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Aus: Ausgabe vom 13.06.2022, Seite 5 / Inland
Brachflächen und Getreideanbau

Fruchtbarer Krieg

Agrarbusiness will Ukraine-Krise nutzen. Kurz vor dem Bauerntag stellt größter Landwirtschaftsverband Forderungen auf
Von Sebastian Edinger
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Brachflächen für den Lebensmittelanbau: Einsatz von Pestizid- und Düngemitteln kein Problem

Im Vorfeld des am Dienstag beginnenden Bauerntags präsentierte der mächtige Deutsche Bauernverband (DBV) eine Reihe politischer Forderungen. Der Krieg in der Ukraine und dessen Auswirkungen auf die Preisdynamik bei Rohstoffen und Lebensmitteln sollen zur Durchsetzung eigener Interessen genutzt werden – etwa indem Maßnahmen des Klimaschutzes zurückgefahren werden, um Produktion und Profit zu erhöhen.

So will der DBV mit Verweis auf die rückläufigen Getreideexporte der Ukrai­ne Brachflächen zum Lebensmittelanbau nutzen. Die EU hatte dafür jüngst grünes Licht gegeben und auch den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln auf diesen Böden ermöglicht. Seitens der Bundesregierung gab es jedoch erst mal eine Absage. Die »Transformation hin zu nachhaltigeren Agrarsystemen« müsse weiter vorangebracht werden, so Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) Anfang April beim EU-Agrar- und Fischereirat in Luxemburg. Man müsse weiter in »Biodiversität und Klimaschutz investieren, um die Grundlagen der Landwirtschaft zu sichern«. Tatsächlich erfüllen die Brachflächen eine wichtige Funktion zum Erhalt der Artenvielfalt. Dort gedeihen viele Pflanzen, für Tiere sind sie Nahrungsquelle und dienen etwa als Brut- und Nistplätze.

Mehr Zustimmung für den EU-Ansatz kommt aus der Opposition – die Union ist dafür – und aus den Ländern, wo auch viele Regierungen mit SPD-Beteiligung die Brachflächen gerne zum Getreideanbau nutzen wollen. Dabei wäre der Effekt der Umnutzung ohnehin überschaubar, wie selbst DBV-Präsident Joachim Rukwied eingesteht: »Wir könnten vielleicht 1,4 Millionen Tonnen Getreide zusätzlich erzeugen«, sagt er am Wochenende der dpa. Aber wenn andere in der EU das gleiche tun würden, hätte das »schon eine Wirkung«. Zuletzt lag die jährliche Produktion der deutschen Agrarwirtschaft bei gut 43 Millionen Tonnen. Rukwied will eine Entscheidung der Politik bis Juli. Das sei nötig, »um entsprechend planen zu können.«

Klimastandards schleifen wollen viele Agrarkonzerne auch bei der Futtermittelqualität. Futter ohne Gentechnik sei aufgrund der wegbrechenden Einfuhren aus der Ukraine bald nicht mehr verfügbar, warnten sie zuletzt regelmäßig. Widerspruch kommt etwa von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und dem Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG): Laut den aktuellen Ernteprognosen des Raiffeisenverbands, der AMI-Akademie und der EU »dürfte die diesjährige Rapsernte in Deutschland ca. 3,8 bis vier Millionen Tonnen betragen, also 0,3 bis 0,5 Millionen Tonnen mehr als 2020. Schon damit wären mögliche Rückgänge beim Import aus der Ukraine rechnerisch kompensiert«, so VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting Mitte Mai in einer Pressemitteilung. Der Anteil der Importe aus der Ukraine betrage lediglich zehn Prozent der Gesamtmenge an Rapssaat, die in Deutschland verarbeitet wird.

Ebenfalls auf der Forderungsliste der im DBV organisierten Konzerne stehen eine Priorisierung der Landwirtschaft bei der Erdgasversorgung und der Aufbau einer Düngemittelreserve. Schließlich wird das Gas aufgrund der immer schärferen Sanktionen gegen Russland immer teurer. Stickstoff sei jedoch der wichtigste Nährstoff für die Pflanzen, und wenn nicht genügend Erdgas für die Düngemittelherstellung verfügbar sei, »brechen die Erträge im Extremfall von einem auf das andere Jahr massiv ein«, warnte Rukwied. Die Ernährungssicherheit sei in Gefahr, deshalb müsse der Sektor in Zeiten der Knappheit zuerst versorgt werden.

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