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Aus: Ausgabe vom 30.05.2022, Seite 6 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Kein Kanonenfutter

Mangelnde Motivation: In der Ukraine mehren sich Befehlsverweigerungen von Soldaten. Kritik an Einberufungspolitik und Proteste Angehöriger
Von Dmitri Kowalewitsch, Kiew
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Trauer um einen gefallenen ukrainischen Soldaten in Lwiw (24.3.2022)

Am 24. Mai sind genau drei Monate seit dem Beginn der russischen »Sonderoperation« in der Ukraine vergangen. In dieser Zeit haben sich die Taktik der russischen Armee und die Stimmung in der ukrainischen Gesellschaft verändert. In allen Städten und Dörfern der Ukraine trafen massenhaft Särge mit den Leichen ukrai­nischer Soldaten ein, was sowohl bei den noch lebenden Soldaten als auch bei ihren Angehörigen Panik auslöste.

Auf allen Friedhöfen in Kiew wurden Reihen neuer Gräber angelegt. Auf einigen von ihnen sind die Fahnen des neonazistischen »Asow«-Regiments, der nationalistischen »Aidar«-Bataillone und des »Rechten Sektors« zu sehen, aber 70 Prozent scheinen einfache Soldaten zu sein. In den zentralen Gassen der Friedhöfe werden neue Abschnitte des Asphaltbelags entfernt, um mehr Platz für neue Gräber zu schaffen.

Eine ältere, religiöse Frau hält alle Passanten an und ist zutiefst empört über den Tod der jungen Menschen. Das Grauen des Krieges ist in ihrer Stimme zu hören. »Gibt es wirklich keine Möglichkeit, eine Einigung zu erzielen? Mir tun diese Menschen und die Menschen in Donezk leid, und mir tun die Russen leid«, klagt die Frau und wendet sich an alle, die vorbeigehen. Gegenwärtig gelten in der Ukraine selbst diese Worte als aufrührerisch.

Die ukrainischen Behörden versuchen immer noch, die Bevölkerung mit wöchentlichen Prognosen über eine »bevorstehende Gegenoffensive« und den Zusammenbruch Russlands »noch in diesem Jahr« zu beruhigen. Die ukrainischen Militärs, die direkt in die Kämpfe verwickelt sind, sind jedoch weit weniger optimistisch. Im Mai begann eine Welle von Protesten bei den Soldaten, die sich weigerten, Befehle zu befolgen, und ihren Angehörigen.

Die Mitglieder des Territorialen Verteidigungsbataillons von Tscherkassy (Paramilitärs) weigerten sich zu kämpfen und nahmen eine entsprechende Videobotschaft auf. Sie beklagen, dass viele von ihnen in der ersten Schlacht gefallen oder verwundet worden seien, aber keine medizinische Versorgung bekommen hätten. Sie halten ihre Anwesenheit an der Front für illegal, da die territoriale Verteidigung ausschließlich zur Verteidigung ihrer Städte organisiert wurde. »Wir wollen kein Kanonenfutter sein«, resümierten die meuternden Mitglieder. Daraufhin entwaffneten die Behörden sie und drohten ihnen mit Haft.

Zuvor hatten sich die Soldaten der 115. Brigade der Streitkräfte in Sewerodonezk geweigert, Befehle zu befolgen, und ein Video über schlechte Dienstbedingungen aufgenommen. Sie wurden daraufhin als Deserteure in ein Untersuchungsgefängnis gesperrt. Anfang Mai stürmten Frauen in der Stadt Chust in der Region Transkarpatien das Einberufungsbüro und protestierten gegen die Entsendung ihrer Männer von der Territorialverteidigung an die Front im Donbass. Der Leiter des Büros ging nicht darauf ein, woraufhin die Frauen begannen, Fenster einzuschlagen und in das Gebäude einzudringen.

Diese Proteste und die mangelnde Bereitschaft, »Kanonenfutter« zu sein, sind zum Teil darauf zurückzuführen, dass die russische Armee im Mai ihre Taktik geändert hat. Anstatt mit Panzerkolonnen tief in die Ukraine einzudringen, wendet sie nun die Taktik an, die ukrainischen Streitkräfte mit Langstreckenartillerie langsam zu zermalmen und befestigte Gebiete in Staub zu »zerlegen«. Unter diesen Bedingungen hat das ukrainische Militär kaum eine Überlebenschance.

Wolodimir Selenskij behauptet, dass inzwischen 700.000 ukrainische Soldaten an den Kämpfen beteiligt sind. Das russische Militär in der Ukraine zählt nach Schätzungen des ukrainischen Verteidigungsministers Olexij Resnikow 167.000 Mann. Der Grund für den Rückzug der dreimal so großen Armee ist nicht so sehr der Mangel an Waffen, die von den NATO-Ländern sehr aktiv bereitgestellt werden, sondern die mangelnde Motivation der ukrainischen Soldaten.

Einige von ihnen wurden auf den Straßen von Charkiw dabei erwischt, wie sie Einberufungsbefehle für die Armee übergaben. Sie werden auch an Landwirte verteilt, die jetzt mit der Aussaat beschäftigt sind, um die Welt vor einer drohenden Hungersnot zu retten. Selbst der Berater des Innenministers, Wiktor Andrusiw, war über diese Praxis empört und erklärte, dass unmotivierte Soldaten an der Front eine Katastrophe seien, da sie in 100 Prozent der Fälle »Verweigerer« seien. Und wenn sie sich weigerten, an wichtigen Operationen teilzunehmen, störten sie diese nur, schrieb Andrusiw vergangene Woche auf seinem Telegram-Kanal.

Ein solcher Krieg wird bis zum letzten Ukrainer weitergehen, bis sich die vom Westen abhängige Ukraine zu konstruktiven Verhandlungen bereit erklärt. Die westlichen Führer sagen jedoch einen langwierigen Krieg voraus und fordern mehr Waffen. In der Zwischenzeit sagen die Arbeiter, die den Asphalt auf den Gassen der Friedhöfe für neue Gräber entfernen, dass sie ihre Arbeit nicht bewältigen können, weil sie nicht genug Hände haben. Einige von ihnen wurden direkt von ihrem Arbeitsplatz aus eingezogen, andere gingen nicht mehr zur Arbeit und zogen es vor, sich vor der Einberufung zu verstecken.

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  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland (30. Mai 2022 um 13:55 Uhr)
    »Wir sehen keine ukrainischen Truppen auf dem Territorium Russlands, aber wir sehen russische Soldaten in der Ukraine« (Tagesschau vom 26.04.2022). Eine Geschichte verkürzt zu erzählen, ist eine der Manipulationsmethoden. Es kommt immer darauf an, was davor war. Wer begann diesen Krieg? Es war die Ukraine, mit dem Beschuss der »Volksrepubliken« ab 2014, andauernd bis jetzt. Wenn die Tagesschau diesen Zusammenhang nicht herstellt, dann manipuliert sie die Meinungen. Da der Beschuss durch die Ukraine acht Jahre lang nicht aufhörte, also mit den bisherigen Methoden nicht zu stoppen war (z. B. Minsk II), riefen die Separatisten Russland zu Hilfe, in dieser Reihenfolge. So ähnlich wie die Tagesschau wird die deutsche Wochenschau 1945 auch argumentiert haben: »Es gibt eine Sache, die offensichtlich ist und nicht mit Argumenten wegzudiskutieren: Wir sehen keine deutschen Truppen auf dem Territorium der USA, aber wir sehen amerikanische Soldaten in Deutschland, und US-Bomber, die die Zivilbevölkerung terrorisieren.« Dann waren nach dieser die Vorgeschichte ignorierenden Argumentation die USA damals also der Aggressor, so wie jetzt Russland, auf fremdem Territorium? Auf diesem Territorium sind sie 77 Jahre später übrigens immer noch. Die Floskel »fremdes Territorium« ohne Vorgeschichte sagt gar nichts.
  • Leserbrief von Peter Groß aus Bodenseekreis (30. Mai 2022 um 12:16 Uhr)
    »Um ihre ›Freiheit‹ zu erreichen, gehen ›Christen‹ wieder über Leichen.« So lautete der Text auf einem mehrere Meter langen Transparent, das wir Lehrlinge 1967 durch die Berliner Straßen trugen. Nach über 50 Jahren schreibe ich diesen Kommentar aus dem Bodenseekreis, wo ich jeden Tag an Busse und Bahnen erinnert werde, die Soldaten an irgendeine Front karren oder Busse, mit olivgrüner Bundeswehrbeschriftung, die Mitarbeiter von Rüstungsunternehmen an Arbeitsplätze der Mordindustrie fahren. Später Touristen, durch den, ehemals durch das nationalsozialistische Reiseunternehmen »Kraft durch Freude« wirtschaftlich zu Wohlstand gekommenen, Bodenseekreis. Hier, wo Uniformen der Bundeswehr besonders nachhaltig den Geruch von Weihrauch ausdünsten, erklärte die Landessynode der evangelischen Kirche in Baden, dass sie die Lieferung von Waffen an die Ukraine rechtfertigt. Niemand scheint glauben zu wollen, dass diese Busse und Bahnen vermutlich in wenigen Monaten die eigenen, oder jene Kinder, die für mehrere Zehntausende Euro von ukrainischen Leihmüttern gekauft wurden, wie Schlachtvieh an die russische Grenze bringen. Irgendwo nach Osteuropa. In Länder, aus denen heute Menschenhändler Prostituierte, Landarbeiter, Pflegekräfte oder Transportfahrer ins Land schmuggeln. Die Ware Mensch ist billig für Sklavenhändler. Junge Frauen (auch Kinder), die versuchen der Armut in ihren Heimatländern zu entkommen, landen in deutschen Bordellen. Meistens stammen sie aus Rumänien, Bulgarien, aber auch aus Polen oder der Ukraine. Allein 40.000 Prostituierte sind in Deutschland zur Sexsklaverei gezwungen, verdingen sich oft für den Gegenwert einer Packung Zigaretten. Die Bundesregierung befindet sich in einer manischen Phase und den Waffenlieferungen folgen, wie seit 1914, gut gedrillte Soldaten. Die depressive Phase beginnt, wenn junge deutsche Menschen, Frauen und Männer in Holzsärgen zurückkommen und sich die Namen auf den Soldatenfriedhöfen vervielfachen. Ruft jetzt laut: Nie wieder Krieg.
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland (30. Mai 2022 um 10:13 Uhr)
    Kiew hatte ja bereits 2014 das Problem, dass die normale ukrainische Armee, welche die Zivilbevölkerung im Donbass beschießen sollte, dies teilweise ablehnte. Daher wurde diese Aufgabe neonazistischen Freischärler-Verbänden wie »Asow« übertragen. Die errichteten in Mariupol ihr Hauptquartier. »Asow« stand damals kurz davor, selbst von den USA als Terrororganisation eingestuft zu werden. Die Eingliederung in die reguläre ukrainische Armee bewahrte sie davor und bildete gleichzeitig den besonders antirussischen, harten Kern der Truppe. Nun, wo diese Verbände weitgehend vernichtet sind (von ursprünglich 25.000 Mann der Garnison Mariupol begaben sich die letzten 2.500 in Gefangenschaft), wollen weitere Ukrainer auch nicht mehr kämpfen … Es handelt sich immer noch um einen Bürgerkrieg zwischen Ost- und Westukraine, auch wenn die Regierungen in Donezk und Lugansk nach 14 Jahren und 14.000 Toten Russland zu Hilfe gerufen haben. Rosa Luxemburg zweifelte bereits 100 Jahre vor Putin an einer ukrainischen Nation. Sollte sie recht behalten, wäre das ein wichtiger Grund, warum trotz aller Propaganda viele ukrainische Soldaten nicht für die neuen Herren aus dem Westen Krieg gegen Russland führen wollen. Rosa L.: »Der ukrainische Nationalismus war in Russland ganz anders als etwa der tschechische, polnische oder finnische, nichts als eine einfache Schrulle, eine Fatzkerei von ein paar Dutzend kleinbürgerlichen Intelligenzlern, ohne die geringsten Wurzeln in den wirtschaftlichen, politischen oder geistigen Verhältnissen des Landes, ohne jegliche historische Tradition, da die Ukraine niemals eine Nation oder einen Staat gebildet hatte, ohne irgendeine nationale Kultur, außer den reaktionär romantischen Gedichten Schewtschenkos. Es ist förmlich, als wenn eines schönen Morgens die von der Wasserkante auf den Fritz Reuter hin eine neue plattdeutsche Nation und Staat gründen wollten.« http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Ukraine1/rosa.html
  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt (30. Mai 2022 um 07:26 Uhr)
    Tut mir leid es sagen zu müssen: Wer sein Wissen nur aus diesem Artikel schöpft, könnte am Ende der Meinung sein: Es seien die ukrainischen Truppen, die Leid und Zerstörung über Russland bringen; klar doch, dass kein Ukrainer daran als Kanonenfutter mitwirken will. Ein Nachsatz wäre angebracht, z. B. das Zitat von UN-Generalsekretär Guterres anlässlich seines Russland-Besuches: »Es gibt eine Sache, die offensichtlich ist und nicht mit Argumenten wegzudiskutieren: Wir sehen keine ukrainischen Truppen auf dem Territorium Russlands, aber wir sehen russische Soldaten in der Ukraine« (Tagesschau vom 26.04.2022).

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