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Aus: Ausgabe vom 14.06.2022, Seite 12 / Thema
Sport

Freiburger Schule

Das Buch »Doping für Deutschland« beleuchtet die Dimensionen der besonderen »Sportförderung« in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren
Von Andreas Müller
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»Bist du im Sport ein Stümper, hilft dir Professor Klümper« – BRD-»Chefdoper« Armin Klümper bei der Behandlung des Leichtathleten Lothar Krieg (Freiburg, 15.11.1978)

Die Olympischen Sommerspiele vor 50 Jahren in München waren nicht nur die bislang letzten auf deutschem Boden. Sie waren zugleich die ersten, bei denen Teams der BRD und der DDR mit eigener Flagge und Hymne an den Start gingen. Die sportliche Rivalität zwischen beiden Staaten nahm damit nach der Ära der gemeinsamen Olympiamannschaften eine neue Dimension an, mit gehörigen Konsequenzen im Ringen um Medaillen und sportliches Prestige. In dem jüngst erschienenen Buch »Doping für Deutschland« ist nachzulesen, wie sich die DDR-Delegation im Vorfeld der Spiele dagegen wehrte, dass in München ausgerechnet ein gewisser Armin Klümper die medizinischen Kontrollen der Sportlerinnen und Sportler verantworten sollte. Just jener Sportarzt also, den die Autoren des Buchs als »Topdoper des westdeutschen Spitzensports und Profiteur des Beschweigens von Doping« bezeichnen.

»Der DDR eindeutig überlegen«

»Eigentlich waren wir zu diesen Untersuchungen im Auftrag des IOC (Internationales Olympisches Komitee, jW) gar nicht befugt«, gestand Klümper später ein. Er habe gewusst, dass mit dem Konsum von anabolen Steroiden Kraftentwicklung sowie Muskelzuwachs erleichtert und die Regenerationsfähigkeit verbessert werden konnten. Anabolika waren die Grundlage vieler DDR-Erfolge, was Klümper dann folgerichtig in Empfehlungen für westdeutsche Athleten umsetzte. »Man weiß in der DDR ganz genau«, brüstete sich der BRD-»Chefdoper« im nachhinein, »dass meine Erfahrungen und meine Erkenntnisse, gerade was die medikamentöse Unterstützung der Athleten anbetrifft, nicht nur den Möglichkeiten der DDR gleichwertig sind, sondern eindeutig überlegen.«

Gemeint waren Manipulationen, die, wie die ehemalige Diskuswerferin Brigitte Berendonk berichtet, bereits 1972 während der Münchner Spiele statthatten. Daran beteiligt war auch der Arzt Joseph Keul, »Doyen westdeutscher Sportmedizin und rücksichtsloser Befürworter sportlicher Leistung um jeden Preis«, seines Zeichens Chefarzt bundesdeutscher Olympiateams von 1976 bis zu seinem Tod im Jahr 2000. »Dass Herr Keul wusste, dass auch die Frauen, die Sprinterinnen, männliche Hormone kriegen, das hat er mir selber gesagt«, so Brigitte Berendonk. »Das war die spätere Olympiasiegerin Annegret Richter, der Trainer war Wolfgang Thiele, Annegret Kroniger, das waren die jungen Mädchen, die Frauen der Sprintstaffel« – die vor fünf Jahrzehnten über viermal 100 Meter in Weltrekordzeit die Goldmedaille vor dem DDR-Quartett gewann.

Vermutlich hat es einer international renommierten Kriminalistin aus Italien bedurft, die mit ihren fünf Mitautoren – sämtlich Mitglieder der von Letizia Paoli zwischen 2009 und 2016 geleiteten Kommission zur Evaluierung der Sportmedizin in Freiburg – dem bundesdeutschen Spitzensport auf über 230 Seiten besser spät als nie und gründlich wie unerschrocken auf die Pelle rückt. »Ist es denkbar, dass am Rande des Schwarzwalds über vier Jahrzehnte hinweg eine der größten und ›fortschrittlichsten‹ Dopingzentralen des Leistungssports in Europa verborgen bleiben musste oder konnte? Heute wissen wir, dass Freiburg das wesentliche Zentrum des Dopings in Westdeutschland war.«

Die Studie weist unter anderem nach, dass es »bundesweit systematisches Doping« im Radsport gab. Dabei handelte es sich um ein vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) finanziertes und von Armin Klümper über Jahrzehnte aufgebautes Netzwerk, um »fast alle Radsportkader mit Dopingsubstanzen zu versorgen«. Dirk Clasing als betreuender Arzt für Junioren und Jugendliche im BDR und Gustav Raken, Arzt im Radsportverband NRW, seien als »verlängerter Arm« Klümpers im Einsatz gewesen. Fleißig mitgemischt haben soll auch Georg Huber, der als BDR-Verbandsarzt sogar eigenhändig Dopingmittel verabreichte, wie Robert Lechner, Olympiadritter 1988 im Bahnradsport, zu Protokoll gab. Aus dem Jahr 1975 stammt ein dezidierter Dopingplan Klümpers für Bahnradfahrer für einen Zeitraum von gut einem halben Jahr als Wettkampfvorbereitung.

Als fast logische Fortschreibung des systematischen Dopings im Radsport entpuppten sich seit Anfang der 90er Jahre die Beihilfen für das Team Telekom/T-Mobile, die inzwischen von A wie Uwe Ampler bis Z wie Erik Zabel aufgearbeitet wurden. »Doping für Deutschland« liefert im Nachgang nun bisher weniger Bekanntes über die wirtschaftliche Seite dieses Skandals. Mit der unseligen Kooperation hatte sich die Abteilung Sportmedizin der Freiburger Uni zugleich dringend benötigte »Drittmittel« beschafft, über die rund 60 Prozent der Belegschaft finanziert wurden. Oder anders: Ein Ausstieg vor 2007, als alles aufflog, hätte fast zwei Drittel der Mitarbeiter im Schwarzwald ihren Job gekostet. Nicht nur Radprofis hingen am Tropf.

Zwei Jahre nach den Sommerspielen in München gab es für den DDR-Spitzensport den folgenreichen Beschluss zum »Staatsplanthema 14.25«, der Startschuss für ein flächendeckendes Dopingsystem. Im selben Jahr wurde auch die Abteilung für Sport- und Leistungsmedizin an der Uni Freiburg begründet, an der Spitze Joseph Keul. Armin Klümper wirkte dort ab 1976 als Leiter der ersten »sporttraumatologischen Spezialambulanz«, ehe er 1982 seine eigene Klinik im Freiburger »Mooswald« bekam. Nicht nur untereinander waren diese beiden Institutionen bestens miteinander verzahnt. Gute Kontakte bestanden auch zu Manfred Donike, dem Leiter des Instituts für Biochemie an der Uni Köln. Donike war seit Anfang der 70er Jahre für die Dopingkontrollen der bundesdeutschen Athleten zuständig. Aus einer Aktennotiz Keuls geht hervor, dass er die Dienste des Kölner Labors gern »präventiv« nutzte, damit gedopte Athleten vor Wettkämpfen rechtzeitig sauber dastehen konnten: »Für das weitere Vorgehen wird empfohlen, dass eine unmittelbare Kontrolle der Harnwerte in Köln erfolgt.« Reich war ebenso das Beziehungsgeflecht zwischen der Freiburger Sportmedizin und dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), das gefällige Studien produzierte und öffentliche Mittel beschaffte.

Arbeitsteiliges Vorgehen

Die Arbeitsteilung zwischen den beiden Köpfen Keul und Klümper, die sich als Alphatiere menschlich durchaus nicht grün waren, doch im Interesse möglichst vieler Medaillen fleißig gemeinsam am bundesdeutschen Dopingstrang zogen, schildert der mehrfache Diskuswurfmeister Alwin Wagner wie folgt: »Das war so. Ich hatte ein- oder zweimal im Jahr eine sportmedizinische Untersuchung in Freiburg. Da wurden wir zunächst auf orthopädischem Sektor von Prof. Klümper untersucht. Anschließend fuhren wir zu Prof. Keul, der für die internistische Seite zuständig war. Unter anderem wurde da auch der Leberwert festgestellt. Ich weiß nicht, was man dabei erkennen kann. Auf jeden Fall hat Prof. Keul uns immer gefragt, wieviel nimmst du jetzt, oder wieviel nehmt ihr jetzt? Es war ja immer der ganze Kader im Diskuswerfen da. Da hieß es dann, du kannst auf jeden Fall noch ein oder zwei Tabletten mehr davon nehmen.«

Keul habe Wagner zufolge genau gewusst, was die Athleten schluckten. »Natürlich wusste er es, genau wie Bundestrainer Karlheinz Steinmetz, weil Professor Klümper einen Brief geschrieben hatte, in dem zu lesen war, was ich von ihm verordnet bekam.« Diese Arbeitsteilung dauerte nach Einschätzung der Autoren »wahrscheinlich bis 1984, als der von Klümper verursachte Skandal um die Anabolikabehandlung des Bahnradfahrers Gerhard Strittmatter zu einem Bruch in der Zusammenarbeit zwischen Keul und Klümper führte«.

Joseph Keul kann den Autoren zufolge zwar nur in wenigen Fällen die aktive Beteiligung am Dopen nachgewiesen werden, doch habe er erheblich zur Legitimierung des Gebrauchs und der Vergabe von Dopingmitteln und anderer Pharmazeutika zum Zwecke der Leistungssteigerung im westdeutschen und nach 1989 im gesamtdeutschen Sport beigetragen. Nach Angaben früherer Mitarbeiter seien die Werte der untersuchten Athleten, insbesondere deren Leberwerte, über Jahre hinweg an die Sportvereine der Athleten und an den Bundesausschuss Leistungssport beim Deutschen Sportbund (DSB) weitergeleitet worden. Eine Praxis, die später geändert wurde, »damit die Verbände und der DSB keinen Wind von eventuellen Gesundheitsschäden bekamen«.

»Lassen Sie sich nicht erwischen!«

Dennoch behauptete Keul weiterhin, Anabolika seien nicht gesundheitsschädigend, und warb Ende 1976 beim Leichtathletikweltverband IAAF dafür, das Anabolikaverbot von 1970 wieder zurückzunehmen. Warum wohl? In der Diskussion darum wurde »speziell von Vertretern der BRD (…) die Forderung erhoben, Anabolika aus der Dopingliste zu streichen, und (sie) legten in diesem Zusammenhang Materialien von Prof. Dr. Keul vor, nach welchen die Anwendung anaboler Steroide nicht gesundheitsschädigend ist«, so Manfred Höppner, Vizechef des Sportmedizinischen Dienstes (SMD) des DDR-Spitzensports – der im Jahr 2000 wie auch DDR-Sportchef Manfred Ewald wegen Beihilfe zur Körperverletzung in zwanzig Fällen rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Ähnliches blieb den ins »Dopingsystem West« verstrickten Medizinern und Sportpolitikern bisher erspart. Keuls Standardsatz lautete: »Lassen Sie sich nicht erwischen!« Noch 1988 engagierte er sich als vehementer Gegner von Trainingskontrollen und versuchte – vergeblich – für die Legalisierung von Testosteron im westdeutschen Spitzensport zu werben. Noch 1992 behauptete er wider besseres Wissen: »Mir ist kein Athlet bekannt, der einen Leberschaden aufgrund von Anabolika hat.«

Klümper machte die »schmutzige Arbeit« für die westdeutschen Sportverbände. »Mit seinen unverantwortbaren Medikamentencocktails, unbestreitbarer diagnostischer Intuition und der engagierten Betreuung seiner Patienten ohne Rücksicht auf mögliche gesundheitliche Spätfolgen brachte er viele Athleten zum sportlichen Erfolg«, so das Urteil des Forscherteams. Er habe die Erwartungen von organisiertem Sport, Öffentlichkeit und vielen Athleten nach möglichst vielen Medaillen »bestens erfüllt«. So seien über zwei Jahrzehnte hinweg fast 90 Prozent der Leichtathletiknationalmannschaft Klümpers Patienten gewesen. Weder der Staat noch die Verbände hätten sein »Dopinghandeln« gebremst. »Zumindest manche Verbände förderten und forderten es sogar. Fast alle Entscheidungsträger in Sport und Politik beschwiegen es, die Mauer des Schweigens war und ist stabil.«

Seine Aufgabe habe der im Juni 2019 in Südafrika verstorbene Sportmediziner so verstanden, dass er Sportler davor bewahren müsse, sich unkontrolliert und in beliebiger Weise zu dopen. Dies sei schließlich »viel zu riskant«. Es ist dies eine Argumentation, die sich auffällig mit Rechtfertigungsversuchen von Akteuren des Dopingsystems »nach Staatsplan« in der DDR deckt. Das große Zauberwort lautet Therapiefreiheit, die es Klümper erlaubte, jenseits ärztlicher Ethik gesunden Athleten unerlaubte Mittel zur Leistungssteigerung zu besorgen. Wobei er stets darauf hinwies, die Präparate zum Schutz der Leber nicht zu vergessen.

Anabolika habe Klümper den Autoren der Studie zufolge noch in den 90er Jahren verschrieben, obwohl sie seit 1977 offiziell verboten waren. »Bist du im Sport ein Stümper, hilft dir Professor Klümper«, galt im westdeutschen Leistungssport als geflügeltes Wort. Die Studie attestiert dem Mann einen großzügigen Gebrauch von Rezepten und einen schwunghaften Handel mit Medikamenten über ein Netz von Apotheken inklusive dubioser Abrechnungsverfahren. So habe Klümper in den 1980er Jahren laut LKA-Ermittlungen die Krankenkassen um insgesamt 3,5 Millionen D-Mark geprellt. Dafür wurde er 1989 zu einer Geldstrafe von 160.000 D-Mark verurteilt. Wegen seiner eigentlichen Vergehen als Mediziner ist er indes nie belangt worden, dafür sorgte ein Schutzschirm mächtiger Freunde aus Politik und Sport.

»Klümper-Cocktail«

Zu Klümpers Wirken zählen auch unterschriebene Blankorezepte, »so dass Athleten jeweils einfach selbst die ›benötigten‹ Medikamente eintragen und den Rezeptkopf ausfüllen konnten«. Klümper verfuhr bei der Vergabe äußerst freihändig, wie etwa die Angestelltenkrankenkasse anlässlich der Bestellung von 3.600 Ampullen im Jahr 1984 bemängelte. Und er begnügte sich nicht unbedingt mit den von den Herstellern empfohlenen Dosierungen. Medikamentenmischungen, sprich seinen »Klümper-Cocktail«, habe er besonders gern verabreicht. Bei der Siebenkämpferin Birgit Dressel, einer seiner Patientinnen, die im April 1987 verstarb, konnte nachgewiesen werden, dass sie in den letzten Monaten ihres Lebens über 100 Medikamente verwendet und rund 400 Injektionen erhalten hatte.

Mitunter erfolgte die Vergabe auch hinter dem Rücken der Sportlerinnen. Die Hürdenläuferin Birgit Hamann-Wolf hatte 1997 öffentlich gemacht, dass sie zwischen 1994 und 1996 ohne ihr Wissen fünfmal das Wachstumshormon Genotropin von Klümper injiziert bekam, das bei Dopingkontrollen damals nicht nachweisbar war. Klümper hatte es mit Mitteln aus dem für Spitzensport verantwortlichen Bundesministerium des Innern (BMI) beschafft. Der Vorgang kam zur Anzeige, aber das Verfahren wurde von der zuständigen Staatsanwaltschaft eingestellt.

Mit dem »K-und-K-System« waren ab Mitte der 70er die organisatorischen und personellen Voraussetzungen für Manipulationen großen Stils geschaffen. Erste umfängliche »Arbeitsnachweise« aus Freiburg hatte es bei den Sommerspielen 1976 in Montreal gegeben. Die Manipulationen waren so auffällig, dass im Nachgang der Spiele im November 1976 eine spezielle Kommission zur »Aufklärung von Vorfällen« einberufen wurde. »Die Kinder und jugendlichen Sportler wurden in Montreal weder über die Risiken aufgeklärt, noch wurden deren Eltern informiert. Kinder wurden zum Teil in einen Gewissenskonflikt mit ihren Eltern gebracht, da es ihnen verboten war, über ihre medikamentöse Behandlung mit ihren Eltern zu sprechen«, berichtete ein Zeuge dieser Kommission und sprach von »moralisch-ethischen Problemen, wenn Verlobte, Eltern und – wie in Montreal geschehen – auch Trainer hintergangen werden, von einer medikamentösen Behandlung nichts wussten bzw. nichts wissen durften.«

In ihrem Buch stellen die Autoren klar: »Die Freiburger Sportmediziner wurden spätestens seit den Olympischen Sommerspielen 1976 in Montreal auch öffentlich mit Doping in Verbindung gebracht. Sie bekannten sich in der Anfangsphase auch noch ganz offen dazu, Athleten mit Anabolika zu versorgen und ihre Wirkung wissenschaftlich zu erforschen. Diese Offenheit kam in der Bevölkerung nicht gut an. Als die Verbände des Sports 1977 feierlich erklärten, dass Doping generell abzulehnen sei, machten die Freiburger Ärzte einfach weiter. Allerdings sprachen sie nicht mehr öffentlich darüber. Staatlichen Ermittlern fiel das natürlich auf. Aber sie gingen nur äußerst zögerlich gegen dopende Spitzensportmediziner vor. Sobald sie es dennoch versuchten, sahen sie sich mit erheblichen Widerständen konfrontiert. Ein Fahnder des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg zum Beispiel versuchte in den 1990er Jahren gegen Klümper auch wegen dessen Dopingpraktiken zu ermitteln. Dies wurde ihm von höherer Stelle verboten. Unbekannte entwendeten zudem eine Notiz aus der besonders geschlossenen Asservatenkammer des LKA. Klümper wurde geschützt – von seinen prominenten Patienten, aber auch von staatlicher Seite.«

»Mauer des Schweigens«

Die »Mauer des Schweigens« existiert bis in die Gegenwart hinein. Was in »Doping für Deutschland« mit Hinweis auf den Gegenstand der Untersuchung sowie die Aktenlage und Quellen ausgeführt wird, spottet den Normen eines funktionierenden demokratischen Rechtsstaats. Nicht genug, dass Letizia Paoli und ihre Mitstreiter über Monate hinweg darum ringen mussten, die Mooswaldklinik mit in den Fokus nehmen und Zeitzeugen befragen zu dürfen. Gezielt und vorsätzlich wurde vor Ort nahezu alles unternommen, um der »Evaluierungskommission« den Zugang zu Aktenbeständen, Ordnern und anderen Materialien zu erschweren. So fanden sich in den Privaträumen der Freiburger Universitätsjustitiarin Ursula Seelhorst – angeblich versehentlich – kistenweise Unterlagen. Im Kapitel »Widerstände und Verantwortung« wird ausführlich dargelegt, wie vielfältig die Versuche gewesen sind, den Forschern wichtiges Material vorzuenthalten. So kamen ganz zufällig ausgerechnet jene Ordner mit der Aufschrift »Doping« aus dem Privatbesitz von Friedrich Stober, dem Mitbegründer des Badischen Sportbunds, bei der Überführung ins Landesarchiv Baden-Württemberg abhanden. Auch die Ausführungen zur Quellenkunde spiegeln eindrucksvoll das Beziehungsgeflecht in Sachen Doping zwischen Athleten, Ärzten, Universität Freiburg, organisiertem Sport sowie Bundes-, baden-württembergischer Landes- und Kommunalpolitik wider.

Damit illustriert das Buch eindrucksvoll den Unwillen auf allen Ebenen, sich wenigstens nachträglich mit dem Dopingsystem der Bundesrepublik auseinanderzusetzen. Wegen der stark beschnittenen Quellen kann das vorliegende Aufklärungswerk daher nur als Fragment daherkommen. Mehr und tiefere Einblicke seien nicht möglich gewesen, beklagen die Forscher. Die Angst vor allem vor einer Rufschädigung für die Universität, für die Uniklinik mit ihren insgesamt rund 11. 000 Beschäftigten sowie für die ganze Stadt habe letztlich die gründliche und vollständige Aufarbeitung verhindert. »Unklar ist bis heute das ganze Ausmaß dessen, was in Freiburg geschah«, lautet das ernüchternde Fazit. Die Aufklärung sei am Ende »auf halbem Wege steckengeblieben«.

Wie die Kommission in Freiburg behindert wurde, weckt Erinnerungen an das Forschungsprojekt zur deutsch-deutschen Dopinggeschichte, das vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) initiiert worden war und an dem zwischen 2009 und 2012 zwei Forscherteams aus Berlin und Münster arbeiteten. Antidopingexperte und Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette hatte nach kritischer Prüfung der Ausschreibung festgestellt: »Mir ist kein sportpolitisches Projekt bekannt, das mit vergleichbar hohen juristischen Hürden umstellt wurde.« Offensichtlich gebe es große Ängste im organisierten Sport, »dass Erkenntnisse publiziert werden könnten, die aus Sicht der Auftraggeber besser im Verborgenen bleiben sollten«.

Armutszeugnis

Für eine wissenschaftliche »Alibiveranstaltung« indes wollten sich Letizia Paoli und ihre Kommission nicht hergeben und machten nun ihre Erkenntnisse öffentlich. Ihr Generalvorwurf lautet: Es gibt an der Universität, im Land, im Bund und im organisierten Sport immer noch Mitwisser und Mittäter, die bis heute schweigen. »Der bundesdeutsche Spitzensport war mit seinen Medaillenhoffnungen offensichtlich zu sehr von der ›Kompetenz‹ Freiburgs abhängig, hatte viel zu verschweigen und glänzte im Wegsehen.« Mit Wolfgang Stockhausen habe gerade mal ein einziger der ehemaligen Mitarbeiter der Freiburger Sportmedizin »vorbehaltlos ausgesagt«. »Alle anderen deutschen und ausländischen Spitzensportmediziner, die in der ›Freiburger Schule‹ groß wurden und zum Teil bis heute weltweit im Sport tätig sind, verhalten sich ruhig. Sie müssen schweigen.« Wer auspacken würde, hätte »vermutlich im organisierten Sport keine Zukunft mehr«. Es gebe hierzulande, so das vernichtende Urteil der Autoren, bis heute keine einzige Forschungseinrichtung, die sich ausdrücklich und gezielt mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Dopings in Deutschland beschäftigt. »Dies ist ein Armutszeugnis für eine Nation, die sich zu den führenden Sportnationen der Welt zählt.«

Seit 1990 wurde hierzulande Doping zuallermeist mit dem DDR-Sport in Verbindung gebracht. Dieser einseitigen Betrachtung setzen die Autoren nun ein Werk entgegen, das etwa für die »Dopingredaktion« der ARD zuhauf Vorlagen für weitergehende Recherchen enthält. Anekdoten wie die über Jürgen Hingsen inklusive. Der Zehnkämpfer und Mitfavorit bei den Sommerspielen 1988 gilt bis heute als Pechvogel, weil er nach drei Fehlstarts in Seoul in der ersten Disziplin ausscheiden musste. Nach der Lektüre von »Doping in Deutschland« ist klar: Der Klümper-Schützling hatte seine Disqualifikation im 100-Meter-Lauf absichtlich provoziert, um der Dopingkontrolle zu entgehen.

Letizia Paoli, Hans Hoppeler, Hellmut Mahler, Perikles Simon, Fritz Sörgel, Gerhard Treutlein: Doping für Deutschland. Die »Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin«: Geschichte, Ergebnisse und sportpolitische Forderungen. Transcript-Verlag, Bielefeld 2022, 260 S., 35 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (14. Juni 2022 um 11:58 Uhr)
    Das Geheule um das Doping im DDR-Sport war riesengroß. Und ist es noch heute, wenn es um Sportler aus Russland geht. Auch hier beweist sich die alte Weisheit: Wer so auffällig auf andere zeigt, hat mindestens genauso viel Dreck am Stecken. Dem Buch ist eine große Leserschaft zu wünschen. Schon deshalb, weil das Saubermannkonzept von damals in der heutigen Politik wiederum so eine auffällige Rolle spielt.

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