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Aus: Ausgabe vom 31.05.2022, Seite 2 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Kämpfe im Zentrum

Russland setzt Angriffe auf Sewerodonezk fort. Kiew spricht von Gegenoffensive im Süden. Lawrow äußert sich zu Kriegszielen
Von Reinhard Lauterbach
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Militärfahrzeug der ukrainischen Armee in der Nähe von Kramatorsk am Montag

Im Donbass setzen russische Truppen offenbar ihre Angriffe auf die Industriestadt Sewerodonezk fort. Der ukrainische Regionalgouverneur Sergij Gaidai räumte am Montag morgen ein, dass »der Feind sich ins Stadtzentrum bewegt«. Bisher hatte Kiew nur Kämpfe um ein am Stadtrand gelegenes Hotel bestätigt. Nach Gaidais Angaben ist die Stadt inzwischen zu 60 Prozent irreparabel zerstört. Die Passage über die wichtigste Zufahrtsstraße in die Region sei »gefährlich« – was bedeutet, dass sie in Reichweite russischer Artillerie liegt.

Die Ukraine berichtete unterdessen über einen eigenen Gegenangriff in der Region Cherson im Süden des Landes. Es seien mehrere Dörfer zurückerobert worden, alle liegen offenbar nördlich des großen Stausees. Aus der ebenfalls russisch besetzten Stadt Melitopol im Bezirk Saporischschja wurde am Montag früh ein Anschlag gemeldet. Nach ukrainischen Angaben galt er dem Wohnhaus des von Russland eingesetzten Verwaltungschefs, nach russischen explodierte die Bombe, als ein Auto mit Hilfsgütern vorbeifuhr. Zwei Freiwillige seien verletzt worden. Der russische Zivilverwaltungschef im besetzten Teil des Gebiets Saporischschja, Kirill Stremussow, sagte, vor einer Entscheidung über die politische Zukunft der Region müssten die neuen Behörden »zunächst Ordnung schaffen«. Das deutet darauf hin, dass die russischen Behörden tatsächlich ein Sicherheitsproblem haben.

Generell verschlechtert sich nach dem Urteil verschiedener Militärexperten jedoch die Position der ukrainischen Armee. Sie bleibe der russischen trotz aller westlichen Hilfslieferungen materiell weit unterlegen. Ein polnischer General sagte dem Portal onet.pl, der russische Kommandeur General Dwornikow, setze die in Syrien unter seinem Kommando erprobte Taktik fort, ukrainische Stellungen durch starken Artilleriebeschuss »kleinzumahlen« und erst dann mit Infanterie vorzurücken.

Unterdessen hat sich Russlands Außenminister Sergej Lawrow zu den Kriegszielen seines Landes geäußert. Gegenüber dem französischen Sender TF 1 sagte er am Sonntag, Vorrang habe die »Befreiung« der Bezirke Donezk und Lugansk. Die Bevölkerung der übrigen von Russland kontrollierten Gebiete werde Gelegenheit bekommen, sich über ihre künftige staatliche Zugehörigkeit zu äußern. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Menschen freiwillig unter ukrainische Hoheit zurückkehren wollten. Damit räumte Lawrow diese Möglichkeit erstmals zumindest theoretisch ein.

Gleichzeitig gehen Schritte zur Integration der besetzten Gebiete weiter. Seit einigen Tagen bieten russische Internet- und Mobilfunkprovider ihre Dienste an, die Telefonnummern wurden auf die russische Ländervorwahl +7 umgestellt, angeblich erfreut sich ein beschleunigtes Verfahren zur Vergabe der russischen Staatsbürgerschaft großer Nachfrage.

Aus Donezk wurde am Montag vormittag ein schwerer Beschuss auf mehrere Schulen im Stadtzentrum gemeldet. Dabei kamen nach Angaben der örtlichen Behörden mindestens sechs Menschen ums Leben, 14 seien verletzt worden.

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