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Aus: Ausgabe vom 03.06.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Grüner Kapitalismus

Faule Anlagen, falsche Schlüsse

DWS-Chef kündigt nach Razzia Rücktritt an. Fragwürdiger Handel mit nachhaltigen Fonds
Von David Maiwald
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Seit vergangenem August stehen Vorwürfe gegen die DWS wegen systematischer Täuschung von Anlegern bei sogenannten grünen Anlagegeschäften im Raum

Plötzlich ging es schnell. Nach einer Razzia bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS am Dienstag gab das Unternehmen am frühen Mittwoch morgen bekannt, der bisherige Fondschef Asoka Wöhrmann stelle zur Hauptversammlung am kommenden Donnerstag seinen Posten zur Verfügung. Der bisherige Chef der Unternehmensbank der Deutschen Bank, Stefan Hoops, werde den nun freigewordenen Posten übernehmen, teilte das Fondshaus zugleich mit. Die scheinbar Hals über Kopf getroffene Personalentscheidung, die Wöhrmann laut Mitteilung auch mit persönlichen Belastungen durch seit mehreren Monaten erhobenen Vorwürfen gegen die DWS begründete, wurde vom Handelsblatt am Donnerstag angezweifelt. Demnach lässt die schnelle Benennung eines Nachfolgers einen länger geplanten Amtsantritt Hoops vermuten, dessen Prüfung durch die Finanzaufsichtsbehörde Bafin eigentlich »selbst wenn es schnell gehen muss« »mindestens zwei Wochen in Anspruch nehmen« dürfte.

Es geht aber nicht nur um Köpfe. Seit vergangenem August stehen Vorwürfe gegen die DWS wegen systematischer Täuschung von Anlegern bei sogenannten grünen Anlagegeschäften im Raum. Zuerst wurden sie von der ehemaligen Nachhaltigkeitschefin der DWS, Desiree Fixler, vergangenen August im Wall Street Journal erhoben. Beim Angebot habe die Fondsgesellschaft Anlegern zuweilen ein »rosier-than-reality Picture« (zu deutsch etwa »rosigeres Bild als die Realität«) vermittelt, wie das Wall Street Journal den vermuteten Kapitalanlagebetrug seinerzeit noch blumig umschrieben hatte. Die US-Börsenaufsicht SEC hatte daraufhin Ermittlungen gegen die DWS aufgenommen.

Ermittelt wird nun also auch hierzulande, »Greenwashing« der Vorwurf. Konkret: Investitionen in fossile Energieträger, gelabelt mit dem Prädikat »nachhaltig«, weil angeblich nach ESG-Kriterien (»Environment, Social, Governance«, in etwa: Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) geprüft. Bei der Vermarktung von »grünen Finanzprodukten« soll die DWS es mit der tatsächlichen Umweltverträglichkeit der Anlagen nicht so genau genommen haben. Wie die ermittelnde Staatsanwaltschaft am Dienstag mitteilte, werde »gegen bislang unbekannte Mitarbeiter und Verantwortliche der DWS« ermittelt. Es hätten sich »tatsächliche Anhaltspunkte gefunden«, wonach die Deutsche-Bank-Fondstochter Nachhaltigkeitsfaktoren »entgegen den Angaben in Verkaufsprospekten« »nur in einer Minderheit der Investments tatsächlich berücksichtigt« habe.

Marktbeobachter hatten das bereits auf dem Schirm. Die Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen Facing Finance und Urgewald untersuchen und klassifizieren Finanzprodukte nach ihrer »Belastung« durch Aktienbeteiligungen und Anleihenbesitz an Unternehmen, die gegen Nachhaltigkeitskriterien verstoßen. Am 19. Mai informierten die Organisationen in einer Mitteilung über einen im Verbraucherportal Faire Fonds veröffentlichten »Nachhaltigkeitscheck« von Investmentfonds. Demnach stellte die DWS unter den »Top 10« der »am umfänglichsten mit gescreenten Kontroversen belasteten«, als »nachhaltig« gelabelten Fonds den Spitzenreiter. Der »MSCI Europe Energy ESG Sreened UCITS ETF« (7. Platz) des Fondshauses investiere ein Viertel seines Volumens in das Unternehmen Total Energies, das laut Facing Finance und Urgewald »nicht nur weiter auf Öl und Gas setzt, sondern auch für erhebliche Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist«.

Laut Handelsblatt befürchtet man bei der Deutschen Bank, die DWS-Ermittlungen könnten die »Glaubwürdigkeit im Umweltbereich« des Geldhauses schädigen. Unter den von Facing Finance und Urgewald untersuchten 2.163 Fonds der vier größten deutschen Fondsgesellschaften (neben DWS die Allianz Global Investors, Deka und Union Investment) waren nach Angaben der Organisationen rund die Hälfte mit einem Nachhaltigkeitslabel versehen: 91 Prozent aller Fonds investierten jedoch in Unternehmen, »die ökologische, ethische und soziale Standards sowie Normen und damit Nachhaltigkeitskriterien verletzen«. Die Hoffnungen auf einen »grünen« Finanzmarkt als Motor einer sozial-ökologischen Wende dürften angesichts dieser Zahlen erneut ins Reich der neoliberalen Träumereien verwiesen werden.

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