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Aus: Ausgabe vom 25.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

An der Nahtstelle

Flickwerk der Vielstimmigkeit: Die Künstlerin Anne Reiter sucht in Hamburg nach Orten innerdeutscher Erinnerungskultur
Von Fabian Lehmann
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Wie er sich windet: Der Schlauch und die Mauer

Ein grauer Wintertag in der Hamburger Hafencity. Eine junge Frau in einer altmodischen Arbeitsjacke schlingt einen langen, gelb-grau gemusterten Schlauch aus Stoff um das historische Stück Berliner Mauer, das hier verlassen auf dem Platz der Deutschen Einheit steht. Die Situation ist vielsagend und ein zentrales Bild der Ausstellung »ost.west NAHT«, die am kommenden Wochenende in der Hamburger Galerie Hinterconti gezeigt wird.

Der Ort, den Anne Reiter für ihre künstlerische Intervention gewählt hat, ist einer der ganz wenigen in Hamburg, der einen direkten Bezug zur Geschichte der DDR herstellt. Dabei ist der Platz, der dem bundesrepublikanischen Deutschland gewidmet ist, zugleich auch die Adresse der Elbphilharmonie – jenem Palast des Bürgertums, welcher der Hansestadt den kulturellen Metropolenstatus sichern soll. Das Konzerthaus stellt das kleine Stück Mauer dabei buchstäblich in seinen Schatten. Und als wäre das nicht genug der Symbolik, war es ausgerechnet die Axel Springer AG, die das historische Mauerelement 2009 der Stadt schenkte.

Es gelingt Anne Reiter in ihrer ersten Einzelausstellung zu diesem Thema, solche raum-zeitlichen Verdichtungen performativ sichtbar zu machen. Sie wurde 1992 in Dresden geboren, studierte dort Freie Kunst und kam schließlich nach Hamburg, um in einem weiteren Studium ihrem Interesse für Textildesign nachzugehen. Beide Städte verbindet der einstige Grenzfluss Elbe. In der Hafencity, im Elbtunnel und auf den Elbbrücken fand sie passende Orte für ihre Interventionen. Reiter gehört der sogenannten ostdeutschen Nachwendegeneration an, für die die DDR kein Thema mehr sein soll und es doch ist. Neben der unmittelbaren Konfrontation mit Pegida sei es vor allem eine Reise entlang des einstigen »Eisernen Vorhangs« gewesen, die ihr vor Augen geführt hätte, dass die historischen Grenzen fortwirken – ganz real und greifbar.

Allein auf diese Erfahrungen beschränken wollte sich die 30jährige nicht und führte Interviews mit Menschen in Hamburg, die einen Bezug zur ostdeutschen Vergangenheit und Gegenwart haben. Eine von ihnen ist Joan Funnah. 1991 in Dortmund geboren, zog sie mit ihren Eltern bald nach Eisenach. Hier lernte sie nicht nur den strammen Schulalltag kennen, sondern wurde erstmals mit Rassismus konfrontiert. Heute lebt sie in Hamburg, vermisst den Thüringer Wald und seine Menschen. »Wenn ich nicht schwarz wäre, würde ich sofort zurückgehen«, hört man sie in der Soundinstallation sagen. Eine ganz andere Geschichte erzählt der 1958 in Bützow geborene Uwe Kaspereit. In der DDR war er inhaftiert und wurde von der BRD freigekauft. Skurril erschien ihm da seine erste Begegnung auf Westgebiet: ein kommunistischer Studentenbund hatte zum Dorffest geladen.

Solche Erzählungen zeichnen in der Ausstellung ein vielstimmiges und Generationen übergreifendes Bild des Annäherns und Auseinanderdriftens von Ost und West. Als Reiter die Interviews im vergangenen Jahr führte, sei ihr aufgefallen, wie häufig ihre Gesprächspartner die eigenen Eindrücke relativierten, sich um eine klare Aussage wanden. Daher der 65 Meter lange textile Schlauch, der das Mauerstück umwickelt. Schlängelnd umkreist er das Betonrelikt und vereint in sich tristes Grau und hoffnungsfrohes Gelb.

Überhaupt die Farben. Sie sind wesentlich für die Textilarbeiten Reiters. Als kräftig leuchtende Flächen sind Blau, Gelb, Braun, Orange hart aneinandergefügt und schaffen ein Flickwerk der Vielstimmigkeit. So auch die beiden Jogginganzüge, die Anne Reiter und die 1986 in Herdecke geborene Künstlerin Vera Drebusch gemeinsam nähten und in die Stadt trugen. Auch dieser Arbeit war eine Befragung vorausgegangen. Diesmal nicht als Interview, sondern in den sozialen Medien. Welche Farbe hat der Osten, welche der Westen, fragten die beiden Künstlerinnen und übersetzten die Antworten in farbenreiche Textilien. Die dabei entstandene Sportkleidung mit ihrer 70er-Jahre-Anmutung bringt Ost und West plötzlich erstaunlich nah zueinander.

Hamburg und Dresden: Symbole für übergeordnete Räume, die seit drei Jahrzehnten, je nach Standpunkt, zusammenfinden oder als Kontinentalplatten auseinanderdriften, aber immer in Bewegung sind. Auf diese Polarität trifft Anne Reiter auch persönlich, wenn sie in Hamburg von Dresden erzählt. Dann schwärmen die einen von der schönen Altstadt, und die anderen drücken ihr wohlfeiles Mitleid über ihre Kindheit im Osten aus.

»Anne Reiter – ost.west NAHT«: 27. bis 29. Mai

Vernissage und Lecture-­Performance am 27. Mai, 19 Uhr

Galerie Hinterconti, Balduin­straße  24 und 22, Hamburg

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