75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Wednesday, 10. August 2022, Nr. 184
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 02.06.2022, Seite 7 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Knirschen im Gebälk

Nach drei Monaten Krieg in der Ukraine wird auf beiden Seiten gefragt, wie es weitergehen soll
Von Reinhard Lauterbach
2022-05-29T1345_RTRMADP_3_UKRAINE-CRISIS-BAKHMUT.JPG
Was wollen die USA in der Ukraine erreichen? Straßenszene in Bachmut am 29. Mai

Als der frühere US-Außenminister Henry Kissinger vergangene Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Ukraine im Interesse des Friedens zu territorialen Konzessionen an Russland aufforderte, erntete er damit zwar in Kiew empörte Kommentare. Gleichwohl war er nicht der senile Vertreter einer Einzelmeinung, als den ihn Präsident Wolodimir Selenskij sofort anrempelte. In den USA hat eine Debatte darüber begonnen, wie weit das Land in seiner militärischen Unterstützung für die Ukraine gehen soll. Das zeigt sich nicht nur darin, dass US-Präsident Joseph Biden Kiew einstweilen »nur« Raketenwerfer zugesagt hat, aber dazu zumindest vorläufig nur Munition mit relativ geringen Reichweiten von einigen Dutzend Kilometern. Angeblich, um der Ukraine nicht die Möglichkeit zu Schlägen in die Tiefe russischen Territoriums zu geben.

Das ist natürlich eine Scheinalternative. Die ukrainischen Truppen sind im Raum Charkow so nah an die Grenze herangerückt, dass sie von dort aus ebenso das russische Belgorod beschießen können, wie es in der umgekehrten Richtung auch geschieht. Charakteristischerweise hat sich Biden offenbar von Selenskij zusätzlich die Zusage geben lassen, keine Ziele in Russlands anzugreifen. Wie lange die hält, muss sich zeigen.

Das öffentliche Nachdenken darüber, was die USA im Ukraine-Krieg anstreben sollten, zeigt natürlich erstens: Es ist (auch) ihr Krieg. Zweitens aber relativiert sich das Kriegsziel der maximalen Schwächung Russlands mit Hilfe der Ukraine inzwischen als eines unter anderen. Kurz vor dem Kissinger-Auftritt in Davos hatte die Tageszeitung New York Times von der Kiewer Regierung die Bereitschaft zu »schmerzlichen Entscheidungen« verlangt, vor einigen Tagen schob die Washington Post einen Kommentar nach, wonach es Zeit sei, »die orthodoxe Sichtweise auf den Krieg in der Ukraine in Frage zu stellen« und »sich nicht von Leuten mit unklaren Lobbyverbindungen manipulieren« zu lassen. Gleichzeitig erklärte der US-Generalstabschef Mark Milley gegenüber dem Fernsehsender Fox News, eine Verhandlungslösung sei »das logischste Ende« des Konflikts.

Der Witz an diesem Meinungskonzert ist, dass die skalierten Waffenlieferungen sowie die unbegrenzten Finanzhilfen an Kiew Aufrufe zu Verhandlungen nicht ausschließen, sondern ergänzen. Die Waffenlieferungen zielen darauf ab, der Ukraine jene Handlungsfähigkeit zu erhalten, welche dem Land zu entreißen laut dem Militärtheoretiker Carl von Clausewitz (1780–1831) das Wesen des Krieges und damit oberstes russisches Kriegsziel ist. Im Klartext: Kiew soll in die Lage versetzt werden, den Krieg so lange weiterzuführen, wie es selbst und seine westlichen Lieferanten und Finanziers dies für vertretbar und wünschenswert halten. Erst am Mittwoch schrieb die dem Pentagon und der US-Rüstungsindustrie nahestehende Denkfabrik »Institute for the Study of War«, dass Russland seine Kräfte im Donbass für militärisch nicht ausschlaggebende Teilerfolge verzettele, während es gleichzeitig die Verteidigung des strategisch viel wichtigeren Gebiets Cherson zu vernachlässigen gezwungen sei.

Dass für Russland die militärischen Ressourcen nicht unbegrenzt und die Verluste offenbar erheblich sind, wird auch aus immer mehr Äußerungen auf dortiger Seite deutlich. Igor Girkin alias Strelkow, einer der Hauptakteure des Donbassaufstands von 2014, bezeichnet in russischen Mainstreammedien völlig unsanktioniert die »Spezialoperation« als Fehlschlag, obwohl für das Verbreiten von »Falschinformationen über die Streitkräfte« offiziell hohe Haftstrafen drohen. Vor ein paar Tagen berichtete die exilukrainische Webseite antifashist.com in sympathisierendem Ton über Unzufriedenheit unter den Soldaten der Donbassrepubliken. Sie hatten sich in einer Videobotschaft darüber beschwert, dass sie ohne vernünftige Ausbildung und Ausrüstung an die heißesten Stellen der Front geworfen würden und dass ihre Reserveregimenter in Mariupol Verluste von bis zu 40 Prozent erlitten hätten. Das bestätigt indirekt ukrainische Darstellungen, dass die russischen Gebietsverluste im Raum Charkiw auf den Einsatz schlecht ausgebildeter Reservisten aus der international nicht anerkannten VR Donezk zurückzuführen gewesen seien.

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph V. ( 2. Juni 2022 um 14:21 Uhr)
    Mit der Formulierung hinsichtlich der USA, es sei (auch) ihr Krieg, wird es falsch. Die Schwächung Russlands ist nur ein Etappenziel, kein Endzweck. Es geht um die neokoloniale Beherrschung und Aufteilung des euro-asiatischen Großraumes seitens des US(/EU)-Imperialismus (und besonders der durch die Erderwärmung (strategisch) immer interessanter und wichtiger werdenden Reserven an fossilen (!) und anderen Ressourcen). Das kann man wirklich nachlesen … Es ist entscheidend (!) für den Krieg der USA und ihrer Satrapen mindestens seit 2014. Rolf Becker nannte das Vorgehen Russlands »strategisch erzwungene Verteidigung«. Das trifft die Gesamtlage recht gut. Und ja, vlt. ist es eine Last-Minute-Reaktion, vlt. wird es Russland erst recht schwächen. Es gibt Zwickmühlen, d. h. manches wird unausweichlich und ist dennoch gefährlich. Russland ist für diese Unausweichlichkeit, die Gesamtlage also, nicht verantwortlich, im Gegenteil. Für die Reaktion in letzter Minute erst schon. 2014 war eine Reaktion angesagt. Ansonsten ist das ein viel erhellender Artikel mit vielem Wichtigen, vielen Dank.
  • Leserbrief von Polker aus Stade ( 2. Juni 2022 um 07:07 Uhr)
    Herr Merz empörte sich auch über Herr von Dohnanyi, der die Historie zum Krieg des Ukraine-Krieges überall herumerzähle und dabei für die russische Sichtweise Verständnis habe. Eine Interviewanfrage an Herr von Dohnanyi wäre doch mal sinnvoll?

Ähnliche:

  • Oskar Lafontaine bei einer Kundgebung der IG Metall im saarländi...
    21.05.2022

    »Die USA wollen keinen Frieden«

    Über den Ukraine-Krieg, »grüne« Preistreiberei und den falschen Kurs der Linkspartei. Ein Gespräch mit Oskar Lafontaine
  • Nicht hinterfragen, liefern: US-Panzerabwehrlenkraketen am Kiewe...
    30.04.2022

    Wettlauf zur Eskalation

    NATO-Staaten pumpen Ukraine mit Waffen voll. Interne Bedenken und endliche Arsenale. Polnischer General redet direkter Intervention das Wort
  • Waffengeschäfte in der US-Exklave Ramstein Air Base: Ministerin ...
    27.04.2022

    Sieg statt Frieden

    Kriegsrat tagt in Ramstein: USA fordern, Berlin folgt und liefert Panzer. Lawrow warnt vor Eskalation. Guterres in Moskau

Mehr aus: Ausland