Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 13.06.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Marxistische Debatte

Reale Vergesellschaftung

Analyse mit Vorzügen: Jürgen Leibiger über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Eigentums
Von Klaus Müller
imago0083254662h.jpg
Versperrt den Weg in eine bessere Gesellschaft: Privateigentum

Eigentum – ein heißes Eisen. Linke, heißt es, werden alles enteignen. Die Furcht, ihren Besitz zu verlieren, macht viele Menschen empfänglich für den Antikommunismus und ist ein Grund, dass sie eine sozialistisch-kommunistische Gesellschaft ablehnen. Jürgen Leibiger führt Vorwurf und Angst ad absurdum. Eigentum werde es immer geben, so der Autor. Eigentum sei nicht gleich Privat- oder individuelles Eigentum, auch nicht das Recht an einer Sache, sondern »ein gesellschaftliches Verhältnis von Individuen oder Gruppen von Individuen zueinander bezüglich dieser Sache«.

Der Autor schlägt einen großen Bogen: vom Begrifflichen über Geschichtliches und Gegenwärtiges zu Künftigem. Sein Ausgangspunkt: Eigentum ist zentral für Debatten über den Kapitalismus, den Sozialismus und postindustrielle Gesellschaften. Es berührt die Rechte der einzelnen, der Unternehmer, des Staates und ist bedeutsam für den Erhalt der natürlichen Umwelt, für die Kontrolle negativer Effekte neuer Technologien und für die Gewährleistung der Demokratie.

Leibiger bezieht sich durchgängig auf Marx und zeigt, wie die Metamorphosen des Eigentums von Beginn an bis zur neuesten industriellen Revolution kausal verknüpft sind mit der Entwicklung der Produktivkräfte. Es setzten sich die Eigentumsverhältnisse durch, die eine höhere Produktivität ermöglichten. Grundtendenz dabei sei die zunehmende Vergesellschaftung der Produktion. Darunter versteht Leibiger, »dass die weitgehende Eigentumslosigkeit der meisten Arbeitenden bezüglich der Produktionsmittel überwunden wird«, dass sie Eigentum werden derjenigen, »die Verfügungs- und Aneignungsmacht tatsächlich selbst ausüben, nicht als isolierte Individuen (wie kleine Warenproduzenten), sondern in ihrer Gesamtheit, als assoziierte Produzenten, in einer lebendigen Einheit von Individuum und Gesellschaft«. Die reale Vergesellschaftung schließe »die Überwindung einzelwirtschaftlicher Rationalität als einem Gegensatz zur gesamtwirtschaftlichen Rationalität ein«.

Das Buch bietet mehr als eine Geschichte des Eigentums. Es enthält eine große gesellschaftlich-historische Analyse: die Geschichte der Menschheit aus einer wesentlichen Perspektive – der Organisation ihrer Auseinandersetzung mit der Natur. Der Autor versteht sein Werk als eine Politische Ökonomie des Eigentums. Es hilft, die gegenwärtigen kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zu verstehen, die durch Anonymisierung, Verschachtelungen und Vernetzungen schwer zu durchschauen sind. Die Natur wird der kapitalistischen Aneignung und den Gesetzen des kapitalistischen Eigentums unterworfen, mit allen damit verbundenen zerstörerischen Wirkungen.

Leibiger begründet, wie Nichtakzeptables geändert werden kann. Einige Sätze der marxistischen Orthodoxie verwirft er. Weder folge der Kapitalismus zwingend den feudalen Verhältnissen, noch gebe es eine gesetzmäßige Transformation zu sozialistischem Eigentum oder gar einen automatischen Zusammenbruch kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Er fragt: Warum konnte sich entgegen den Aussagen von Marx in den kapitalistischen Ländern ein breiter Mittelstand entwickeln? Welche Veränderungen gehen in der Arbeiterklasse vor sich? War das Volkseigentum in den »realsozialistischen« Ländern tatsächlich Eigentum des Volkes? Zu den Ursachen, an denen das sozialistische Experiment gescheitert sei, gehöre die ausgebliebene reale Vergesellschaftung und fehlendes Eigentümerbewusstsein. Vor allem aber habe man ignoriert, »dass der Vielfalt von unterschiedlichen Produktivkräften und Betriebsweisen in den verschiedenen Wirtschaftsbranchen auch eine Vielfalt an Eigentumsverhältnissen entsprechen muss. Privatkapitalistisches Eigentum schließt eben nicht nur Ausbeutung ein, es entfesselt aufgrund des Konkurrenzdrucks auch erhebliche Triebkräfte für Kreativität und Innovationen«.

Die Auffassung, dass der Sozialismus in erster Linie daran gescheitert sei, dass er zuwenig Kapitalismus zugelassen habe, verblüfft an dieser Stelle, ist aber keineswegs so abwegig, wie sie anmutet, falls es stimmen sollte, dass der Sozialismus nur auf höchstentwickelten Produktivkräften errichtet werden kann. Vielleicht ist China gerade auf diesem Weg. Leibiger bezweifelt jedoch die Tragfähigkeit des chinesischen Modells.

Seine umfassende Analyse des Eigentums besitzt viele Vorzüge. Er begründet, wie das kapitalistische Eigentum an Produktionsmitteln und die mit ihm verbundene Profitorientierung durch vielfältige gemeinwirtschaftliche und sozial-ökologische Formen zurückgedrängt werden können. Der Autor präsentiert in einer Eigentumsmatrix die künftige Vielfalt der Eigentumsformen. Keine beliebige Pluralität, vielmehr ist die Richtung klar: Ausbau und Demokratisierung des öffentlichen Eigentums, die Korrektur der Einkommens- und Vermögenskonzentration, mehr Mitbestimmung und Streuung der Anteilsrechte (ohne der Mär eines »Volkskapitalismus« zu erliegen), regulierende Eingriffe in das Privateigentum an Produktionsmitteln, die Beseitigung der Monopolmacht, die Förderung des Gemeineigentums und des Gemeinwohls.

Dazu gehörten auch kollektive und solidarische Wirtschaftsformen, die wie die Commons (vielleicht heute schon) über den Kapitalismus hinaus weisen, wobei es aber Illusion sei, eine Abschaffung der Märkte und des Geldes in absehbarer Zeit zu erwarten. Die beiden übergreifenden Ziele – Emanzipation und humanistische Rationalität – sind, so Leibiger, am wirksamsten erreichbar mittels gesamtgesellschaftlichen Gemeineigentums, auch wenn dafür der praktische Beweis noch ausstehe. Ein lesenswertes Buch, uneingeschränkt allen zu empfehlen, die sich für eines der zentralen Probleme der Menschheit interessieren.

Jürgen Leibiger: Eigentum im 21. Jahrhundert. Metamorphosen, Transformationen, Revolutionen. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2022, 381 Seiten, 38 Euro

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

  • Leserbrief von hto aus Gemeinschaftseigentum (13. Juni 2022 um 09:55 Uhr)
    Ja, Eigentum wird immer Anreiz bleiben, bis …, allerdings nur befreit von erpresserischer Manipulation auf Lebenszeit des Besitzenden, denn es geht im Sozialismus/Kommunismus vorrangig um die Verhinderung von Ungerechtigkeit und Dummheit durch privatwirtschaftlich-unternehmerische Abwägungen von/zu »Wer soll das bezahlen?« und Arbeit, die geradezu unendlich teilbar ist, ohne das irgendwelche Verlustängste oder sonstige blöde Gedanken aufkommen können. Und eines Tages wird Mensch dann auch die reine Vernunft verstehen und ohne Anreiz und Ehrgeiz zu materialistischen Werten umsetzen, um der reinen Menschlichkeit willen.

Mehr aus: Politisches Buch

Startseite Probeabo