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Aus: Ausgabe vom 04.06.2022, Seite 7 / Kapital & Arbeit
Energiemarkt

Wer zuletzt lacht

Wunschdenken in Wall Street Journal und Spiegel. »OPEC plus« beschließt geringfügige Steigerung der Erdölproduktion. Russland bleibt Mitglied
Von Knut Mellenthin
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Sergej Lawrow und sein Amtskollege aus den Emiraten, Abdullah bin Zayed, am Mittwoch in Riad

Die »OPEC plus«, eine aus 23 Staaten bestehende Interessengemeinschaft von Ölexporteuren, hat am Donnerstag ihre Produktionsziele für Juli und August vereinbart. Diesem Plan zufolge soll die Ölförderung der Gruppe in beiden Monaten um jeweils 648.000 Barrel pro Tag – englisch abgekürzt bpd – erhöht werden. Das ist rund 50 Prozent mehr als die monatliche Steigerung um 432.000 bpd, die seit Juli vorigen Jahres angestrebt wurde. Rechnerisch ergibt sich der Unterschied dadurch, dass die im September fällige Erhöhung zeitlich vorgezogen und jeweils zur Hälfte auf die Monate Juli und August verteilt wurde. Insgesamt strebt die »OPEC plus« eine Förderung von 43,2 Millionen bpd an. Davon sollen rund 26,3 Millionen auf die OPEC und 16,9 Millionen auf die übrigen Mitglieder der Gruppe entfallen. Die globale Erdölproduktion liegt zur Zeit zwischen 96 und 98 Millionen bpd.

Der Vergleich der Zahlen zeigt, dass die Behauptung deutscher Medien, die Interessengemeinschaft habe sich »auf eine deutliche Steigerung der Fördermengen geeinigt« (Spiegel), maßlos übertrieben ist. Diese falsche Darstellung dient der Erzählung, Saudi-Arabien als größter Ölexporteur der Welt habe dem Druck der US-Regierung nachgegeben, die Verluste des Weltmarkts wettzumachen, die aufgrund der massiven Sanktionen gegen Russland zu erwarten sind.

Insgesamt exportierte Russland vor dem Krieg in der Ukraine rund sieben Millionen bpd an Rohöl und Ölprodukten, davon vier Millionen in die EU. Zum großen Teil kann es die Folgen der westlichen Maßnahmen durch Steigerung seiner Ausfuhr in andere Länder, hauptsächlich China und Indien, ausgleichen. Aber eben nur zu einem großen Teil, nicht gänzlich. Nach plausibel erscheinenden Schätzungen hat Russland seine Ölförderung im März um 500.000 bpd und im späten April um eine Million bpd gesenkt. Diese Zahlen hat der Generaldirektor von BP, Bernard Looney, Anfang Mai genannt. Im Verhältnis zur globalen Erdölproduktion, die unterhalb des Bedarfs liegt und daher preistreibend wirkt, sind die 216.000 bpd, die die »OPEC plus« im Juli und August zusätzlich fördern will, nicht mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

Hinzu kommt: Die Fördermengen, die die Fachminister der »OPEC plus«-Staaten einmal im Monat vereinbaren, sind Zielvorgaben, die – mit Ausnahme des Februars – nie erreicht wurden. Nur wenige Mitglieder der OPEC – an erster Stelle Saudi-Arabien, daneben die Vereinigten Arabischen Emirate und vielleicht auch der Irak – sind in der Lage, ihre Quoten auszuschöpfen. Zu großen Steigerungen sind aber auch diese Staaten gegenwärtig nicht fähig.

Am Dienstag und Mittwoch übernahmen die westlichen Medien ein Gerücht, das das Wall Street Journal zuerst auf den Nachrichtenmarkt geworfen hatte: Einige OPEC-Mitglieder seien darüber im Gespräch, Russland künftig von den Beschlussfassungen der Interessengemeinschaft auszuschließen, da es als Ergebnis der westlichen Sanktionen immer weniger in der Lage sei, die ihm zugeteilten Quoten erreichen zu können. In deutschen Medien schlug sich das Gerücht in triumphierenden Formulierungen nieder, wie: Russland solle aus der »OPEC plus« ausgeschlossen werden und die Zusammenarbeit der Gruppe stehe kurz vor dem Ende.

Zunächst hatte sich das Wall Street Journal nur auf anonyme, nicht nachprüfbare Aussagen bezogen. Außerdem hatte das Blatt lediglich gemeldet, Russland solle vielleicht einstweilen von der Vergabe der Quoten ausgenommen werden. Das ist durchaus nichts Nachteiliges. Der Iran, Libyen und Venezuela haben seit langem diesen Status, der einfach nur bedeutet, dass für ihre Ölförderung keine Obergrenze festgelegt wird.

Indessen wurde bei der Beschlussfassung am Donnerstag ganz normal eine Quote für die russische Ölproduktion beschlossen. Sie ist, wie bisher auch gehandhabt, identisch mit der Saudi-Arabiens. Konkret sind das für Juli 10,833 Millionen bpd.

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