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Aus: Ausgabe vom 30.05.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Korn oder Krieg

Moskau offenbar bereit, Korridor für Export ukrainischen Getreides zu öffnen. Kiew fordert mehr Waffen. Donbass-Front nähert sich Slawjansk
Von Reinhard Lauterbach
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Ein ukrainischer Bauer mit Schutzweste und Helm auf einem Feld nahe Saporischschja (26.4.2022)

Russland ist nach Angaben des Kreml bereit, an der Öffnung eines Korridors zum Export ukrainischen Getreides mitzuwirken. Voraussetzung sei aber, dass die Ukraine die von ihr vor der eigenen Küste verlegten Seeminen wieder entferne und der Westen die entsprechenden Sanktionen gegen Russland aufhebe, heißt es in einer Mitteilung des Kreml nach einer etwa 80 Minuten langen Telefonkonferenz zwischen Wladimir Putin, Olaf Scholz und Emmanuel Macron am Sonnabend. Berliner und Pariser Mitteilungen über das Gespräch enthalten diese Aussage nicht, in Großbritannien warf der Geheimdienst Russland vor, es verbreite »ablenkende Narrative«, in Kiew erklärte Außenminister Dmitro Kuleba, das ganze Problem sei die russische Blockade des ukrainischen Weizenexports.

In diesen Darstellungen vermischen sich mehrere Aspekte, und keine Seite ist ganz aufrichtig. Richtig ist, dass es keine direkten westlichen Sanktionen gegen den Export von Getreide und anderen Nahrungsrohstoffen aus Russland gibt. Russland hat den Export dieser Produkte tatsächlich im März von sich aus eingestellt – für Weizen, Gerste und Mais bis Ende Juni, für Zucker bis Ende August. Allerdings würde Russland bei einem wiederaufgenommenen Export riskieren, dass die Erlöse im westlichen Bankensystem beschlagnahmt würden. Der Streit dreht sich also im Kern um die antirussischen Finanzsanktionen. Auf der anderen Seite übertreibt Kuleba mit seiner Behauptung, die Ukraine allein könne die drohende Weizenknappheit beheben. Russland hat vor den Sanktionen ungefähr doppelt so viel Weizen auf den Weltmarkt gebracht wie die Ukraine, und beide zusammen etwa so viel wie Indien, das den Weizenexport zur Sicherung der Eigenversorgung nach der Hitze- und Dürrewelle des Frühjahrs ebenfalls gestoppt hat.

Unterdessen schrieb am Wochenende die New York Times, dass die US-Regierung bereit sei, der Ukraine Raketenartilleriesysteme zu liefern. Allerdings nur solche mit einer Reichweite von 70 Kilometern, um nicht direkte ukrainische Angriffe auf russisches Territorium zu ermöglichen und damit eine Eskalation des Verhältnisses zu Russland zu riskieren. Andererseits schrieb dieselbe Zeitung auch über Überlegungen in Washington, die von Kiew geforderten weiterreichenden Systeme im nächsten Schritt ebenfalls zu liefern. Derweil hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) die ukrainischen Erwartungen an deutsche Waffenlieferungen als überzogen kritisiert. Habeck – zuvor ein rhetorischer Vorreiter deutscher Waffenlieferungen – sagte gegenüber Bild am Sonntag, die Bundesrepublik könne nicht mehr liefern, als sie selbst habe.

Zwischenzeitlich setzen russische Einheiten ihren langsamen Vormarsch im Donbass offenbar fort. Nach der – von Kiew nach wie vor bestrittenen – Eroberung des Bahnknotenpunkts Liman im Norden des Gebiets Donezk nannte das Institute for the Study of War aus Washington die Eroberung der Stadt Slawjansk als wahrscheinliches nächstes Ziel. Einstweilen fiel dort und in der Nachbarstadt Kramatorsk am Sonntag der Strom aus, nachdem eine Hochspannungsleitung durch Beschuss beschädigt worden war. Die Kämpfe um die Industriestadt Sewerodonezk gingen weiter. Ein ukrainischer Offizier, der gegenüber einem Reporter der Washington Post über Versorgungsmängel und die Flucht vorgesetzter Stäbe aus der Region berichtet hatte, wurde vom Geheimdienst SBU festgenommen und wegen des Verrats militärischer Geheimnisse inhaftiert.

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  • Leserbrief von Dr. Gerd Machalett aus Siedenbollentin (30. Mai 2022 um 14:53 Uhr)
    Müssen wir wegen Putins Krieg hungern? Wegen dieser Tatarenmeldung in den Erregungsmedien zogen prompt die Mehlpreise durch Spekulationen weltweit an, obwohl die Saat für die Ernte 2022 gerade erst im Boden ist. Die Fachmedien wie „agrar heute“ schlagen Alarm: Putins Krieg ist schuld! Allerdings versicherte uns der Bauernpräsident Ruckwied, dass trotz des Krieges das Brot für 2022 gesichert sei. Wir importierten auch nur 0,1 Prozent unseres Bedarfes jährlich aus der Ukraine. 800 Millionen Menschen auf der Welt hungern, zwei Milliarden sind mangelernährt. Hunger tritt bei Armut auf. 50 Prozent der Hungernden sind Kleinbauern, 20 Prozent gehören zur landarmen Bevölkerung und 20 Prozent sind verarmte Städter, der Rest sind Indigene, Nomaden oder Fischer. Ursachen sind ein verzerrter Welthandel, Spekulationen und Landraub des »inneren Imperialismus«, z. B. gehören 43 Prozent der Ackerflächen in M/V nicht den Bauern, sondern Banken, Kapitalgesellschaften, Konzernen oder Hedge-Fonds. Als Pachtsummen werden bis zu 750€/ha/Jahr genannt. Damit ist keine ökonomische Produktion mehr möglich. Die wichtigsten Getreide-exportierenden Länder auf der Welt (Anteil am Weltexport 2020):
    • Russland 19,60%
    • EU 14,96%
    • Kanada 13,95%
    • USA 13,43%
    • Australien 9,92%
    • Ukraine 8,48%
    Gegenwärtig laufen merkwürdige Dinge in der Ukraine ab: lange Wagenkolonnen und Eisenbahnzüge transportieren Weizen aus den ukrainischen Lagern Richtung Westen. Die Häfen sind nicht benutzbar, weil sie von Selenskijs Truppen vermint wurden und die im Schwarzen Meer treibenden Minen die Handelsschifffahrt unmöglich machen. Offizielle Begründung: Platz schaffen für die kommende Ernte. Sollen die Ukrainer ab Sommer hungern? Hunger wurde schon öfter als Waffe eingesetzt: 1943 ließ Churchill aus Indisch-Bengalen Brotgetreide nach Europa abtransportieren und nahm bedenkenlos Millionen Hungertote in Kauf(»Die Inder sind an dem Hunger selbst schuld, weil sie sich wie die Kaninchen vermehren«, Churchill). Der eloquente Schwätzer als Wirtschaftsminister sagte es in Englisch: Eine Aufhebung der Russland-Sanktionen schließt er aus, auch wenn hunderttausende verhungern müssten – eine schöne Moral!
    Die unüberlegte Sanktionspolitik des Wertewestens ist übrigens ein wesentlicher Grund für den drohenden weltweiten Hunger, denn als erbärmliche Ökonomen haben sie nicht begriffen, dass ihre Sanktionen einem Harakiri gleichkommen: Russland und Weißrussland haben 40 Prozent Anteil am weltweiten Düngemittelmarkt. Ausfuhren sind wegen der Sanktionen eingestellt worden. Ernteverluste auf den Feldern in der Ukraine, der EU und USA werden wahrscheinlich. Im letzten Jahr zahlten die Bauern bei uns 200€/t Stickstoff-Dünger, jetzt sind es 1200€/t. Hier hilft auch nicht Hofreiters Jammern über das Ausfuhrverbot Indiens. Freunde aus Marokko schickten mir eine Mail: Erfolg der Diplomatie des Königs in Rabat: Indien hat Marokko vom Ausfuhrverbot ausgenommen und Russland verspricht die bedarfsgerechte Getreidelieferung. In Deutschland wird die dramatische Lage auch für die eigene Bevölkerung ignoriert. Weiterhin werden 12 Prozent des Getreides bei uns »verspritet« und Mais »vergast«. Die Probleme »werden nicht mehr diskutiert, sondern skandalisiert«. Unbekannt bei uns: China hat den Hunger als gesellschaftliches Problem überwunden und ist zum Exporteur von Nahrungsmitteln geworden. Russland konnte dank der Sanktionen des Westens sich vom Getreide-Importland zum größten Exportland von Brotgetreide entwickeln. Arroganz war schon immer ein schlechter Ratgeber. »Sowas kommt von sowas« – meine ich.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (30. Mai 2022 um 14:37 Uhr)
    Russlands Position wird gegenüber dem sanktionierenden Westen immer stärker, nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich. Der Kreml verkauft zwar weniger Öl und Gas, aber verdient durch Preissteigerungen immer mehr daran. Dazu kommt jetzt noch die Preisexplosion auf dem Getreidemarkt. Russlands macht den Getreideexport zum Druckmittel, um Zugeständnisse vom Westen zu erhalten. In einem Telefonat forderten Olaf Scholz und Emmanuel Macron Putin auf, die Kornlieferungen per Schiffe passieren zu lassen. Der russische Staatschef betonte daraufhin, er sei bereit, verschiedene Möglichkeiten des ungehinderten Getreideexports zu erörtern, sollten »antirussische Sanktionen« abgebaut werden. Damit lautet die Frage nicht wie im Titel des Artikels behauptet wird »Korn oder Krieg«, sondern Korn oder Sanktionen!
  • Leserbrief von C. Hoffmann (30. Mai 2022 um 11:02 Uhr)
    An Hagen R.: Die ukrainische Armee hat die Häfen vermint, benutzt zivile Handelsschiffe als Schutzschilde. Aber die Russen sind die Blockierer? Ihre Logik ist nicht wirklich nachvollziehbar. Der Hafen von Mariupol ist inzwischen von Minen geräumt und wieder funktionsfähig, einschließlich eines Auslaufkorridors. Ach ja, das Schwarze Meer ist derzeit für zivile Handelsschiffe auch deshalb unsicher, weil sich ukrainische Seeminen bei Sturm losgerissen haben und nun frei im Schwarzen Meer treiben.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Hagen R. aus Rostock (30. Mai 2022 um 20:11 Uhr)
      Dass man Häfen von Minen befreien muss, damit Handelsschiffe fahren können, ist doch klar. Aber Russland fordert, wie im Artikel berichtet, zusätzlich eine Aufhebung der Sanktionen. Sprich, solange das nicht passiert, werden sie die Handelsschiffe nicht durchlassen. Wie soll man das anders nennen als eine Blockade? Und was bitte ist an dieser einfachen Logik nicht nachvollziehbar?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Hagen R. aus Rostock (30. Mai 2022 um 00:04 Uhr)
    Hier werden zwei Dinge vermischt, die miteinander überhaupt nichts zu tun haben: Ja, russisches Getreide wird durch Russland nicht mehr exportiert. Vielleicht hängt das mit westlichen Finanzsanktionen zusammen, vielleicht auch nicht. Aber darum dreht sich »der Streit« eben gerade nicht »im Kern«. Sondern er dreht sich um das ukrainische Getreide, das die Ukraine gern exportieren würde. Das ist von überhaupt keinen Sanktionen betroffen, weder von Handels- noch Finanzsanktionen. Das ist einfach nur in den Häfen blockiert von einer russischen Seeblockade.

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