nicht dem allgemeinen Mainstream unterwarf und gegen die USA-hörige deutsche Politik ein Fanal setzen wollte. Die Tragik ist die, dass sie David spielen wollte und Goliath nicht besiegen konnte.
  • Leserbrief von Gerd Weißmann (16. Juni 2022 um 16:39 Uhr)
    1970 erschien von Ulrike Meinhof das Drehbuch für »Bambule, Fürsorge – Sorge für wen?«, eine kritische Untersuchung der Heimerziehung in der BRD, an einem Beispiel eines Berliner Kinderheimes, mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach. Der Film wurde 24 Jahre lang im »Giftschrank« des Südwestfunks gesperrt und nicht veröffentlicht. Erst 1994 war man bereit, Licht in das Dunkel der oft autoritären, menschenverachtenden Heimerziehung zu geben. Aber Ulrike Meinhofs Anklage rüttelte schon in den 70er und 80er Jahren Heimmitarbeiterinnen und Heimmitarbeitern auf. Bereits 1983 mit einer dreitägigen Marktveranstaltung in Hamburg prangerten Jugendliche die Missstände in den Heimen an. Die beiden Senatoren Grolle (für Schule) und Ehlers (für Soziales), beendeten diese Misere und schlossen Kinderheime und Heimschulen in Hamburg endgültig! Die Heimschulen Dibbersen (Hamburger Einrichtung mit vier Heimschulen) und die Heimschule Osdorf waren an dieser Entwicklung beteiligt!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (14. Juni 2022 um 23:16 Uhr)
    Dank an Gerhard Hanloser für diesen Artikel, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Einige Details hatte ich mittlerweile vergessen und andere, die mir im Gedächtnis geblieben sind, fehlen mir jedoch. Mir fehlt bspw. die Hervorhebung der Wechselwirkungen zwischen unserem damaligen Staat, der sich noch weigerte, die Nazizeit aufzuarbeiten, in dem die Seilschaften der alten Nazis wie die eines Reinhard Gehlen im Dienste des US-Geheimdienstes tätig sein durften, und die Rolle der Springer-Presse bei der Eskalation, die die westdeutsche Bevölkerung gegen die zu Recht beunruhigten Studenten aufhetzte, so, dass sich ein junger Mann genötigt fühlte, einem Rudi Dutschke den Kopfschuss zu verpassen … Mich erreichte die Nachricht von der Ermordung Benno Ohnesorgs durch den Polizisten Kurras in Berlin am 2. Juni 1967 in Freiburg, als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, so stand ich damals mit einem Kind an der Hand und einem im Bauch am Rand des Fackelzugs, den die Freiburger Studenten für Benno Ohnesorg veranstalteten … Ich bewunderte die Journalistin Ulrike-Marie Meinhoff, deren Beiträge ich im Radio gehört hatte und deren Kolumnen in der Konkret ich gerne danach noch gelesen habe. Ihren ironischen Satz dazu, »In meiner Badewanne bin ich Kapitän«, fand ich sehr passend. Ich hielt sie für eine engagierte Humanistin, eigentlich hielt ich sie nach allem, was ich von ihr kannte, für eine Pazifistin, und konnte es nicht fassen, als sie durch ihre Teilnahme an der Befreiungsaktion von Andreas Baader in die Illegalität getrieben wurde. Sowie die »Selbstmorde« von Gudrun Ennslin und ihr in Stammheim bis heute umstritten sind. Jahre später las ich, dass der erste Molotow-Cocktail gegen Auslieferungswagen der Springer-Presse von einem V-Mann geworfen wurde, der sich unter die Studenten gemischt hatte. Sein Name war Ulrich (?), leider habe ich seinen Nachnamen vergessen …
    • Leserbrief von Peter Groß aus Bodenseekreis (17. Juni 2022 um 22:31 Uhr)
      Es hilft ein Blick auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Urbach Der Name ist Peter Urbach.

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