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Aus: Ausgabe vom 25.05.2022, Seite 15 / Antifa
Antifaschismus

Er war ein wandelndes Lexikon

Mit Marcus Buschmüller ist der beste Kenner faschistischer Umtriebe in Bayern verstorben. Ein Nachruf
Von Nick Brauns
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Bis heute kämpfen Überlebende um Entschädigung. Eingang zur Wiesn nach dem Anschlag (München, 26.9.1980)

Es war der 26. September 1980, als eine Bombe auf dem Münchner Oktoberfest detonierte. 13 Menschen – darunter der Neonazi Gundolf Köhler, der den Sprengsatz in einem Müllkorb deponiert hatte – starben bei dem schwersten rechtsterroristischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Zu den Besuchern des Oktoberfestes hatte an diesem Tag auch der 17jährige Marcus Buschmüller gehört. Der bis heute nicht vollständig aufgeklärte Anschlag sollte ihn entscheidend prägen. Denn antifaschistisches Engagement zog sich nun als ein roter Faden durch sein Leben.

Buschmüller war in den 80er Jahren in Gruppen der autonomen Antifa aktiv, beteiligte sich an einer Hausbesetzung, dem Widerstand gegen die Startbahn West in Frankfurt am Main sowie die nukleare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf und sympathisierte mit irischen Freiheitskämpfern. Daneben sammelte er Material über faschistische Umtriebe, über Alt- und Neonazis sowie deren Netzwerke.

Aus den überquellenden Privatarchiven von Buschmüller und einigen seiner Genossen wurde 1989 die Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München – kurz »a.  i. d. a.« Buschmüller wurde zum Vorsitzenden des 1990 eingetragenen und als gemeinnützig anerkannten Vereins. Finanziert wurde und wird der Verein durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. So kann auch die Vor-Ort-Recherchearbeit des unter dem Pseudonym Robert Andreasch tätigen Journalisten – neben Buschmüller das bekannteste Gesicht von »a.  i. d. a.« – finanziert werden. Der Verein kann das wohl umfassendste Archiv über faschistische und rechte Aktivitäten in Bayern und darüber hinaus sowie eine Tausende Bände umfassende Bibliothek sein eigen nennen.

Längst hatte der Archivverein auch in bürgerlichen Kreisen einen guten Namen, Journalisten griffen gerne auf dessen Wissen zurück. Im Jahr 2008 wurde die Vereinigung von der »rot-grün« regierten Stadt München mit dem »Förderpreis Münchner Lichtblicke« ausgezeichnet. Doch wer sich im Freistaat mit braunen Umtrieben, die bis in den rechten Rand der CSU reichten, befasst, macht sich keine Freunde im Staat. So fand »a.  i. d. a.« 2009 erstmals im Kapitel »Linksextremismus« des bayerischen Verfassungsschutzberichtes Erwähnung, verlor deswegen seine Gemeinnützigkeit und wurde aus dem landesweiten »Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus« ausgeschlossen.

»Namentlich die a.  i. d. a. versucht verstärkt, bei demokratisch initiierten Projekten gegen Rechtsextremismus Fuß zu fassen und hier Einfluss zu gewinnen«, behauptete Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Als Beleg für deren vermeintliche Verfassungsfeindlichkeit wurden etwa mehr als 20 Jahre zurückliegende Bagatelldelikte aus Buschmüllers Zeit bei den Autonomen angeführt. Der Verein klagte gegen die Nennung im Geheimdienstbericht. Nach dreieinhalbjährigem Verfahren erklärte sich das Innenministerium zu einem Vergleich bereit. Der Verein wurde rückwirkend aus den Berichten gestrichen und fortan nicht mehr darin aufgeführt.

Buschmüller, der eine Teilzeitstelle in der 2008 eingerichteten und aus städtischen Mitteln getragenen »Fachinformationsstelle gegen Rechtsextremismus« bekam, war allen, die mit ihm zusammenarbeiteten, als wandelndes Lexikon bekannt. Gemeinsam von »a.  i. d. a.« und dem Berliner Apabiz getragen wird zudem der Blog »NSU Watch«, der die Aufklärungsarbeit zu der faschistischen Terrororganisation kritisch begleitet und Hintergründe recherchiert. Im Bayerischen Landtag ist vergangene Woche ein zweiter NSU-Untersuchungsausschuss eingesetzt worden, der sich unter anderem mit der bayerischen Neonaziszene befassen soll.

Das Gremium muss ohne die Expertise von Buschmüller auskommen. Denn am vergangenen Donnerstag ist der wohl beste Kenner faschistischer Umtriebe im Freistaat Bayern nach schwerer Krankheit im Alter von nur 58 Jahren verstorben.

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