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Aus: Ausgabe vom 07.06.2022, Seite 2 / Ausland
Krieg in der Ukraine

»Es wurde eine Donbass-Phobie geschürt«

Donezk unter Feuer: Es verdichten sich die Beweise, dass die ukrainische Armee mit NATO-Waffen Kriegsverbrechen begeht. Ein Gespräch mit Katja Andrejewa
Von Susann Witt-Stahl
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Kommt auch gegen Zivilbevölkerung zum Einsatz: Raketenwerfer der ukrainischen Armee (Kherson, 19.1.2022)

Die USA, Deutschland und andere westliche Verbündete liefern immer mehr schwere Waffen an die Ukraine. Welche Auswirkungen hat das für die Bewohner von Donezk?

Uns war von vornherein klar, dass die NATO-Waffen gegen die Zivilbevölkerung in unserer Republik eingesetzt werden würden. Mittlerweile geschieht das jeden Tag. Früher gab es weitgehend sichere Orte in der Stadt, aber jetzt feuert die ukrainische Artillerie mit US-amerikanischen M777-Haubitzen in das Zentrum. Am 30. Mai ist eine Schule völlig zerstört worden. Viele Lehrer, die von dort aus Fernunterricht geben, wurden verwundet, zwei weibliche Angestellte getötet; insgesamt kamen sechs Menschen ums Leben, 20 wurden verletzt. Unser Leben ist viel unsicherer geworden. Am Sonnabend wurden Wohnhäuser, Schulen und ein Kindergarten mit »Grad«-Raketen beschossen. Die Angriffe haben sich aber schon seit dem 17. Februar verschärft. Besonders gefährdet sind die Bewohner der Frontbezirke. Einige wurden evakuiert, aber es sind auch viele zurückgeblieben, vor allem alte Menschen.

Inwieweit ist die Infrastruktur betroffen?

Das größte Problem ist die Wasserversorgung. Eine Leitung ist durch den Beschuss der ukrainischen Armee beschädigt worden. Die Bewohner vieler Teile der Stadt haben seit Februar kein Wasser mehr zu Hause und sind gezwungen, es bei zentralen Versorgungsstellen zu holen. Besonders schlimm ist diese Situation für Frauen, Familien mit Kindern, Behinderte und ältere Menschen.

Ein Krankenhaus im Bezirk Petrowski wurde beschossen. Bewohner berichten, dass die Artillerieattacken auf die Stadt besonders heftig zu Tageszeiten seien, in denen sich viele Menschen auf der Straße aufhalten. Ist die ukrainische Kriegführung im Donbass rücksichtsloser geworden?

Meinem Eindruck nach ist das ukrainische Militär schon seit Beginn des Krieges vor acht Jahren skrupellos gegen die Zivilbevölkerung vorgegangen. Ein Beispiel dafür ist der Luftangriff auf die Regionalverwaltung von Lugansk am 2. Juni 2014, bei dem acht Zivilisten getötet und Dutzende verletzt worden waren. Die schweren Waffen der NATO sind nur zusätzliche Mittel zum Zweck dieser Kriegführung. Die Haltung gegenüber unserer Bevölkerung ist dieselbe geblieben.

Sie wird als »Orks« und »Kolorady« (Kartoffelkäfer) entmenschlicht. Aber wie rechtfertigt die ukrainische Propaganda die militärischen Angriffe auf Zivilisten?

Sie hat von Anfang an behauptet, dass Kriegsverbrechen nur von den Rebellen begangen werden. Wenn man in einem Informationsraum lebt, in dem diese Lüge permanent verbreitet wird, ist es schwer, sich ihr zu entziehen. Schon in den Jahren vor dem »Euromaidan«-Putsch wurde in der Ukraine eine Donbass-Phobie geschürt – ein Chauvinismus, der auf Antikommunismus und Hass auf die Arbeiterklasse basiert. Der Donbass ist eine multikulturelle Region mit einer entwickelten Industrie, deren Bevölkerung prosowjetisch eingestellt ist. Das ist den Rechten ein Dorn im Auge. Kiew hat eine Hetze gefördert, die 2014 dazu beitrug, die »Antiterroroperation« im Donbass und auch die ukrainischen Kriegsverbrechen zu rechtfertigen, als diese nicht mehr verschleiert werden konnten. Leider hat sich diese Ideologie inzwischen unter den Ukrainern durchgesetzt. Auch russische Liberale greifen die gängige Erzählung – »die Separatisten beschießen ihre eigenen Städte« – auf. Es herrscht so etwas wie ein Donbass-Trauma. Viele Menschen hier wollen nicht mehr mit ihren ukrainischen Verwandten und Freunden über den Krieg reden, weil ohnehin niemand die Wahrheit hören will – das habe ich selbst oft zu spüren bekommen. Deshalb ist es um so wichtiger, sie immer wieder in die Öffentlichkeit zu tragen.

Was antworten Sie den westlichen liberalen Linken, die mehr Waffen für die Ukraine fordern?

Sie müssen realisieren, dass diese Waffen gegen Zivilisten eingesetzt werden. Eine wahre Antikriegsposition darf die Tatsache, dass die ukrainische Armee und nationalistische Bataillone die Menschen im Donbass seit acht Jahren terrorisieren, nicht ignorieren.

Katja Andrejewa ist Sprecherin des marxistischen Vereins für Frauenkultur und -bildung »Aurora« in Donezk

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  • Leserbrief von Heino F. aus Schwedt ( 7. Juni 2022 um 11:50 Uhr)
    Was nun? Waffen gegen die Zivilisation im Donbass? Die ukrainische Armee und Nationalisten schießen seit länger als acht Jahren auf Dörfer und Städte, wie können die USA, die NATO und EU trotzdem Waffen liefern!? Hier stellt sich die Frage: Zivilisten sind keine Feinde und doch die Waffen schweigen nicht!? Die Regierungen der unfreundlichen Staaten dürfen keine Waffen mehr schicken, sie haben sonst Mitschuld an Verbrechen gegen die Zivilisten des Donbasses und der Frieden ist weit entfernt. Die Republiken werden nicht mit Gewalt zur Ukraine zurückfinden.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg ( 7. Juni 2022 um 10:40 Uhr)
    Vielen Dank auch für dieses Interview: »Was antworten Sie den westlichen liberalen Linken, die mehr Waffen für die Ukraine fordern? Sie müssen realisieren, dass diese Waffen gegen Zivilisten eingesetzt werden. Eine wahre Antikriegsposition darf die Tatsache, dass die ukrainische Armee und nationalistische Bataillone die Menschen im Donbass seit acht Jahren terrorisieren, nicht ignorieren.«
    • Leserbrief von Lis Kern aus Berlin ( 7. Juni 2022 um 12:39 Uhr)
      Leider gibt es in der westlichen Welt kaum hörbare Antikriegspositionen und die deutschen »Grünen«, die mal vor Urzeiten eine Antikriegspartei war, ist nun eine faschistische Kriegspartei und selbst bestimmte Parteilinke tuten in dieses Horn.
  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt ( 7. Juni 2022 um 09:45 Uhr)
    Betrifft: »Es verdichten sich die Beweise, dass die ukrainische Armee mit NATO-Waffen Kriegsverbrechen begeht.« Leider ist die Äußerung von Katja Andrejewa nicht konkreter, ebenso wie W. Putin, wenn er sich zum Thema äußert. Stets bleibt es bei diesem zitierten Satz. Wie sagte schon W. I. Lenin: »Die Wahrheit ist immer konkret!« Ich entsinne mich noch, wie konkret die jW seinerzeit über die Kriegsverbrechen der US-Truppen in Vietnam berichtete! Wie wäre es, wenn die jW, ebenso wie damals, vorangeht und über konkret begangene Kriegsverbrechen in Text und Bild berichtet?
  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren ( 6. Juni 2022 um 20:08 Uhr)
    Die Äußerung, man werde mit den neuen US-Raketenwerfern Russland nicht angreifen, ist schon jetzt wertlos. Siehe Tagesschau.de vom 03.06.2022: »Selenskij-Berater: Greifen Russland mit US-Raketenwerfern nicht an« (https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-ukraine-freitag-137.html#Selenskyj-Berater-Greifen-Russland-mit-US-Raketenwerfern-nicht-an). Was nützt es, wenn von der ukrainischen Regierung solch hohle Zusagen gemacht werden? Man muss nur in den Donbass schauen, wo die russischsprachige Zivilbevölkerung in den Städten, mit US-amerikanischen Langstreckenhaubitzen (M777) beschossen wird. Der gezielte Beschuss friedlicher Städte, weit ab von der Front, ist nämlich ein Kriegsverbrechen. Es zeigt einmal mehr, den verbrecherischen Charakter der ukrainischen Militärführung und der US-Regierung, die mit ihren Waffenlieferungen den seit 2014 ablaufenden Völkermord im Donbass, nicht nur möglich macht, sondern auch noch nahtlos fortsetzt. Nicht anders wird es mit den neuen US-Raketenwerfern laufen. Zur Erinnerung: Am 08.04.2022 wurde der Bahnhof in der Donbass-Stadt Kramatorsk von einer ukrainischen Totschka-U-Rakete getroffen, bei dem 39 Menschen getötet wurden. Siehe Junge Welt vom 08.04.2022: »Schon wieder ein Totschka« (www.jungewelt.de/artikel/424294.krieg-in-der-ukraine-wieder-eine-totschka.html). Die Ukraine verfügte 2020 über 90 Abschussfahrzeuge für Totschka-U-Raketen (SS-21). Viele dieser Raketen hat die Ukraine bereits auf die Volksrepubliken Lugansk und Donezk abgefeuert. Seit dem 24.02.2022 allein 28 Totschka-U-Raketen auf die Volksrepublik Donezk. Von daher kann es nicht verwundern, dass man jetzt neue Raketenwerfer (HIMARS) aus den USA benötigt, um das Morden von Zivilisten dort fortzusetzen.

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