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15.05.2022, 20:29:52 / Inland
Gegen den Medienmainstream

Kriegstreibern kontra geben

jW-Veranstaltung in Berliner Kulturbrauerei für kämpferische Friedensbewegung
Von Marc Bebenroth
Die Mainstream-Medien schüren die Kriegsstimmung, sagte jW-Autor Arnold Schölzel
Reinhard Lauterbach wies auf die interessengeleitete Berichterstattung bürgerlicher Medien hin
Zugeschaltet aus Moskau: Publizistin Franziska Lindner schilderte u. a. die ökonomische Situation in Russland
Aus London meldete sich Jörg Kronauer: Die Invasion Russlands hatte ein langes Vorspiel
Ina Sembdner, jW-Ressortleiterin Außenpolitik, führte durchs Programm

Krieg auf allen Kanälen. Vom Staat und den ihm Getreuen wird unbedingte Parteinahme eingefordert. Der medialen und politischen Monotonie der herrschenden Klasse hat die Veranstaltung der Tageszeitung junge Welt am Freitag abend im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei etwas entgegengesetzt. Rund 280 Teilnehmende verfolgten das abwechslungsreiche Programm im Saal, bislang wurde der digitale Stream von etwa 1.600 Endgeräten abgerufen. Das Motto »Der Krieg soll verflucht sein« gab die klare, antimilitaristische Richtung des Abends vor.

Eröffnet wurde der Abend von Ina Sembdner, Ressortleiterin Außenpolitik dieser Zeitung. Sembdner erinnerte das Publikum im Saal sowie die online zugeschalteten Zuschauerinnen und Zuschauer daran, dass die junge Welt nicht nur seit Beginn des Ukraine-Krieges am 24. Februar beständig berichtet. Schon während der acht Jahre davor habe die im Verlag 8. Mai erscheinende Zeitung über den seit 2014 andauernden Konflikt zwischen Kiew und den Gebieten im Südosten des Landes informiert.

Schaumkrone der Propaganda

Die Reihe von Kurzreferaten begann mit einem Beitrag des Historikers und jW-Autors Reinhard Lauterbach, der über seine Arbeitsweise als freier Journalist in Polen sprach. Er schilderte die tägliche Routine sowie die Besonderheiten der Berichterstattung über die Entwicklungen im Ukraine-Krieg. Alle Meldungen und Medienberichte, die er für seine Arbeit auswerte, seien von Interessen geleitet, unterstrich Lauterbach. Für ihn bestehe dabei die tägliche Aufgabe auch darin, »den Kopf oberhalb der Schaumkrone der Propaganda halten« zu können. Im Umgang mit Quellen müsse man immer Kritik üben und sich fragen, »wem kann ich glauben, wem kann ich nicht glauben«. Dies sei »nicht immer eindeutig«, so der jW-Korrespondent. Den Kern seines Jobs als Journalisten beschrieb er damit, »viel Gestrüpp mit der Hacke des kritischen Verstandes« aufzuarbeiten.

Bevor es mit dem Redebeitrag des jW-Chefredakteurs a. D., Arnold Schölzel, weiterging, sprach noch einmal Moderatorin Ina Sembdner zum Publikum über die junge Welt und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Schließlich hatte der Rundfunk Berlin-Brandenburg einen bereits gesendeten Radiospot der Zeitung wieder aus dem Programm genommen und dies mit der angeblichen Verfassungsfeindlichkeit des Blattes begründet. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer der Veranstaltung wurde der kurze Kinowerbespot von junge Welt vorgeführt. Sembdner wies zudem auf den Prozesskostenfonds hin, mit dem das Verfahren von Zeitung und Verlag gegen die BRD und die Beobachtung durch den Inlandsgeheimdienst vorgeht.

Vergessene Kriege

Über die Medien sprach auch der frühere jW-Chefredakteur und Rotfuchs-Herausgeber Arnold Schölzel. Leitfrage für ihn am Freitag abend war, ob die bürgerliche Mainstreampresse nun tatsächlich versagt im Umgang mit dem Ukraine-Krieg oder ob sie nicht viel mehr genau ihre politische Rolle bestens erfülle. Journalistisch jedenfalls »ist da nix mehr«, konstatierte Schölzel. Wollen Sendungen wie der ARD-»Brennpunkt« zum Einmarsch Russlands in die Ukraine den NATO-Krieg gegen Jugoslawien vergessen machen – oder haben die Macherinnen und Macher ihn selbst tatsächlich vergessen? Schölzel zitierte dazu aus Ulrich Heydens Buch »Der längste Krieg in Europa seit 1945« über Augenzeugenberichte aus dem Donbass, um den aus seiner Sicht ebenfalls vergessen gemachten Krieg in dem von Kiew nicht mehr kontrollierten Teil des Landes. »Über acht Jahre lang hat kein deutsches Mainstreammedium« darüber berichtet, stellte Schölzel klar.

Auf der anderen Seite

Dem dritten Vortrag in dieser Reihe ging eine Schweigeminute für die am 9. Mai verstorbene Inge Viett voraus. »Ihr Kampf, unser Kampf geht weiter«, erklärte dazu Sebastian Carlens, stellvertretender Leiter der Verlag 8. Mai GmbH, auf der Bühne im Kesselhaus. Ihm folgte der als Video eingereichte Beitrag der Friedensaktivistin und Journalistin Franziska Lindner. Die jW-Autorin hält sich derzeit in Russland auf und berichtete über die ökonomische Situation seit Beginn des Ukraine-Krieges. Vor allem aber schilderte Lindner Gespräche, die sie mit Menschen auf ihren Reisen durch das Land über den Krieg führte. Die Berichterstattung russischer Medien sei »recht übereinstimmend«. Das Presserecht wurde von Moskau zuletzt drastisch eingeschränkt. »Allgemein spielen Videos eine große Rolle, auch in der Propaganda jeglicher Seiten«, erklärte Lindner. Einem ihr persönlich bekannten Politikwissenschaftler zufolge ist die russische Linke in Russland gespalten, was sie in ihrem Vortrag weiter ausführte.

Expansive Strategien

Ebenfalls als Video-Einsendung sprach der Journalist Jörg Kronauer zum Publikum. Der jW-Autor erinnerte zunächst an die Zusagen der NATO nach dem Zerfall der Sowjetunion, das Kriegsbündnis nicht weiter gen Osten auszudehnen. Diese Versprechen seien bekanntlich gebrochen worden. Das Kräftegleichgewicht sei seitdem aus russischer Sicht »völlig aus dem Ruder gelaufen«, sagte Kronauer. Die Strategische Tiefe, also die geografisch langen Strecken zwischen Westeuropa und Russlands Machtzentrum, die Armeen einst überwinden mussten, ist heute deutlich geringer. Kronauer erläuterte schließlich die aus seiner Sicht hinter der jüngsten Eskalation stehenden Strategien sowohl Moskaus als auch der von den US-angeführten NATO-Allianz. Deren Ziele würden weit weniger deutlich kommuniziert, seien aber im Kern: Russland ruinieren, einhegen und vor allem als Faktor im Machtkampf mit China ausschalten.

Ein Gespräch zum Thema »Die Linke und der Frieden« bildete den Abschluss des Abends. Moderiert von jW-Chefredakteur Stefan Huth äußerten sich auf dem Podium Sedat Kaja (Bildungsreferent und Mitglied der DIDF-Jugend), Susann Witt-Stahl (Publizistin und Chefredakteurin der Kulturzeitschrift Melodie und Rhythmus), Patrik Köbele (Bundesvorsitzender der DKP) und Lühr Henken (Ko-Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag) zu verschiedenen Aspekten des Ukraine-Konflikts und Perspektiven für den antimilitaristischen Widerstand.

Weitere Berichterstattung zur Veranstaltung folgt in der Montagausgabe von junge Welt.

Mitschnitte der verschiedenen Programmpunkte werden demnächst auf dem jW-Youtube-Kanal abrufbar sein.

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