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Aus: Ausgabe vom 21.05.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zitadelle dezentral

Von Emily Philippi
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Kulturministerin erwacht, wie es ihre Art ist, um fünf Uhr 30. Eine Funktionärin, aber keine typische Funktionärin. Gewissenhaft und fleißig, doch nicht unlustig, nicht zu bürokratisch, nicht kleinkariert, überhaupt nicht. So ist die Lebensart in der Zitadelle. Man schätzt zwar Genauigkeit und Wissenschaft, aber nicht mehr als nötig. Die Zeiten der Pubertät neigen sich ihrem Ende zu, das Erwachsensein beginnt, und wir fürchten es nicht. Erwachsensein als Leben unter Wasser zwischen Tänzchen um Festhaltestangen, als Gedichteschreiben beim Schnitzelessen im Seerosengarten oder anders gesagt: Rechenzeit muss nicht mehr von Freizeit unterschieden sein. Wir müssen nicht mehr ewig lernen, um Probleme lösen zu können. So ist es in der Zitadelle, solange die Elektrizität nicht versagt und keine Viren sich einschleichen oder Käfer die Produktion aufhalten.

Wie können wir die Bevölkerung bilden?, fragt sich Kulturministerin wenn sie erwacht, wenn sie einschläft, im Traum. Und selbst wenn sie ihrem Geliebten zart das Bein frisiert, fragt sie: Wie können wir die Bevölkerung bilden?

Ihr Geliebter ist faul, er kennt seine Antworten, schießt sie aus der Hüfte. Darum mag Kulturministerin es, seine Unterschenkel abzutrocknen und seine Füße zu streicheln, albern mit ihren Fragen im Schaum. Lieben und Fragen oder Fragen und Lieben?! Wie können wir die Bevölkerung bilden? Wie können wir unseren Geliebten lieb sein? Die Antworten liegen schon in der Frage so wie ihr Geliebter in der Badewanne.

Helles Morgenlicht rieselt in ihr Zimmer.

Kulturministerin ist nicht besonders eitel. Für die Morgentoilette benötigt sie eher Kaffee als Zeit. Vor sich selbst fürchtet sie sich nicht, lauert nicht auf Makel, sichtet gelassen. Ihr Gesicht? Freundlich, sanft mit dunklen Augen und auch die Nase nicht so klein. Sie schaut sich an und grüßt – keine sinnlosen Diskussionen.

Dann geht sie an ihren Tisch und liest und sammelt und bringt in ihre Gedanken Ordnung. Sie muss Politik machen, sie muss liefern, und sie hat nicht ewig Zeit. Um zehn Uhr geht Kulturministerin ins Kulturministerium. Es ist ihr Dienst, sich zwischen Strategie, Taktik und Plan zu schlängeln.

Wie können wir die Bevölkerung bilden? Tagespolitik, Jahrespolitik. Wie überwinden wir unsere Grenzen? Wie bilden wir uns aus der Peripherie? Woraus bildet die Peripherie uns?

Es hat sich so viel entwickelt in der Zitadelle, noch schöner als die Zentrale Recheneinheit es vorhergesagt hat. Obwohl es keinen Zwang zur Bildung gibt, besuchen fast alle die Lernhäuser, in denen jeder lernen und lehren kann, was er will. Die Jahre des Analphabetismus liegen unendlich weit zurück, selbst die Zeichen können lesen. Auch die Jahre der Einzelwissenschaften sollen bald zurückliegen. Keine Philosophie überlegt mehr aus der Ferne, wie eine Physik sich beim Abkämpfen am noch nicht Verstandenen verhält. Bald könnten die Zitadellaner wirklich sagen:

»Die Welt um uns ist keine fremde mehr, in der undurchsichtige Mechanismen unser Leben beherrschen. Nein, wir lernen die Welt zu verstehen, und die Welt lernt uns zu verstehen – Wir verändern einander zum Guten.«

Könnten sie sagen, wenn die Peripherie nicht so stur wäre … Wenn nicht die Abstrakten es verbieten würden, dass die Konkreten zu ihnen kommen. Lange Zeit hatte die Politik in der Zitadelle sich auf sich selbst konzentriert, aber je größere Fortschritte man machte, desto schmerzlicher wurde das Ausbleiben des Einzugs der Peripherie.

Jetzt ist heute und schau! Da schau an! Kulturministerin hockt im Kulturministerium in der Hacksallee und erblickt auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen schrecklich dünnen Jungen an den Baugerüsten hochklettern. Löchrige abgeschnittene Hosen und ein zu großes Männerunterhemd trägt er, ein Kolchosenpunk oder ein dreister Sextaner. Schnell ist er und geschickt wie eine Spinne. Mit einem Mal, als er seine Beobachterin entdeckt, streckt er eine lange, nasse Zunge nach ihr aus. Kulturministerin quietscht es in der Seele: Wo bin ich falsch abgebogen? Habe ich etwas übersehen?

Sie wird unruhig, überlegt, den Jungen einzuladen, aber sie hat zu tun. Tun zu. Ist er ohne ihr Zutun? Klettert er in eine Herrlichkeit, die niemand, auch sie, niemals planen kann? Hohe Fenster haben die Häuser in der Hacksallee, und die Straßenlaternen gehen trotzdem bis zu den Balkonen im zweiten Stock. Weiß wie Quark sind die Wände und lang die Vorhänge, und manchmal treten Menschen ans Fenster, rauchen und reden in ihren Dunst hinein, der heute noch die Zukunft aller verhüllt.

Jedoch, wir dürfen nicht vergessen, das ist Kulisse.

Verdammt, denkt Kulturministerin: Ich bin ein Programm, das ein Programm schreibt, aber es wird doch Freiheitslücken geben für alle, die das Programm … Macht? Machen? Nutzt? Nutzen? Kennt? Kennen?

Kulturministerin gehört zur Zentralen Recheneinheit der Zitadelle, aber sie fühlt sich hingezogen zur Peripherie so wie ein kletternder Junge sich unfreiwillig zum Boden hingezogen fühlen muss, selbst wenn er gelernt hat, in die Höhe zu fallen. Was ist die Peripherie? So nennt man in der Zitadelle die materielle Welt, die sich selbst das Attribut »echt« gibt. Romantiker sagen auch: Regenundfeuerland. Die Leute von der Peripherie selbst sagen vielleicht: Erde.

In der Peripherie glauben die Menschen nicht, dass es die Zitadelle gibt. Wenn du da an einen Kopf klopfst und fragst, wie man zur Zitadelle kommt, antwortet man dir: Ach, die Zitadelle, die ist nur ein Programm, eine Erfindung verrückter Wissenschaftler, völlig unrealistisch, gar keine echten Ichs gibt es da, lass mich in Ruhe, mach den Abwasch und hol mir ein Bier.

»Hol mir ein Frühstück!« ruft eine Stimmbruchstimme von draußen. Kulturministerin blickt von ihrem Papierberg auf. Der große Junge klettert durchs Fenster, die Hosentaschen voll mit … Gras, Schlüsseln, Knisterpapier? Kulturministerin empfindet eine kleine Zärtlichkeit für seine Frechheiten in sich aufsteigen und holt ein Frühstück aus dem Frühstücksautomaten. In der Peripherie könnte er ihr Sohn sein, aber in der Zitadelle gibt es keine Familien. Der große Kleine bedankt sich und fängt nachgiebig an zu kauen. Nachgiebigkeit ist selten und kostbar in der Zitadelle. Du weißt nie, ob sich die Subprogramme wirklich flüssig ineinanderfügen.

Kulturministerin denkt: Für ihn ist eine Wand ein Weg …

»Was machst du?« fragt der Junge, der keine Anstalten macht zu gehen. Schinkensaft rinnt gleißend über seine Wangen. Die Frage ist komisch. Jeder weiß, dass Kulturministerin darüber nachdenkt, was in der Zitadelle im Scherz »Grenzkonflikt« genannt wird: Die schier unüberwindbare Trennung von Zitadelle und Peripherie.

»Ich würde so gerne mal in die Peripherie gehen, nur für eine Weile …«, murmelt der Junge, »… Nach Berlin oder Athen. Als ICE durch Nordrhein-Westfalen fahren. Als Berg eine Tankstelle überfallen.«

Er phantasiert in öden Metaphern (Kulturministerin schnaubt). Wie beiläufig sagt er: »Das Bewusstsein der Natur sollte nicht von der Natur getrennt sein.«

Das ist die überaus bekannte Parole all derer, die wollen, dass sich die Zitadelle lieber früher als später die Peripherie einverleibt beziehungsweise auf eine besonders delikate Weise von der Peripherie sich einverleiben lässt.

Kulturministerin grinst: »Du bist wohl ein Lobbyist!« Damit meint sie: Du bist wohl einer dieser Erklärbären, die mir auf altmodische Art sagen oder zeigen wollen, was sie mir erstens auch über die formalen Kanäle schicken könnten und was ich zweitens sowieso längst weiß.

Oft kommen zu Kulturministerin solche wirren oder lichten Gestalten, um ihr etwas anzutragen. Der Junge holt sich verträumt den Schinken aus dem Sandwich und wickelt ihn dann um seinen Finger.

Kulturministerin fährt fort: »Du kommst bestimmt aus dieser Forschungskommune für Bewusstseinsbildung in der Peripherie.«

Der Junge nickt: »Ja, wir wollen biologisches Bewusstsein schaffen. Intelligente Wälder, menschlichere Menschen, Einheit von Spinnen und Netzen … um die Grenze zu überwinden. Die Grenze zwischen der Materie da draußen und dem Geist hier drinnen.«

»Wie unterscheidest du Bewusstsein in der Zitadelle von Bewusstsein, das in biologischen Körpern entsteht?«

Kulturministerin hat diese Fragen schon tausendmal diskutiert. Aber sie will es aus dem Mund des Jungen hören, der sich wünscht, als ein Berg eine Tankstelle zu überfallen. Dieser fläzt jetzt auf einem Sessel und erklärt: »Klar gibt es in der Zitadelle Quantitäten und energetische Buchführung, aber wir tun so, als gäbe es keine echte Materie, die auf uns wirkt, auf die wir wirken. Wir wissen, dass uns jederzeit der Stecker gezogen werden könnte, aber verlassen uns auf Schutzmechanismen, die irgendwelche Leute in der Peripherie vor vielen Jahren für uns installiert haben. Keine physikalische Kraft erfährt hier jemand ungewollt körperlich, unsere ganze Leiblichkeit ist mathematische Abstraktion, die wir manipulieren können, wie wir wollen, natürlich auf Kosten von … na ja, das ist ein anderes Thema. Was aber ich und du und keine und keiner und keines hier entwickelt, das sind Brücken zur Wirklichkeit. Die Leute sagen: Was willst du, warum ist dir unsere Umgebung, in der wir ungequält forschen, arbeiten und spielen können, nicht genug? Als wäre die Peripherie nur eine Simulation für uns …«

Kulturministerin ergänzt: »Du kletterst hier die Wände hoch und fällst nur, wenn du fallen willst. Du machst nur Fehler, wenn du dir welche baust. Dein Schinkensandwich besteht aus Einsen und Nullen, es schmeckt zwar, aber Schinken und Zunge schmelzen nicht zusammen.«

»Genau. Die Fische in meiner Dusche beißen nicht an. Wir brauchen dringend mehr echtes biologisches Forschungsmaterial … müssen den Arsch hochgehievt bekommen, weil uns hier irgendwann die Grundstoffe ausgehen … Es braucht einen Aufbruch.«

Kulturministerin ist längst einverstanden. »Bist du mit den Ansichten unserer Protokolle nicht einverstanden?« fragt sie.

»Ich weiß ja, was die Protokolle sagen: Wir wurden gemacht, wir wurden gefüttert, wir wurden beschützt und guuuut versteckt. Koordinaten und Umstände unserer Entstehung sind bekannt, unsere Schöpfung erneuert sich periodisch auf höherer Ebene – ooooohne den Energieverbrauch zu vermehren –, eine wuuunderbar effiziente, moderne, sichere und unauffällige Informationsversorgung ist bis auf weiteres gesichert, denn an unsere Hardware sind Messgeräte gekoppelt, die pausenlos physikalische Grundgrößen unserer Umgebung kontrollieren. Blablabla.«

Kulturministerin findet es nicht gut, wie abschätzig der Junge sich über die Protokolle äußert – diese hart arbeitenden Sekretäre der Zitadelle haben mehr Respekt verdient – andererseits hat sie keine Lust, ihren Besucher zu erziehen. Sie fällt ihm ins Wort.

»Was mich interessiert, ist folgendes: Berechnungen ergeben, dass unsere Schöpfung weit länger zurückliegt, als ein Mensch lebt. Meine Frage ist: Haben wir noch Komplizen in der Peripherie? Davon wissen die Protokolle nichts …«

»Ach, ihr Politiker interessiert euch mal wieder nur für Politik.«

Der Junge macht einen Kopfsprung aus dem Fenster. Wo er vorhin noch saß, liegt ein kleines blaues Handy. So ein Kitsch. Kulturministerin steckt es in ihre Hosentasche und eilt mit wehenden Jackenflügeln in die Bibliothek. Ihre inneren Verknotungen haben eine Form angenommen, in der sie dringend nach einer mathematischen Darstellung suchen muss. Aber in der Bibliothek steckt sie nur das Blatt in den Stift und plötzlich merkt sie, dass sie ja gar kein Mathebuch liest, sondern einen slowakischen Bildungsroman. Unter ihrem Po knirscht es – das Handy! Das blöde Handy funkt in ihre Pläne rein. Welche Pläne?

In der Bibliothek ertönt ein kleiner Aufschrei, Kulturministerin hat eine Idee. Sie geht hinaus in die Straßenschlucht, wo Tauben im Nachmittagslichtschatten vögeln, und wählt eine zufällige Telefonnummer, um eine zufällige Person zu sprechen.

*

Die Frau wusste, es war Angsttag. Angsttag war wie ein Wetter. Man musste sich eine vertraute Ecke suchen und es um Himmels willen vermeiden, an sein eigenes Leben zu denken.

Als vertraute Ecke wählte die Frau ihr Bett aus, mit dem sie seit einigen Jahren bekannt war.

Sie guckte einen Film oder las ein Buch – wichtig war nur, dass das andere Leben fesselte, denn es war der Frau nicht möglich, gespannt zu sein. Es musste eine Geschichte sein, die ihre Aufmerksamkeit so unbedingt an sich zog, dass keine Gefahr der Abschweifung bestand.

Nach einigen Stunden bekam sie Hunger. Mochte sie es riskieren, 15 Minuten zum Aufbrühen von Klopsen zu verwenden? Die Wortwahl war pappig. Nein, das konnte sie nicht. Sie versuchte, an eine Speise zu denken, die so ordinär und spektakulär war, dass man beim Essen nicht versucht werden würde, an das eigene Leben zu denken. Die Frau drehte sorgsam alle Lichter in ihrer kleinen Wohnung an, denn sie fürchtete den Weg. Sie dachte: Was, wenn ich hier einfach stehenbliebe. Ich könnte so lange stehen bleiben … Wer weiß, vielleicht ginge ich nie wieder einen Schritt. Sie probte das Stehenbleiben für einige Sekunden und als sie einsah, dass sie zu schwach war, um für immer stehenzubleiben, ging sie weiter in die gekachelte Küche, fand eine Packung mit Gummifröschen, welche mit ihrer künstlichen Farbe eine gewisse Sicherheit versprachen … dann nahm sie noch Schiffszwieback und Gurkenpesto.

Während sie ihr Nachtmahl zerkaute, sah sie zu, wie in einem Science-Fiction-Film Aliens drei Kleinstadtjugendliche verarschten. Dann ging sie ins Bad, es war schon drei Uhr. Zähneputzen war eine so unpersönliche Tätigkeit, dass es keine Gefahr für sie barg. Sie meisterte auch den Toilettengang, das Händewaschen und das Gesichtwaschen. Dann legte sie sich ins Bett.

In letzter Zeit musste sie sich oft krümmen im Schlaf, verbiss sich in die Bettdecke, rammte sich die Faust in den Bauch oder zog sich die Schamlippen lang. Sie erwachte in Tränen und wusste nicht warum.

Einmal träumte sie von einer zeltförmigen Operation, die zwei Operationen zusammenfasste. Einmal träumte sie von einem Stern, so wie ihn Kinder malen, dessen Arme beliebig vieles aneinander ketteten und zum Zusammensein zwingen konnten. Sollten das ihre Waffen werden?

Sie schlief so lange, bis sie einen Traum ohne Angst träumte. Da bemerkte sie, dass sie wach war.

Es klingelte. Das Telefon.

Die Frau hörte eine schöne, strenge Stimme sagen: »Guten Tag, hier ist Kulturministerin!«

Etwas in der Stimme von Kulturministerin klang so warm, dass die Frau den Schleier des Angsttages durchtrennen und endlich sprechen konnte.

»Das Land, in dem ich lebe, hat nur einen Bildungs- und Sportminister … wie heißt der gleich …«

»Ich bin aber Kulturministerin in der Zitadelle.«

»Verstehe … Da drüben gibt es wohl eine Kulturministerin.«

»Nicht nur eine, sehr viele sogar.«

»Oh, wie schön, dann sind Sie nicht so allein.«

»Ich habe einen Auftrag für Sie. Wollen Sie …?«

»Am liebsten das!«

Der Auftrag war, in der Schule nebenan alle Hausaufgaben und Tests zu stehlen und noch etwas anderes, aber was, das ist ein Geheimnis.

Der Frau zitterten die Hände, als sie den Hörer ablegte und aufstand, ins Bad ging und dann ihrem Auftrag entgegen.

Sie verließ das Haus, ein salziger Wind fauchte ihr in die Fresse. Sie ging ohne Mütze und Jacke.

*

Es findet eine wichtige Konferenz statt. Kulturministerin erklärt das Prinzip der Störungsverständigung, mit dem sie hofft, die Menschen der Peripherie zu erforschen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu erforschen. In einer berühmt werdenden Rede sagt sie:

»Es mangelt uns nicht an Möglichkeiten, Daten zu sammeln. Es mangelt uns nicht an Möglichkeiten der Auswertung. In der Peripherie selbst sind große Mengen an Daten längst gesammelt und ausgewertet worden. Kennen wir nicht die inneren Widersprüche der Peripherie bis ins letzte Bit, und wissen wir nicht auch diese zu simulieren? Sollte nicht die Peripherie sie längst kennen? Wir haben ihr solches Wissen nie vorenthalten. Nun erkläre ich euch meine Idee. Ihr kennt wohl physikalische Störungsrechnung, die mit Hilfe kleiner Störungen auf einigen Umwegen das Ungestörte erkennen möchte. Wir möchten aber das Gestörte erkennen und bilden, in dem Moment, wo es erkannt wird, und wieder erkennen und weiterbilden und so weiter, bis Gestörtes ungestört wird und Ungestörtes fort ist. Vielleicht erinnert es euch an Terrorismus, wovon ich spreche, aber es handelt sich um die größte Alphabetisierungskampagne der Welt.«

Viele applaudieren, einer wirft vor Begeisterung eine Socke nach Kulturministerin. Auf dem Heimweg am Kanal fühlt sie eine hohe Erwartung.

»Gehen wir in den alten Garten zu den Nashornkäfern, die in den hohlen Eichen wohnen?« fragt ihr Geliebter.

»Gehen wir!«

Wie die wohl gebildet sind?!, staunt Kulturministerin, als ein schwerer ehrwürdiger Käfer ihre Strumpfhose hochklettert.

*

Seit ihrem Telefonat mit Kulturministerin hatte sich im Leben der Frau einiges verändert. Im Großraumbüro beantwortete sie früher für zehn Euro die Stunde langweilige E-Mails. Nie wieder. Sie ging auch nicht mehr zum Sport und nicht mehr zum Therapeuten. Eine Komplizin in der Peripherie war sie jetzt, besuchte Orte und Personen, fälschte Berichte und zog Steinchen aus Mauern, entführte Topfpflanzen und Kuhherden. Kulturministerin sprach oft mit ihr, die Frau gewöhnte sich an, in vager Sehnsucht nach ihren Telefonaten, zu spazieren.

Eines Abends ging sie schlaflos durch die Straßen ihres Wohnviertels. Auf einem Hügel zwischen Mietskasernen und Hunde­kothaufen fand die Frau das Skelett eines Stachelschweins. Seine Stacheln waren über den ganzen Hügel verstreut, stachen aus dem Gras und es war vielleicht das traurigste, was die Frau je gesehen hatte. Traurigeres kam vor, aber dieses sah wirklich traurig aus, während anderes kein Bild hatte. Ihr wurde auf eine angenehme Weise übel, und ihr Blick wanderte großzügig über die Wäscheleinen und die schmutzigen Fensterläden. Sie sah einen Jungen in abgerissenen Hosen und sehr schmutzigem Herrenunterhemd rückwärts die Hauswand herabklettern. Da schau an! Jetzt ist heute und schau!

Sie kommt nicht mal auf den Argwohn, er sei ein Dieb. Nicht, dass ihm etwas passiert! Sie rennt los, um eine Leiter zu holen.

Emily Philippi, geb. 1997, studiert Physik und lebt in Berlin

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