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Aus: Ausgabe vom 02.06.2022, Seite 15 / Medien
Mord an Journalistin

Von hinten in den Kopf

Gerichtliche Untersuchung und neues Videomaterial bestätigen: Palästinensische Reporterin Abu Akleh von israelischen Scharfschützen getötet
Von Gerrit Hoekman
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»Keine zufälligen Schüsse« – Proteste am 11. Mai in Jerusalem

Die palästinensische Reporterin Schirin Abu Akleh wurde am 11. Mai während ihrer Arbeit in Dschenin von einem israelischen Scharfschützen aus einer Entfernung von 170 bis 200 Metern gezielt erschossen. Davon zeigte sich der palästinensische Generalstaatsanwalt Akram Al-Chatib am vergangenen Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Ramallah aufgrund der nun abgeschlossenen gerichtlichen Untersuchung überzeugt.

Im Kopf der Journalistin befand sich laut der ballistischen Analyse ein 5,56-Millimeter-Projektil. Die Kugel weise allgemeine und spezifische Merkmale auf, die zu einer halbautomatischen Ruger Mini-14 passen – eine Waffe, die von der israelischen Armee auf der Westbank zur »Aufstandsbekämpfung« eingesetzt wird. Die Autopsie habe ferner ergeben, dass die Kugel von hinten in den Kopf der Reporterin eingedrungen war, präzise an einer der wenigen Stellen, die weder von ihrer schusssicheren Weste mit der Aufschrift »Press« noch von ihrem Stahlhelm geschützt waren. Abu Akleh habe sich also von dem Ort entfernen wollen, kurz bevor sie tödlich getroffen wurde, schlussfolgerte Al-Chatib. Ihr Kollege Ali Samudi wurde ebenfalls in den Rücken getroffen. Er überlebte.

Zum Zeitpunkt des Verbrechens hätte es am Tatort keine bewaffneten Zusammenstöße zwischen der israelischen Armee und palästinensischen Kämpfern gegeben. »Die einzige Quelle des Feuers an diesem Ort kam von den Besatzungstruppen mit der Absicht zu töten«, sagte Al-Chatib laut Reuters am vergangenen Donnerstag. Als die Journalistin bereits tödlich getroffen am Boden lag, hätten die Soldaten weiter auf jeden gezielt, der ihr zur Hilfe eilen wollte. Es handele sich mithin um »vorsätzlichen Mord« und ein »Kriegsverbrechen«, so der Generalstaatsanwalt.

Der US-Sender CNN veröffentlichte vergangenen Dienstag auf seiner Homepage eine ausführliche Recherche der Ereignisse. Sie unterstützt die Schlussfolgerung der palästinensischen Staatsanwaltschaft. In einem Video sind am Stamm des Baumes, unter dem Abu Akleh erschossen wurde, drei weitere, eng beieinander liegende Einschüsse zu sehen. »Die Anzahl der Einschlagstellen an dem Baum, an dem Schirin stand, beweist, dass es sich nicht um einen zufälligen Schuss handelte, sondern dass sie gezielt beschossen wurde«, ist der von CNN hinzugezogene Forensiker Chris Cobb-Smith überzeugt. Ein Foto zeigt außerdem, wie zum Tatzeitpunkt am oberen Ende der Gasse gepanzerte, israelische Militärfahrzeuge stehen, die über Schießscharten für Scharfschützen verfügen. Von ihrer Position aus hatten sie freies Schussfeld auf die gesamte Gasse.

Das Mediennetzwerk Al-Dschasira, für das die Reporterin seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitete, will deshalb den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einschalten. Man werde »alle rechtlichen Möglichkeiten« prüfen, sagte der Leiter des Büros von Al-Dschasira in Jerusalem, Walid Al-Omari. Die Palästinensische Autonomiebehörde hatte einige Tage vorher ebenfalls angekündigt, vor den Strafgerichtshof zu ziehen.

Die Familie der Reporterin hat unabhängig davon die International Federation of Journalists (IFJ), das Palestinian Journalists Syndicate (PJS) und das International Centre of Justice for Palestinians (ICJP) ebenfalls gebeten, den Strafgerichtshof einzuschalten. Die drei Organisationen beauftragen die Londoner Kanzleien Doughty Street Chambers und Bindmans LLP mit der Vertretung des Opfers und ihres Kollegen Ali Samudi. Der Fall soll einer anderen Beschwerde hinzugefügt werden, die bereits im April in Den Haag eingereicht wurde und bei der es um vier andere Fälle von israelischen Angriffen auf Journalisten geht, zwei davon mit tödlichen Folgen.

Auch wenn es kaum noch, um nicht zu sagen: keine berechtigten Zweifel gibt, weigert sich Israel weiterhin, die Verantwortung zu übernehmen. Der israelische Verteidigungsminister Benjamin Gantz sprach am vergangenen Donnerstag auf Twitter von einer »eklatanten Lüge«. Israel verletze nicht absichtlich Journalisten.

Bei dieser Haltung wundert es nicht, dass Verfahren gegen israelische Militärangehörige regelmäßig im Sande verlaufen. Und kommt es ausnahmsweise zu einer Verurteilung, ist die Strafe gering. Israel »hat es nicht geschafft, jemanden für die Dutzenden palästinensischen Journalisten, die bisher getötet oder invalide wurden, zur Rechenschaft zu ziehen«, stellte der Anwalt Tayab Ali, der die Angelegenheit vor dem Strafgerichtshof für Bindmans LLP bearbeitet, am vergangenen Freitag im Guardian fest.

Gantz beteuert zwar, Israel sei bereit, den Fall in Zusammenarbeit mit »internationalen Akteuren« zu untersuchen. Der Strafgerichtshof wird aber kaum dazugehören. Israel hält Den Haag auf der Westbank grundsätzlich für nicht zuständig. 123 Staaten haben den Strafgerichtshof im sogenannten Römer Statut anerkannt. Israel gehört wie auch die USA, der Sudan und Russland nicht dazu.

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