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Aus: Ausgabe vom 31.05.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Ukraine-Krieg

Rom droht auszuscheren

Italien bezahlt russisches Gas entsprechend den Vorgaben aus Moskau. Industrieverband befürchtet Kollaps infolge der Sanktionen
Von Gerhard Feldbauer
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Auf dem Weg zum Schwarzen Meer: Die unter italienischer Flagge fahrende Ölplattform Saipem 7000 (Istanbul, 6.8.2001)

Nach Italien wird weiter »ununterbrochen« Gas geliefert werden. Das sicherte der russische Präsident Wladimir Putin dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi in einem Telefonat letzten Donnerstag zu. Die Wirtschaftszeitung Milano Finanza, die darüber, wie die meisten großen Medien berichtete, schrieb: »Gasprom wird Italien die Gashähne also nicht zudrehen« und vermerkte, dass der italienische Energiekonzern ENI zuvor, der russischen Forderung entsprechend, damit begonnen habe, »nach dem Mechanismus der beiden K-Konten zu zahlen: in Euro auf dem ersten und anschließende Umwandlung in Rubel auf dem zweiten«. Schert Rom damit aus der Sanktionsfront aus? Zumindest was das Gasembargo betrifft, scheint es dem ungarischen Beispiel folgen zu wollen.

So richtig hat Italien von Anfang an nicht mitgezogen. Führende Wirtschaftskreise waren nicht bereit, die von der EU gegen Russland verhängten Sanktionen, zumindest was Gas betrifft, mitzutragen. Den Hintergrund bildete, dass Italiens Energieverbrauch zu rund 40 Prozent aus Erdgas besteht, was jährlich 76 Milliarden Kubikmeter ausmacht, von denen es rund 30 Milliarden aus Russland bezieht. Der frühere EZB-Chef Draghi räumte angesichts dieser Abhängigkeit schon im März ein, dass die Sanktionen gegen Russland »schwere Auswirkungen auf Unternehmen« und »vor allem auf die Aufrechterhaltung ihrer Produktion haben« würden. Der italienische Ministerpräsident befürchtete gar, die Situation könnte, »wenn sie nicht angegangen wird, die EU zerbrechen, das Wirtschaftssystem in Richtung Protektionismus drängen«. Der Präsident des Industriellenverbandes Confindustria, Carlo Bonomi, sekundierte, die Auswirkungen der Sanktionen könnten »die italienische Industrieproduktion zum Erliegen bringen«.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die italienische Industrieproduktion ging im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum vierten Quartal 2021 um 2,9 Prozent zurück. Infolge der explodierenden Rohstoff- und Energiekosten mussten 16 Prozent aller Unternehmen die Produktion reduzieren oder ganz einstellen. 30 Prozent drohe das gleiche Schicksal, so eine Analyse, die Confindustria am Sonnabend veröffentlichte. In Russland führte, wie der Verband der Großindustriellen mitteilte, die Einhaltung der Sanktionen zur Schließung von 447 italienischen Unternehmen, »die einen Umsatz von 7,4 Milliarden Euro eingefahren haben«. Deren Anlagenbestand betrug über 11 Milliarden Euro.

Verhandlungen mit Algerien über eine Erhöhung der Lieferungen zeigten rasch, dass die Suche nach einem Ersatz für die ausfallenden Gasprom-Lieferungen Jahre dauern würde. Der staatliche algerische Mineralöl­konzern Sonatrach konnte eine Erhöhung seiner Gas-Lieferungen nach Italien nur auf bis zu neun Milliarden Kubikmeter zusagen, von denen sofort nur drei Milliarden kommen konnten, sechs erst 2023.

Ob die Absprachen funktionieren, bleibt abzuwarten. Die Gasflüsse bleiben »gering«, wie Milano ­Finanza berichtete. »Abgesehen von Putins Zusicherungen liegen die aus Russland gelieferten Gasmengen weiterhin um mindestens 40 Prozent unter dem Durchschnitt des Zeitraums«. Das dürfte mit Draghis Vorschlag an Putin zusammenhängen, als eine erste Friedensinitiative zu prüfen, die Häfen am Schwarzen Meer für Weizenlieferungen freizugeben. Putin erklärte in dem Telefonat, dass dies »mit der Aufhebung der Sanktionen« erfolgen werde. Offensichtlich wartet der Kreml-Chef ab, wie Draghi sich dazu verhalten wird.

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  • Leserbrief von Grit Rehbein aus Rostock (31. Mai 2022 um 12:57 Uhr)
    Hallo jw-Redaktion, manchmal wünsche ich mir etwas bessere Recherche oder ein kritisches inhaltliches Fachlektorat. Zur Bildunterschrift: »Auf dem Weg zum Schwarzen Meer: Die unter italienischer Flagge fahrende Ölplattform Saipem 7000 (Istanbul, 6.8.2001)«: 1. Das Schiff Saipem 7000 ist keine »fahrende Ölplattform«. Es handelt sich in allererster Linie um einen der größten Schwimmkräne der Welt (2x 7.000 Tonnen/je Kran), der v.a. zum Bau von Offshore-Windkraftanlagen eingesetzt wurde. 2. Die Saipem 7000 gehört zwar dem italienischen Offshore-Dienstleistungsunternehmen »Saipem«, fährt allerdings nicht unter »italienischer Flagge«, sondern unter der der Bahamas. Vielleicht hätten Sie sich auch inhaltlich, bezüglich des Themas des Artikels (siehe »Italien bezahlt russisches Gas entsprechend den Vorgaben aus Moskau«), mit einem anderen und aktuelleren Bild (siehe »Istanbul 6.8.2001«) einen größeren Gefallen getan. Obwohl so ein Schiff viel Treibstoff benötigt, produziert es also keinen neuen. Ein Frachtschiff für Weizentransporte über das Schwarze Meer ist es nicht. Und die Bedeutung Istanbuls oder die Rolle der Türkei wurden im Artikel auch nicht weiter erwähnt. Zumal die Saipem 7000 seit dem 14. April 2022 und nach 35jähriger Betriebszeit, nach Havarie in norwegischen Gewässern nahe Stavanger, still liegt. Na ja, schön ist das Bild mit der Saipem 7000, unter der Hängebrücke, mit den winzig aussehenden Autos, Bussen und dem weißen Kleinbus, vor der Moschee mit den zwei Türmen, die zusammen anmuten wie die Schornsteine eines emissionslosen Energiekraftwerkes, allemal. Auch wenn es nicht zum Thema passt ;) Quellen: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/norwegen-kranschiff-saipem-7000-liegt-mit-schlagseite-im-fjord-a-6ca78e96-ee32-4c9f-a18c-2d43cca3b3d1-amp und https://de.m.wikipedia.org/wiki/Saipem_7000.

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