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Aus: Ausgabe vom 31.05.2022, Seite 5 / Inland
Steigende Lebenshaltungskosten

Das Geld wird knapp

Reallöhne in Deutschland sinken im ersten Quartal um 1,8 Prozent. Inflation erreicht Rekordwert, weitere drastische Preissteigerungen erwartet
Von Bernd Müller
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Düstere Prognose: In der BRD dürften die Lebensmittelpreise 2022 um mehr als zehn Prozent anziehen

Die Verarmung in der BRD nimmt weiter zu, einer der Gründe dafür ist die hohe Inflation. Für viele Beschäftigte gab es zwar im ersten Quartal eine Lohnsteigerung, doch die Kaufkraft sank spürbar. Das geht aus den Zahlen hervor, die am Montag vom Statistischen Bundesamt präsentiert wurden. Demnach stiegen die nominalen Löhne im ersten Quartal zwar um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, doch im selben Zeitraum legten die Verbraucherpreise noch kräftiger zu. Sie stiegen um 5,8 Prozent, wodurch sich ein realer Lohnrückgang von 1,8 Prozent ergibt.

Für viele Beschäftigte dürfte das Ergebnis noch schlechter aussehen. Denn den hohen Anstieg der Nominallöhne führen die Statistiker vor allem auf die Coronaprämien zurück, »die sowohl die Tarifbeschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder als auch die meisten Landes- und Kommunalbeamten« im ersten Quartal 2022 erhielten.

Ohne diese Sonderzahlung lag die Lohnsteigerung deutlich niedriger. Statt einer Lohnsteigerung von fünf Prozent im Bereich »Erziehung und Unterricht« wäre es dann eine von nur 0,3 Prozent. Ebenso im Bereich »Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung«: Mit Coronaprämie lag die Lohnsteigerung bei 4,6 Prozent – ohne bei nur 0,8 Prozent. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen die Statistiker auch für das verarbeitende Gewerbe. Anhand dieser Zahlen lässt sich sagen: Ohne den Coronabonus hätte die Inflation zu einem noch dramatischeren Verlust an Kaufkraft geführt.

Den könnten die Menschen in der Bundesrepublik aber in den nächsten Monaten noch deutlicher wahrnehmen, denn die Inflation erreicht immer neue Rekordwerte. Das Statistische Bundesamt teilte am Montag ebenfalls mit, dass die Teuerungsrate im Mai 2022 voraussichtlich 7,9 Prozent betragen wird, was im Vergleich zum Vormonat einem Anstieg der Verbraucherpreise um 0,9 Prozent entsprechen würde.

Der Krieg in der Ukraine und die westlichen Sanktionen sind wesentliche Treiber des Anstiegs. Besonders die Energiepreise seien mit 38,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat merklich angestiegen, heißt es beim Statistischen Bundesamt, und sie würden die hohe Inflationsrate erheblich beeinflussen. Auch die Preise für Lebensmittel stiegen demnach mit 11,1 Prozent überdurchschnittlich. Hinzu kämen die preistreibenden Effekte der durch die Coronapandemie unterbrochenen Lieferketten.

Ist die Entwicklung jetzt schon nicht rosig, so könnte es in diesem Jahr noch schlimmer kommen. Das hebt eine Studie des Kreditversicherers Allianz Trade hervor, über die Spiegel am Sonntag berichtete. Allein für Lebensmittel könnten Mehrkosten von 250 Euro im Jahr pro Kopf entstehen. Denn: »In Deutschland dürften die Preise im Lebensmitteleinzelhandel 2022 um mehr als zehn Prozent anziehen.« Trotz der jüngsten Steigerungen seien die Lebensmittelpreise noch weit davon entfernt, den tatsächlichen Preisanstieg bei Lebensmitteln in den vergangenen anderthalb Jahre widerzuspiegeln. »Das Schlimmste kommt auf die Haushalte also erst noch zu«, warnt ein Experte von Al­lianz Trade.

Seit Anfang 2021 hätten die Hersteller von Lebensmitteln und Getränken ihre Preise im Schnitt um 16,6 Prozent angehoben, heißt es in der Studie weiter. In einigen Bereichen treibe besonders der Krieg in der Ukraine die Preise. So seien dadurch die Preise für Öle und Fette um 53 Prozent angestiegen, für Mehl um 28 Prozent und für Nudeln um 19 Prozent. Im Lebensmitteleinzelhandel seien die Preise dagegen nur um knapp sechs Prozent gestiegen. Und weil im Lebensmitteleinzelhandel fast drei Viertel der Kosten auf den Einkauf entfielen, gebe es noch Nachholbedarf bei den Preissteigerungen.

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  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue ( 7. Juni 2022 um 12:21 Uhr)
    Es ist wieder die Zeit demagogischer Marktwirtschaftserklärer und Volksverdummer. Nicht für alle steigen Lebenshaltungskosten in erschreckende Höhen, wie Geld keineswegs bei allen knapp ist und wird. Von Coronaprofiteuren haben wir gehört, was bestimmt noch mehr hergibt. Wer an Rüstung und vielen Milliarden Steuergeld verdient, wer zahlen wird, wem es als Schulden erklärt wird, ist schon nicht so leicht zu verstehen. Warum so wenige Lohnabhängige die Frage stellen, was mit ihren Kosten, ihrer Arbeitskraft und Bezahlung ist, wer ihnen die Kosten vergoldet, mit Profitaufschlag, das wird mir bis Lebensende ein Rätsel bleiben. Milionen Marktversteher, die von Friseur bis Bäcker jede Kostenerhöhung gern und einsichtig in höherem Preis zahlen, gar nicht nach Ursachen der Kostenentwicklung fragen — geht es um ihre eigenen Kosten und den eigenen Preis ihrer Ware Arbeitskraft, dann fehlt ihnen die überzeugende Sprache und Forderung. Braucht nur das Wort Arbeitsplätze geraunt werden und alle sind in Ehrfurcht erstarrt. Sie wissen nicht, dass es mit ihrem Lohn das wenigste zu tun hat, aber mit Profitsucht des Kapitals immer. Wer erklärt das heute noch den Proleten und Ausgebeuteten, die sich nicht einmal mehr als das erkennen? Unsere Linke? Also junge Welt, Unsere Zeit, Rotfuchs, Freidenker und einige andere – Bildung in die Köpfe – Licht in die Hirne – Verstand und Wissen – es muss vieles nicht neu erfunden, aber wieder aufgegriffen werden.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (31. Mai 2022 um 09:26 Uhr)
    Unlängst behauptete die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock in Brüssel, sie erwarte in Sachen Embargo gegen russisches Öl gemäß einem Kommissionsvorschlag von Ende April, dass »wir in den nächsten Tagen zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen«. Denn: »In diesen Zeiten stehen wir Europäerinnen und Europäer trotz aller Unterschiede so eng zusammen, wie ich das bisher noch nicht erlebt habe.« In den Medien, was uns vermittelt wird – spricht auch dafür. Dennoch zeigen sich drei Monate nach Kriegsbeginn und einem Verlauf, der auf eine lange militärische Auseinandersetzung hindeutet, erste Risse in den Einschätzungen der EU-Staaten. In der Realität sieht es anders aus (siehe dazu auch den jW-Artikel »Rom droht auszuscheren«). Die Inflationssorgen der Bevölkerung, bei der die Portemonnaies seltsam empfindlich sind, sind generell größer als eine langfristige Solidarität und verordnete Sanktionspflicht mit der Ukraine. Vorprogrammiert ist ein Streit um den kurzfristigen Umbruch von Europas Energiepolitik. Es geht um viel Geld, ebenso wie bei der langfristigen Hilfe für die Ukraine, die sich in immer größer werdenden Euro-Milliardensummen ausdrückt, für die schließlich die arbeitende Bevölkerung aufkommen muss.

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