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Aus: Ausgabe vom 04.06.2022, Seite 8 / Ausland
Japan

Mythen und Legenden

Mitbegründerin der Japanischen Roten Armee, Fusako Shigenobu, wieder in Freiheit
Von Igor Kusar, Tokio
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Fusako Shigenobu (M.) bei ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in Akishima am 28. Mai

Am vergangenen Sonnabend ist in Tokio eine Frau nach mehr als 20 Jahren in Haft aus dem Gefängnis entlassen worden – in Japan kennen sie viele als »Kaiserin des Terrors«, zwischenzeitlich stieg sie zur meistgesuchten Person Interpols auf: Fusako Shigenobu, Mitgründerin der Japanischen Roten Armee (JRA). Viele Mythen und Legenden ranken sich um sie, Medien und Staat halten sie willkürlich in Erinnerung. Wie keine Zweite soll sie die »wilden« 60er und frühen 70er Jahre symbolisieren, als viele Universitätsstudenten, Friedensaktivistinnen und Arbeiter auf der Straße für eine bessere Welt demonstrierten und von der sozialistischen Revolution träumten.

Die heute 76jährige Shigenobu trat nach ihrer Entlassung vor die Kameras und entschuldigte sich für die begangenen Taten von JRA. »In unserem Kampf vor 50 Jahren haben wir bei Entführungsaktionen unschuldige Fremde verletzt«, sagte sie. Als »Terroristin« wollte sie sich nicht bezeichnen. Dies sei ein politisch motivierter Begriff, um sie als Verbrecherin zu denunzieren. Sie aber sei Teil einer revolutionären Organisation gewesen. Shigenobu ist während ihrer Haft viermal operiert worden, eine vollständige Genesung sei nun vorrangiges Ziel in ihrem neuen Leben, erklärte sie.

Ihr Kampf für die Revolution begann vor mehr als 50 Jahren. 1971 reiste sie nach Beirut, nachdem sie zwei Jahre vorher der japanischen Roten Armee Fraktion – nicht zu verwechseln mit der JRA – beigetreten war. In den 60ern protestierten viele Gruppen der »Neuen Linken« gegen den Vietnamkrieg und die japanische Politik. Sie stellten sich gegen die etablierte Linke, die von der Kommunistischen Partei Japans (KPJ) repräsentiert wurde. Diese hatte sich 1955 von einer gewaltsamen Revolution abgewendet. 1969 radikalisierten sich Teile der Bewegung. Doch eine Revolution nur in Japan machte wenig Sinn. Einige wollten Teil der Weltrevolution sein. Shigenobu war eine von ihnen.

Doch ihr Leben im Libanon war nur ansatzweise das einer revolutionären Vorkämpferin, wie es japanische und internationale Medien gerne darstellen. Zuerst arbeitete sie legal als Journalistin für die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und war nicht direkt an ihrem Kampf gegen den Staat Israel beteiligt. Die JRA gab es damals noch nicht. Nach der Schießerei am Flughafen Lod nahe Tel Aviv 1972, die von der PFLP geplant und von drei Japanern durchgeführt wurde – eine internationale Untersuchung fand nie statt – musste Shigenobu untertauchen.

Ein Leben auf der Flucht begann, das sie vor allem zum Bücherschreiben nutzte. Ende 1974 war sie an der Gründung der JRA beteiligt, doch die Hierarchien waren nie so stark, als dass sie die Rolle einer Anführerin übernommen hätte. Auch an den zwei größeren Entführungen der JRA 1975 und 1977 war sie nicht beteiligt. Im Jahr 2000 wurde sie in Osaka verhaftet und 2006 verurteilt, obwohl man den Hauptvorwurf, die Planung des Sturms auf die französische Botschaft in Den Haag 1974, nie beweisen konnte.

Die JRA war nie eine blutrünstige Terrororganisation und Shigenobu nie die klare Anführerin gewesen, dennoch werden sie gerne dazu stilisiert. Der Staat konnte sich so als Ordnungsmacht profilieren und die japanische Linke als ernstzunehmende Gefahr diskreditieren. Noch heute wird etwa der KPJ oft unterstellt, sie wolle die sozialistische Revolution gewaltsam herbeiführen.

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