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Aus: Ausgabe vom 25.05.2022, Seite 12 / Thema
Arbeiterbewegung und Russland

»Blutige Arbeit zu verrichten«

Von tiefer Abneigung zur Weltkriegsstimmung, von Heine bis Haase: Wie die deutsche Linke lernte, Russland zu hassen
Von Knut Mellenthin
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Feindbilder: Antirussische Karikaturen aus der zweiten Hälfte des Jahres 1914 in der sozialdemokratischen Satirezeitschrift Der wahre Jacob

Am 4. August 1914 stimmte die SPD, die damals mit 110 von 397 Abgeordneten die stärkste Fraktion im Reichstag stellte, zum ersten Mal den Krediten zu, mit denen der Weltkrieg finanziert werden sollte, der eine Woche zuvor mit dem Angriff Österreich-Ungarns auf Serbien begonnen hatte. Ob auch Karl Liebknecht wirklich mit Ja votierte, wie fast überall behauptet wird, oder ob er den Saal vor der Abstimmung verlassen hatte, wie sehr viel seltener zu lesen ist, scheint ungewiss. Tatsächlich stimmten nur 108 der 110 Abgeordneten zu.

Sicher ist, dass Liebknecht am 2. Dezember 1914 als einziges Mitglied des Reichstags gegen die Ausweitung der Kriegskredite stimmte. In der schriftlichen Begründung, die er dem Reichstagspräsidenten für das Protokoll übergab, erklärte er, es handele sich deutscherseits nicht um einen Verteidigungskrieg – wie der größte Teil der SPD und der Gewerkschaften behauptete, – sondern »um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung wichtiger Siedlungsgebiete für das Industrie- und Bankkapital«. Zugleich sei der Krieg »ein bonapartistisches Unternehmen zur Demoralisierung und Zertrümmerung der anschwellenden Arbeiterbewegung«.

Deutscher Krieg

Am 4. August 1914, als die SPD im Reichstag durch ihren Fraktions- und Parteivorsitzenden Hugo Haase erklären ließ, nicht für oder gegen den Krieg sei in dieser Stunde zu entscheiden, sondern »über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel«, war der Stand der Dinge kurz zusammengefasst folgender: Am 28. Juni waren Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau während eines Besuchs in Sarajewo, der Hauptstadt der 1908 unter umstrittenen Umständen annektierten Region Bosnien-Herzegowina, von einem jungen serbischen Nationalisten getötet worden. Die Regierung in Wien machte den Staat Serbien für das Attentat verantwortlich. Von der deutschen Führung explizit angetrieben, stellte Österreich-Ungarn am 23. Juli ein Ultimatum, das absichtlich unannehmbar formuliert war. Nach dessen Ablauf folgte am 28. Juli die Wiener Kriegserklärung an Serbien und einen Tag später der Beschuss des grenznahen Belgrads mit Artillerie.

Das brachte mit einem hohen Grad an voraussehbarer Zwangsläufigkeit Russland als Schutzmacht Serbiens und Frankreich als Verbündeten Russlands ins Spiel. Unter diesen Umständen verzichtete das Deutsche Reich auf weitere diplomatische Bemühungen: Am 1. August erklärte es Russland und am 3. August auch Frankreich den Krieg. Da der deutsche Kriegsplan einen Vorstoß durch Belgien vorsah, dessen Neutralität die europäischen Großmächte 1839 garantiert hatten, trat Großbritannien am 4. August wenige Stunden nach Beginn des deutschen Angriffs in den Krieg ein. Das war die Lage, als der Reichstag am Nachmittag zur Abstimmung über die Kredite zusammentrat. Es war das Muster eines maßgeblich und bewusst von Deutschland herbeigeführten imperialistischen Krieges, vor dem alle sozialdemokratischen Parteien Europas seit Jahren gewarnt hatten.

Scheinbar ganz im Sinne früherer Bekundungen und Beschlüsse hatte der Parteivorstand der SPD am 25. Juli verurteilt, dass »die vom österreichischen Imperialismus entfesselte Kriegsfurie« sich anschicke, »Tod und Verderben über ganz Europa zu bringen«. Von der deutschen Regierung wurde gefordert, »dass sie ihren Einfluss auf die österreichische Regierung zur Herstellung des Friedens ausübe und sich jeder kriegerischen Einmischung enthalte. Kein Tropfen Blut eines deutschen Soldaten darf dem Machtkitzel der österreichischen Gewalthaber und den imperialistischen Profitinteressen geopfert werden.«

Für den 28. Juli hatte die SPD allein in Berlin 32 Versammlungen gegen den drohenden Krieg angemeldet. Da Kundgebungen im Freien verboten worden waren und Versuche dazu gewaltsam unterdrückt wurden, mussten die Proteste als Saalveranstaltungen durchgeführt werden. Landesweit beteiligten sich 700.000 Menschen, davon 100.000 in Berlin. Einen Tag später versicherte der Abgeordnete Albert Südekum als Vertreter des Parteivorstands dem Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg in einem vertraulichen Schreiben und während einer persönlichen Begegnung, dass von der SPD »keinerlei wie immer geartete Aktion« – gemeint waren vor allem Arbeitskämpfe bis hin zum Generalstreik – »geplant oder auch nur zu befürchten« seien. Der Parteivorstand anerkenne »ferner die Notwendigkeit einer Vermeidung von zweideutigen oder missverständlichen Äußerungen in der Presse« und sei »bemüht, diese seine Auffassung auch den Redakteuren der Parteizeitungen zu übermitteln«.

Pragmatische Internationale

In den Jahren, die dem Weltkrieg vorangingen, hatten sich die Krisen zwischen den Großmächten stetig verschärft und mehrmals nahe an einen allgemeinen europäischen Krieg herangeführt. Zuletzt war das während der beiden Balkankriege 1912 und 1913 der Fall gewesen, an denen in wechselnden Kombinationen Griechenland, Serbien, Montenegro, Bulgarien, Rumänien und das Osmanische Reich direkt beteiligt gewesen waren. Zuvor hatte die Annexion Bosnien-Herzegowinas, die Österreich-Ungarn am 5. Oktober 1908 mit deutscher Unterstützung gegen den Willen Russlands verkündet hatte, ebenfalls Weltkriegsbefürchtungen ausgelöst. 1905 und 1911 hatten provozierende deutsche Aktionen gegen das Vordringen Frankreichs in Nordafrika zur ersten und zweiten »Marokko-Krise« geführt.

Aufgrund der offensichtlich wachsenden Gefahr eines bewaffneten Konflikts zwischen mehreren europäischen Großmächten hatte die Sozialistische Internationale immer wieder Versuche unternommen, die in ihr vereinigten Parteien auf eine gemeinsame Haltung und Strategie gegen die Gefahr eines allgemeinen Krieges einzuschwören. Vor allem geschah das auf mehreren Kongressen, die 1907 in Stuttgart, 1910 in Kopenhagen und zuletzt vor dem Ersten Weltkrieg am 24. und 25. November 1912 in Basel stattfanden. Um die Problematik und Brüchigkeit der Beschlüsse zu ermessen, muss man sich vergegenwärtigen, dass diese »Internationale« so unterschiedliche Kräfte wie die zum Revisionismus – also zur Aufweichung früherer Grundsätze – abdriftende SPD auf der einen und den bolschewistischen Flügel der russischen Sozialdemokraten auf der anderen Seite umfasste.

Das Treffen in Basel war außerplanmäßig als Reaktion auf den Beginn des ersten Balkankriegs im Oktober 1912 einberufen worden. Die dort beschlossene Resolution beginnt mit den Sätzen: »Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, (…) alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern (…). Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.«

Im weiteren waren in der Resolution »besondere Aufgaben« für die Parteien der wichtigsten europäischen Länder formuliert. Zusammengenommen ergab sich daraus, dass das vom Zarismus beherrschte Russland, das durch Bündnisverträge mit Großbritannien und Frankreich verbunden war, als gefährlichstes Problem angesehen wurde. Den »Untergang« des Zarismus »herbeizuführen«, müsse »die gesamte Internationale als eine ihrer vornehmsten Aufgaben ansehen«.

Als übergreifendes Hauptziel wurde in der Resolution auf »die Überwindung des Gegensatzes zwischen Deutschland auf der einen, Frankreich und England auf der anderen Seite« orientiert. Das würde, hieß es zur Begründung, »die größte Gefahr für den Weltfrieden beseitigen, die Machtstellung des Zarismus, der diesen Gegensatz ausbeutet, erschüttern« und einen Überfall Österreich-Ungarns auf Serbien »unmöglich machen«. In diesem Zusammenhang stelle »die künstlich genährte Gegnerschaft« zwischen Großbritannien und Deutschland »die größte Gefahr für den Frieden Europas« dar. Die Arbeiterklasse der beiden Länder müsse sich bemühen, »diesen Gegensatz zu überbrücken«, und insbesondere für den Abschluss eines deutsch-britischen Vertrages »über die Einstellung der Flottenrüstungen« eintreten. Das klang mehr pragmatisch als antiimperialistisch und unterschied sich deutlich von der viel negativeren Beurteilung Russlands in dieser Resolution und überhaupt durch die sozialdemokratischen Parteien.

Verlogenene Parolen

Als Hugo Haase am 4. August 1914 zu begründen hatte, warum alle Resolutionen und Vereinbarungen der Internationale nichts mehr gelten sollten, konzentrierte er seine Argumentation auf die angeblich von Russland drohende Gefahr, die nach seiner Logik jeden deutschen Krieg gegen Russland automatisch zu einem Verteidigungskrieg machte: »Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus (…) viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen.«

Es gibt glaubwürdige Berichte, dass Haase seinen Text nur ungern vorgetragen, aber sich der »Parteidisziplin« unterworfen habe. Gesichert ist, dass er sich in der Fraktionssitzung, die der Abstimmung vorangegangen war, ebenso wie 13 weitere Abgeordnete gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten ausgesprochen hatte. Im April 1917 gehörte er zu den Gründern der kriegsgegnerischen USPD und wurde deren erster Vorsitzender.

Dass es sich bei seiner Begründung des Abstimmungsverhaltens der SPD am 4. August 1914 um einen sophistischen, unehrlichen Trick handelte, muss Haase bewusst gewesen sein. Die inneren Zustände Russlands und seine Außenpolitik hatten sich seit den Beschlüssen der Internationale von 1907, 1910 und 1912 nicht geändert. Dass Russland, falls es zu einem großen Krieg kommen sollte, an diesem mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Verbündeter Frankreichs und Großbritanniens teilnehmen würde, war vorauszusehen. Die offizielle Position der Internationale zu dieser Konstellation war bis zum Sieg des Chauvinismus im Sommer 1914 immer gewesen, dass alle Großmächte sich durch ihre räuberische Politik und ihre Geheimverträge zur Neuziehung der europäischen Grenzen gleichermaßen so schuldig gemacht hatten, dass auf keiner Seite von einem »gerechten Krieg« die Rede sein konnte.

Als Karl Liebknecht am 2. Dezember 1914 erstmals gegen die Ausweitung der Kriegskredite stimmte, hieß es in seiner Begründung mit offensichtlichem Bezug auf das Hauptargument der SPD für den Krieg: »Die deutsche Parole ›Gegen den Zarismus‹ diente – ähnlich der jetzigen englischen und französischen Parole ›Gegen den Militarismus‹ – dem Zweck, die edelsten Instinkte, die revolutionären Überlieferungen und Hoffnungen des Volkes für den Völkerhass zu mobilisieren. Deutschland, der Mitschuldige des Zarismus, das Muster politischer Rückständigkeit bis zum heutigen Tag, hat keinen Beruf zum Völkerbefreier. Die Befreiung des russischen wie des deutschen Volkes muss deren eigenes Werk sein. Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg. Sein geschichtlicher Charakter und bisheriger Verlauf verbieten, einer kapitalistischen Regierung zu vertrauen, dass der Zweck, für den sie die Kräfte fordert, die Verteidigung des Vaterlandes ist.«

Zertrümmerung Russlands

Dass die Zustimmung zum Weltkrieg als vorgebliche Verteidigung der deutschen Kultur und nationalen Unabhängigkeit gegen den »russischen Despotismus« in der SPD so leicht durchzusetzen war, wurzelte tief in der Geschichte des 19. Jahrhunderts. Karl Liebknechts Vater Wilhelm zum Beispiel hatte sich beim Nürnberger Arbeitertag 1868 in geradezu erschreckender Weise geäußert: »Einer der Vorredner hat für die allgemeine Entwaffnung gesprochen. Auch ich bin dafür. Aber sie kann erst eintreten, wenn alle Feinde der Völker unschädlich gemacht sind, und das wird noch lange dauern. Für Deutschland und Frankreich scheint mir die Stunde der Befreiung nicht sehr fern. Doch mit unserer Befreiung sind wir nicht am Ziel, es bleibt uns noch eine blutige Arbeit zu verrichten und eine heilige Pflicht zu erfüllen: die Zertrümmerung Russlands, die Wiederherstellung Polens.«

Die Zertrümmerung Russlands als »blutige Arbeit« – konnte man das missverstehen? Gemeint waren offensichtlich kriegerische Mittel. Zur Wiederherstellung Polens musste man selbstverständlich nicht ganz Russland zerstören. Aufschlussreich ist auch, dass Liebknecht in diesem Zusammenhang außer acht ließ, dass die Aufhebung der polnischen Eigenstaatlichkeit durch drei Teilungsabkommen – 1772, 1793 und 1795 – das gemeinsame Werk dreier Staaten war. Neben Russland waren daran auch Preußen und das Habsburgerreich beteiligt gewesen.

Wilhelm Liebknecht war alles andere als eine Randfigur. Nicht nur an der Führung der 1890 konstituierten SPD, sondern auch an deren Vorläufern seit dem 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein war er maßgeblich beteiligt. Anlässlich des russisch-türkischen Krieges 1877/1878 verfasste Liebknecht einen Artikel »Zur orientalischen Frage oder Soll Europa kosakisch werden?« Russland bezeichnete er dort als »halbbarbarische Macht, die sich gerade so viel Zivilisation angeeignet hat, um ihre barbarischen Ziele mit dem Raffinement der Kultur verfolgen zu können«, und als »de(n) brutalste(n) Raubstaat, den die Geschichte kennt«. Dieser »räuberischste, grausamste, heuchlerischste aller Raubstaaten« dürfe, ereiferte sich Liebknecht, »ungestraft Europa, die Welt, aus einer Panik in die andere stürzen« und »Verwicklungen schaffen, aus denen jeden Augenblick ein europäischer, ein Weltkrieg emporschießen kann«.

Diese extreme Bewertung Russlands war, gemessen an der Rolle der wirtschaftlich und militärisch viel stärkeren und einflussreicheren Großmächte Deutschland, Großbritannien und Frankreich in geradezu obsessiver Weise falsch. Aber Liebknecht blieb dieser irrealen Sichtweise treu. Im Reichstag warf er am 28. November 1888 den herrschenden Kräften Deutschlands und Frankreichs vor, sie würden »vor Russland kriechen« und sich Illusionen über dessen außenpolitisches Verhalten machen. »Das heutige Russland wird stets eine Gefahr des Weltfriedens sein. Friedlich kann Russland nur werden, wenn es gezwungen wird, die Bahnen der europäischen Kultur zu wandeln, und dazu wäre Deutschland in der Lage gewesen.«

Friedrich Engels nahm 1891 in einem Artikel, den er für den französischen »Almanach du Parti Ouvrier« geschrieben hatte und auf deutsch unter dem Titel »Der Sozialismus in Deutschland« veröffentlichte, die spätere Zustimmung der SPD zu den Weltkriegskrediten im Grunde schon vorweg: Falls Frankreich ein Bündnis mit Russland eingehen sollte und es dann zu einem Krieg käme, würde Deutschland »einfach um seine Existenz kämpfen« müssen, warnte Engels. »Die Pflicht« der deutschen Sozialisten wäre es in diesem Fall, »nicht zu kapitulieren«, sondern »bis aufs äußerste Russland (zu) bekämpfen und alle seine Bundesgenossen, wer sie auch seien«.

Diese Konstellation trat wenige Jahre später wirklich ein. Frankreich und das Zarenreich schlossen 1893 ein Bündnis, Großbritannien und Frankreich vereinbarten 1904 die sogenannte Entente Cordiale, und durch den am 31. August 1907 geschlossenen St. Petersburger Vertrag wurde daraus auch formal eine Dreierallianz. Genau vor diesem Hintergrund hielt der SPD-Vorsitzende August Bebel am 17. September 1907 auf dem Essener Parteitag seine legendäre »Flintenrede«: Falls es zu einem Krieg mit Russland kommen sollte, »das ich als Feind aller Kultur und aller Unterdrückten, nicht nur im eigenen Lande, sondern auch als den gefährlichsten Feind von Europa und speziell für uns Deutsche ansehe«, wäre er als »alter Knabe« – er war damals 67 – immer noch »bereit, die Flinte auf den Buckel zu nehmen und in den Krieg gegen Russland zu ziehen«.

Bebel wiederholte damit, was er schon am 7. März 1904 im Reichstag vorgetragen hatte. Für die herrschenden Kräfte des Deutschen Reichs war berechenbar, dass sie im Fall einer großen internationalen Krise nur das Thema »Russland« ins Spiel bringen mussten, um die SPD allen gegenteiligen Schwüren zum Trotz zur offen erklärten Kriegswilligkeit zu bringen. Der Reeder Albert Ballin, der einen direkten Zugang zum Kaiser und zur Reichsregierung hatte, berichtete später, dass er den damaligen Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg gefragt habe, warum man am 1. August 1914 Russland den Krieg erklärt habe. Ballin hielt das für »überstürzt«, weil die diplomatischen Mittel noch gar nicht ausgeschöpft gewesen seien. Der Kanzler habe ihm geantwortet: »Sonst kriege ich die Sozialdemokraten nicht mit«.

Gendarm Europas

Tatsächlich war die jahrzehntelange »Erziehung« der deutschen Arbeiterbewegung nicht nur zu harter Kritik am Zarismus, sondern auch zu einem nicht durchweg gerechten und realistischen, sondern teilweise ressentimentgeladenen und chauvinistisch-überheblichen Russland-Bild ein wesentlicher Faktor bei der Erzeugung der Kriegsbegeisterung im August 1914. Die Entstehung dieser Einstellung liegt in der Zeit nach dem Wiener Kongress (18. September 1814 bis 9. Juni 1815), der über die Neuordnung Europas nach der militärischen Niederlage des von Kaiser Napoleon geführten Frankreichs zu beraten und zu beschließen hatte.

Am 26. September 1815 vereinigten sich Preußen, Österreich und Russland zum festen Kern einer »Heiligen Allianz«, der sich zeitweise und in wechselnden Konstellationen auch andere Staaten anschlossen. Unter salbungsvollen Worten vom »ewigen Frieden« und »christlicher Nächstenliebe« ging es realpolitisch um das Abwürgen jeder liberalen und demokratischen Opposition durch politische Unterdrückung und im Fall revolutionärer Aufstandsbewegungen auch durch militärische Intervention. An Nikolai I., dem Zaren der Jahre 1825 bis 1855, blieb wegen der Niederschlagung des polnischen Aufstands 1830/1831 und der vom Habsburgerreich erbetenen Entsendung von 200.000 Soldaten zur Bekämpfung der ungarischen Revolution 1848/1849 der Schandtitel des »Gendarmen Europas« hängen, obwohl die drei tragenden Monarchien der »Heiligen Allianz« daran in gleicher Weise beteiligt waren.

Die spezifische Einstellung gegenüber dem Zarenreich bezeichnete der deutsche Dichter und Autor Heinrich Heine, der als liberaler Humanist gelten kann, in der Folgezeit des polnischen Aufstands von 1830 als »Russenhass«. Er meinte das nicht etwa kritisch, sondern zustimmend. Im Kapitel »Ein Jahr nach der Juliusrevolution« seiner 1839 veröffentlichten »Denkschrift« gegen Ludwig Börne schrieb Heine: »Deutschland wird einst mit diesem Riesen den Kampf bestehen müssen, und für diesen Fall ist es gut, dass wir die Russen schon früh hassen lernten, dass dieser Hass in uns gesteigert wurde, dass auch alle anderen Völker daran teilnehmen.«

Knut Mellenthin schrieb an dieser Stelle ­zuletzt am 11. März über die gegen Russland ­gerichtete Energiepolitik von USA und EU.

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  • Leserbrief von Erhard Kiehnbaum aus Greifswald (30. Mai 2022 um 12:35 Uhr)
    Wenn der von mir geschätzte Knuth Mellenthin die Wurzeln für gegenwärtigen Russenhass, meint auch bei Bebel, Liebknecht oder gar Heine verorten zu können, so unterliegt er m. E. einem fundamentalen Irrtum. Das reaktionäre zaristische Russland des neunzehnten Jahrhunderts, das Marx, Engels, Bebel und Liebknecht bekämpften, ist mit dem heutigen Russland nicht identisch, auch wenn gegenwärtig herrschende, alte Ressentiments, für ihre Zwecke zu nutzen suchen. Mir sträubt sich mein Haupthaar, wenn ich lese, dass Friedrich Engels 1891 in einem Artikel, »die spätere Zustimmung der SPD zu den Weltkriegskrediten im Grunde schon vorweg« genommen hätte. Ahistorischer geht es (fast) nicht mehr!
  • Leserbrief von Alexandra Liebig (30. Mai 2022 um 10:36 Uhr)
    Von der Sturm-und-Drang-Zeit Heines im zerstückelten »Deutschland« bis zum Ersten Weltkrieg den Weg einer »Linken« in ihrem »Russenhass« aufzuzeichnen, das erscheint mir als ein Bravourstück mit sicher wissenswerten Details. Nur wurden sie leider etwas hingebogen. Wir wissen heute, dass Friedrich Engels Fortschritte der Arbeiterbewegung herbeisehnte, das zukünftige Ausmaß ihrer Zersplitterung genauso wenig voraussehen konnte wie den Mangel mancher Arbeiterführer zur Analyse. »Kein Sozialist, von welcher Nationalität auch immer, kann den kriegerischen Triumph weder der heutigen deutschen Regierung« noch den anderer wünschen. Seiner Meinung nach müsste ein großer Krieg zum Sieg über die »alte kapitalistische Gesellschaft« führen (a. a. O. des Autors zu finden). Nicht Kriegskredite und Umschwenken, sondern die Oktoberrevolution 1917 sah er also 1891 richtig voraus! – Heinrich Heine ist für seine satirischen Artikel u. a. zu deutschen Zuständen, nicht aber für Hasstiraden bekannt. Wie die in deutschen Ländern willkommenen und zur Durchreise nach Paris (dem russischen Verbündeten!) emigrierten Polen nahm Heine seine gutgläubigen Landsleute aufs Korn, die erfundenen russischen Horrorgeschichten lauschten: »Kaiser Nikolas, der Menschenfresser (verspeise) alle Morgen drei kleine Polenkinder, ganz roh, mit Essig und Öl.« Damit zeigten die zivilisierten deutschen Fürsten ihren Untertanen, wie geraten es sei, nur ihnen zu vertrauen und an Revolution nicht zu denken. Das Zitat geht weiter: »das ist ein Dienst, den uns die Polen leisten, die jetzt als Propaganda des Russenhasses in der ganzen Welt umherwandern.«
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (29. Mai 2022 um 17:59 Uhr)
    Natürlich gibt es keinen Determinismus in der Geschichte. Aber ein Erbe gibt es schon. Und aus diesem, selbst wiederum der Historisierung unterliegenden Erbe, resultiert eine Kontinuität der Verantwortung für die jeweiligen Nachgeborenen.
  • Leserbrief von Bernd Jacoby aus Wiesbaden (29. Mai 2022 um 12:26 Uhr)
    Heinrich Heine schreibt laut dem Artikel 1839/40:»Deutschland wird einst mit diesem Riesen den Kampf bestehen müssen, und für diesen Fall ist es gut, dass wir die Russen schon früh hassen lernten …«. Jenes Hassen ist in Deutschland gelungen bis zum heutigen Tage – ich zitiere aus zwei Leserbriefen an die FAZ vom Samstag: Einer mit Bezug auf die Ehrenmale für die Rote Armee, die »die Millionen deutscher Zivilisten verhöhnen, die 1944/45 mit dem Einfall sowjetischer Horden von diesen gefoltert, getötet, vergewaltigt, verschleppt und ausgeplündert wurden …«. Diese Geschichte wiederhole sich »an der ukrainischen Zivilbevölkerung, die Opfer einer enthemmten russischen Soldateska wird.« Ein anderer Leserbrief bezieht sich auf ein Interview der FAZ mit Marina Weisband: »Sie schreibt von den Straßenbeleuchtungen, die die russischen Soldaten in Erstaunen versetzten. 1945 erlebten wir die kuriosesten Dinge, zum Beispiel mit sanitären Anlagen, die den Soldaten offenbar unbekannt waren. 77 Jahre später erfahren wir Ähnliches aus der Ukraine.« Der Leserbriefschreiber leitet daraus die Dummheit und Dumpfheit des russischen Volkes gegenüber Putin ab und: »Russland wird stets eine Gefahr bleiben.« Das sind zwei Leserbriefe in einer Ausgabe der FAZ, die stellvertretend charakterisieren, welcher Geist nunmehr wieder vorherrscht bei gebildeten »Lesern mit klugem Kopf«. Diese Köpfe sind bereit, das umzusetzen, was das Anliegen der ganzen westlichen NATO-Strategie ist: Den russischen (und dann auch den chinesischen) »Feind« so zu entmenschlichen (Horden), dass er wieder Objekt der »zivilisierten« Kolonisierung werden kann. Der Anspruch ist, alles am politischen Stammbaum abzutrennen, was als sozialistischer Ast historisch real entstanden ist, »für immer«. Heine schrieb vor der späteren Entwicklung der Geschichte in aufklärerischer Absicht. Die Leserbriefschreiber löschen historisches Wissen aus, um jetzt handeln zu können. So ist das, wenn die imperiale Revanche im Deutschen ruft!
  • Leserbrief von Hans-Jürgen Joseph aus Berlin (25. Mai 2022 um 15:04 Uhr)
    Die Moritat des Knut Mellenthin lehrt uns, dass der Russenhass tief in der deutschen Linken verankert ist. Er reicht von Wilhelm Liebknecht über August Bebel, der noch als 67jähriger zur Flinte gegriffen hätte, wenn es gegen Russland gegangen wäre. Selbst Friedrich Engels und Heinrich Heine werden als russophob entlarvt. Soll nun die Quintessenz darin bestehen, dass sich die Linke gefälligst bei der Verurteilung des völkerrechtwidrigen Krieges Russlands gegen die Ukraine etwas zurückhalten soll oder ist gar dessen Verurteilung schon Russophobie?
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten R. aus Dresden (26. Mai 2022 um 12:01 Uhr)
      Die wesentliche Schlussfolgerung des Artikels ist nicht die Parteiergreifung für oder gegen Russland oder die imperialistischen Mächte in diesem Konflikt, sondern die Parteiergreifung der Arbeiterklasse gegen die Verbrecher, die sie immer wieder unter verschiedenen Vorwänden (Nation, Religion, »Rasse« …) spalten und gegeneinander hetzen. Seit 2017 stehen deutsche Panzer an der russischen Grenze, obwohl die BRD gar keine Grenze mit Russland hat. Die BRD befeuert massiv die Eskalation des sich für jeden, außer Lügner und Ignoranten, seit Jahrzehnten abzeichnenden Krieges gegen Russland. Die russlandfeindliche, vor allem die selbstschädigende Sanktionspolitik, begann nicht am 24. Februar 2022, sondern mit der BRD-Unterstützung für den faschistischen Putsch in der Ukraine vor acht Jahren. Der Hauptfeind, der uns wieder mal in einen großen Krieg treiben will, steht wie immer im eigenen Land. Und schickt Trolle, die auch in Leserbriefen an die junge Welt die veröffentlichte Meinung der NATO-Journaille wiederkäuen, als ob sich dieser jemand entziehen könnte.
  • Leserbrief von Michael Wallaschek aus Halle (Saale) (24. Mai 2022 um 20:20 Uhr)
    Es ist sicher so, dass die Russophobie durch die Ereignisse des 19. Jahrhunderts noch einmal angestachelt worden ist. Doch hieß es in einem Geographielehrbuch von 1724: »Vor nicht gar langer Zeit wurden die Russen noch für ein sehr unwissendes und so übelgeartetes Volck gehalten / daß man auch in öffentlichen Kirchen-Gebete Gott anruffete / daß er uns vor solchen gnädig bewahren möchte.« Ein anderes solches »Werk« von 1736 formulierte: »Doch ist nicht zu leugnen, daß (…) unter dem Moscowitischen Pöbel selbst viel faules, versoffenes, tückisches und ungezogenes Gesindel angetroffen wird.« Versuche beider Autoren, das mit dem Verweis auf die Verdienste Zar Peter I. abzuschwächen, wirkten eher lau. Selbstredend blieben den Angehörigen der großen mittel- und westeuropäischen Nationen solche Charakterisierungen erspart. Es ist erstaunlich, wie sich die Propaganda über die Jahrhunderte gleicht, stets vorgetragen von deutschen, akademisch gebildeten Eliten und geglaubt von Menschen, die sich angesichts ihrer eigenen unerfreulichen Umstände gern für etwas Besseres halten, wenigstens den Anderen gegenüber. Die alle zusammen mit ausgesuchter Achtsamkeit die üblen Dinge übersehen, die sie selbst in der Welt anrichten.

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