Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 21.05.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Warme Oligarchenwohnung

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal 1100 x 526.png

Der Krieg in der Ukraine geht in die Verlängerung, denn Geld ist da. »Ich habe für Deutschland gerade in der Sitzung erklärt, dass wir uns beteiligen wollen in der Größenordnung von einer Milliarde Euro«, informierte Finanzminister Christian Lindner am Donnerstag am Rande des G7-Treffens auf dem Petersberg bei Bonn. Es seien Zuschüsse, die anders als Kredite nicht zurückgezahlt werden müssen. Und Reuters setzt hinzu: »Insgesamt braucht die von Russland angegriffene Ukraine für die nächsten drei Monate in etwa 15 Milliarden Euro beziehungsweise Dollar. Lindner sagte, die Hälfte davon hätten die USA bereits angeboten. Er rechne mit weiteren Zuwendungen.«

Das wird die ukrainischen Oligarchen freuen, die bei Ausplünderung des eigenen Landes weit vor den russischen Kollegen liegen. Zum Beispiel Rinat Achmetow, im April laut Forbes 4,8 Milliarden US-Dollar »schwer«. 2011 legte der Stahl- und Kohlebaron in London die höchste Summe, die dort je für ein Apartment bezahlt wurde, auf den Tisch: 213 Millionen US-Dollar, umgerechnet 155 Millionen Euro, für bescheidene 2.323 Quadratmeter auf drei Etagen mit Blick auf den Hyde-Park, selbstverständlich mit 24-Stunden-Zimmerservice, Weinkeller, Bunker sowie schusssicheren Fenstern. 2014 kam das Schloss Les Cèdres bei Cannes für rund 200 Millionen Euro (laut Prospekt 14 Schlafzimmer, Bibliothek mit 3.000 Büchern, Swimmingpool von olympischer Größe, riesiger Park und Stall für 30 Pferde) hinzu. Ab dem 24. Februar tat Boris Johnson so, als ob er auf der Jagd nach Oligarchen sei – von Achmetow und anderen ukrainischen Milliardären war keine Rede. Achmetow ist jetzt nämlich Patriot und tritt, wenn auch gemäßigt und nicht beleidigend wie der ukrainische Botschafter in der Bundesrepublik, für den Sieg Kiews im Krieg ein.

Wärme im Winter für Achmetows Wohnung in London ist jedenfalls sicher, an der französischen Riviera wird selten Heizung benötigt, außerdem verfügt der gegenwärtig als Philanthrop für die Ukraine Wirkende standesgemäß über eine private Flugzeugflotte und Jachten fürs Hin- und Herdüsen zwischen seinen hier nicht vollständig aufgezählten Palästen.

Anders hingegen, nämlich düster, teilt die FAZ am Montag mit, sieht es in der Bundesrepublik für Industrie und Mieter aus. Christian Geinitz, in der Berliner Parlamentsredaktion der Zeitung für Gesundheits-, Klima- und Energiepolitik zuständig, verordnet den Deutschen am Montag Bibbern nach dem Sommer: »Schon jetzt ist klar, dass Deutschland kein heißer, sondern ein kalter Herbst droht. Unternehmen müssen sich auf Rationierungen und die Gaszuteilung durch die Bundesnetzagentur einstellen, Privatverbraucher auf steigende Preise und kühlere Zimmer. Insolvenzen und Arbeitslosigkeit drohen. Die Einsicht fällt schwer, ist aber unabweisbar: Europa befindet sich im Krieg, ohne Verzicht und Wohlstandsverluste wird es nicht gehen.«

Wer hätte es gedacht: Wenn die Bundesrepublik die Staatsfinanzen für Krieg aus dem Fenster wirft – im Fall der Ukraine zudem für eine Art schwarzes Loch innerhalb der Weltkorruption –, dann gilt hierzulande die Parole »Verzicht«. Wenn auch nicht für alle.

Geinitz erklärt seinen Lesern, das Frösteln wäre ihnen erspart geblieben, hätte die amtierende Regierung Gaskraftwerke ersetzt, »wenn schon nicht mit heimischer Braunkohle, dann mit der Kernenergie, die noch dazu das Klima schont«. Statt Jammern wäre die Reaktivierung alter Kraftwerke auf dieser Basis nötig. Im übrigen, so Geinitz zu den von ihm proklamierten Einschnitten, seien die »nichts im Vergleich zu dem Überlebenskampf der Ukrainer«. Denn der Russe lässt keinen leben. Wie gut, dass wenigstens einer wie Achmetow was vom Geldsegen hat.

Wer hätte es gedacht: Wenn die Bundesrepublik die Staatsfinanzen für Krieg aus dem Fenster wirft – im Fall der Ukraine zudem für eine Art schwarzes Loch innerhalb der Weltkorruption –, dann gilt hierzulande die Parole »Verzicht«. Wenn auch nicht für alle.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage

Startseite Probeabo